ArchivDÄ-TitelSupplement: ReisemagazinSUPPLEMENT: Reisemagazin 2/1996Wo England noch England ist: Stippvisite in East Anglia

SUPPLEMENT: Reisemagazin

Wo England noch England ist: Stippvisite in East Anglia

Dtsch Arztebl 1996; 93(18): [7]

Berg, Detlef

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LNSLNSLNSLNS Nordöstlich von London, zwischen Themse-Mündung und der Nordseebucht Wash, scheint England noch in Ordnung. Die nahezu unzerstörte Landschaft bietet sanfte Hügel, rauhe Küsten und weite Horizonte, Salzmarsch und Lavendel, Rübenäcker und Rosengärten. Die Rede ist von Ostengland, Inbegriff des Countryside schlechthin. East Anglia, das sind die drei Grafschaften Norfolk, Suffolk und Essex, vervollständigt durch das wilde Fenland von Cambridgeshire und die malerischen Grafschaften Hertfordshire und Bedfordshire.
Überall in der Region haben Römer, Angelsachsen und Normannen die erstaunlichsten Spuren hinterlassen. Auch die Mönche und Weber des Mittelalters, die elisabethanischen Landlords und die Künstler der Romantik haben East Anglia zu einer der großen europäischen Kulturlandschaften gemacht.
Von Hamburg aus nehmen wir Kurs auf Harwich, dem Ausgangspunkt unserer Erkundungen. Rund 20 Stunden dauert die bequeme Überfahrt mit der MS Hamburg. Harwich empfängt uns unspektakulär. Keine weißen Klippen begrüßen uns, und auch die Stadt selbst ist nicht aufregend. Doch nur wenige Meilen landeinwärts erstreckt sich das Landschaftsschutzgebiet Dedham Vale, besser bekannt als "Constable Country". In den Flußauen des Stour lebte und malte der wohl berühmteste englische Landschaftsmaler, John Constable. Vor über zwei Jahrhunderten fand er in dieser Landschaft die Motive für seine Gemälde. Eines seiner bekanntesten Werke zeigt die Flatford-Mühle, die um 1733 erbaut wurde und bis 1846 im Besitz der Malerfamilie war. Ein anderes Gemälde Constables stellt das grüne Tal des Flusses dar, eine Brücke, zwei Häuser und den markanten Kirchturm von Dedham im Hintergrund. Auch diese Szene ist bis in unsere Tage fast unverändert geblieben. Vom luxuriösen Hotel "Maison Talbooth" – alle zehn Zimmer sind individuell mit wertvollen Antiquitäten ausgestattet – hat der Gast den klassischen "Constable-Blick" über das Tal und auf die Kirche St. Mary. Nicht weit entfernt vom Hotel liegt mit dem Restaurant "Le Talbooth" eine der Feinschmecker-Topadressen: Das schmucke Fachwerkhaus, direkt am Stour gelegen, belehrt alle eines Besseren, die meinen, man könne in England nicht gut essen.
Nur zwanzig Kilometer flußaufwärts liegt die Heimat des zweiten großen englischen Landschaftsmalers, Thomas Gainsborough. Sein Geburtshaus mit einer umfangreichen Gemäldesammlung steht im kleinen Städtchen Sudbury. Nicht weit ist es von dort nach Long Melford. Englands blühende Wollindustrie war hier seit dem 15. Jahrhundert zu Hause. Der Reichtum des Ortes schlug sich nieder in der großartigen Tudor-Kirche und den vielen stattlichen Fachwerkhäusern der Tuchhändler, die heute seine lange Hauptstraße mit den vielen Antiquitätenläden säumen.
Im Nachbarort Lavenham wird das Mittelalter lebendig. Der Rundgang durch die alte Weber- und Tuchhändlerstadt versetzt uns in jene Zeit, als Suffolks Stoffe bis nach Spanien exportiert wurden. Die Guildhall, das prachtvolle Fachwerkhaus, wurde um 1520 erbaut. Die Tuchindustrie ging im 18. Jahrhundert unter, doch die Architektur legt auch heute noch ein beredtes Zeugnis von einer großen Vergangenheit ab.
Sehenswert sind auch Clare, Cavendish oder Finchingfield mit seinem idyllischen Dorfanger samt Ententeich. Zeit sollten Sie sich schon nehmen, um die vielen kleinen Bilderbuchorte mit den reetgedeckten niedrigen Cottages zu entdecken.
Weiter geht die Fahrt auf schmalen und kurvenreichen Nebenstraßen in Richtung Küste nach Aldeburgh. Benjamin Britten und der bekannte Tenor Peter Pears begründeten das weltberühmte Aldeburgh Festival, jedes Jahr im Juni Anziehungspunkt für Musik- und Kunstfreunde aus aller Welt. Norwich – Metropole der Grafschaft Norfolk – besitzt nicht weniger als 33 mittelalterliche Kirchen. Keine Stadt in England hat mehr aufzuweisen. Überragt wird das historische Zentrum vom herrlich geschmückten und 103 Meter hohen Turm der wundervollen Kathedrale, deren Ursprünge in das Jahr 1096 zurückreichen. Im Schatten der Kathedrale stehen die Marktbuden mit ihren bunten Markisen. Seit fast 900 Jahren halten hier die Bauern der Umgebung Markt. Mit den über 200 Ständen bietet der älteste und größte Straßenmarkt des Landes ein besonderes Einkaufsvergnügen. Nicht zu vergessen Elm Hill, die Drosselgasse von Norwich: Fachwerkhäuser mit spitzen Giebeln, liebevoll restauriert, pastellfarbene Fassaden, Kopfsteinpflaster, eine kurze Straße mit großer Geschichte.
Faszinierend sind die in Norfolk besonders zahlreichen Herrenhäuser. Prächtige Landsitze mit riesigen Gütern wie Blickling Hall oder Holkham öffnen ihre Türen für Besucher.
Zwischen Cromer und Hunstanton, ganz im Nordwesten Norfolks, liegt Englands einsamste Küste. Sand- und Kiesbänke, endloses Marschland, unzählige Buchten, Priele und Kanäle bilden das größte Naturreservat des Landes. Kleine Marschdörfer wie Cley-next-the-Sea oder das verträumte Blakeney mit den flintsteinverkleideten Häusern reihen sich entlang der Küstenstraße. Nelson, der Sieger von Trafalgar, stammt von dieser rauhen Küste.
Im Hinterland von Norfolks Küste duftet es. Um Heacham erstrecken sich riesige Lavendelfelder. Norfolk Lavender ist Englands größter Lavendelproduzent, und die Farm kann besichtigt werden.
Krönender Abschluß unserer Rundreise ist die Universitätsstadt Cambridge. Die traditionsreichen Colleges und das noch immer geruhsame studentische Leben geben der Stadt die eigene Atmosphäre. Detlef Berg


Informationen: Britische Zentrale für Fremdenverkehr, Taunusstraße 55-60, 60329 Frankfurt,
Tel 0 69/238 07 11, Fax 238 07 17.


Anreise: Mit Pkw und Fähre Hamburg – Harwich – Hamburg mit der MS Hamburg, Scandinavian Seaways, Van-der-Smissen-Straße 4, 22767 Hamburg, Tel 0 40/38 90 30, Fax 38 90 31 20.


Unterkunft: Maison Talbooth, Stratford Road, Dedham, Colchester, Essex C07 6HN, Tel 00 44/12 06/32 23 67, Fax 32 23 09.


Restaurant: "Le Talbooth", Gun Hill, Dedham, Colchester, Essex C07 6HP, Tel 00 44/12 06/32 31 50,
Fax 32 23 09.
Literatur: Umfassend informiert der DuMont-Kunst-Reiseführer "Ostengland" von Peter Sager, 44 DM.

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