ArchivDeutsches Ärzteblatt8/2004Dermatologie - Scabies: Die unter die Haut geht

POLITIK: Medizinreport

Dermatologie - Scabies: Die unter die Haut geht

Dtsch Arztebl 2004; 101(8): A-478 / B-400 / C-392

Merten, Martina

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Die weibliche Krätzmilbe dringt durch die Hornschichten der Epidermis bis zur Grenze des Stratum granulosum in den Wirtsorganismus ein. Foto: medicalpicture
Die weibliche Krätzmilbe dringt durch die Hornschichten der Epidermis bis zur Grenze des Stratum granulosum in den Wirtsorganismus ein. Foto: medicalpicture
Ob sich die Krätzmilbe Sarcoptes scabiei tatsächlich
weiterverbreitet, ist in der Fachwelt umstritten.

Überraschend häufig schaffte es die nur knapp 0,5 Millimeter große Krätzmilbe in den vergangenen Wochen in die Schlagzeilen: „Neue, aggressive Krätzeform bedroht Heime“ warnte die Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienste und Wohlfahrtspflege (BGW), Hamburg, ihre fünf Millionen Versicherten im Dezember 2003. Auch die Zeitschrift „Der Spiegel“ berichtete erst kürzlich über eine Krätzeepidemie in Altenheimen und Kindergärten. Während einige Dermatologen die ihnen bekannten Fälle als deutliches Zeichen für ein verstärktes Vorkommen der parasitären Erkrankung werten, deuten andere das wachsende Interesse an der Krätzmilbe lediglich als Zeichen einer gewachsenen Sensibilität für das Thema.
Drei Krätzefälle pro Woche
Von „zurzeit drei Krätzefällen pro Woche“ berichtet zum Beispiel der leitende Oberarzt der Klinik für Dermatologie, Venerologie und Allergologie/Universitätshautklinik Kiel, Prof. Dr. med. Dr. rer. nat. Ehrhardt Proksch, gegenüber dem Deutschen Ärzteblatt. Auch aus Krankenhäusern und Pflegeheimen seien in den letzten Jahren vermehrt Fälle von Scabies gemeldet worden. Dr. med. Torsten Hauschild, Dermatologe aus Rheinfelden und Sprecher des Berufsverbandes der Deutschen Dermatologen e.V., geht sogar von einer 20-prozentigen Steigerungsrate in den vergangenen zehn Jahren aus. Je Quartal zählt seine Praxis zurzeit einen Infektionsfall.
Beide Hautärzte beobachteten den Krätzebefall verstärkt bei Patienten aus Großfamilien, bei Mitbürgern aus osteuropäischen Ländern und bei älteren Patienten. Die Erkrankung zeichnet sich durch starken Juckreiz und die Bildung von Papulovesikeln aus. Als Folge des Kratzens kann es zu Ekzembildungen und eitrigen Krusten kommen.
„Gerade bei alten und kranken Menschen kommt es aufgrund eines schwachen Immunsystems häufig zu einer Verstärkung des klinischen Bildes“, weiß der Dermatologe. Diese als scabies norvegica bezeichnete Form ist hoch ansteckend und geht mit einer massenhaften Milbenvermehrung einher. Allerdings: Bis sich bei den Patienten die typischen Symptome ausprägen, vergehen in der Regel drei bis sechs Wochen. In dieser langen Inkubationszeit nimmt die Milbenpopulation kontinuierlich zu. Das Weibchen, das sich täglich zwischen 0,5 und fünf Millimetern durch die Haut des Betroffenen gräbt, legt jeden Tag zwei bis drei Eier. Es kann bis zu acht Wochen unter der Haut überleben.*
Für Dr. med. Frank Haamann, Arbeitsmediziner bei der BGW, steht eine Ausbreitung der Scabies außer Zweifel: „Wir erhalten ausreichend Signale von unseren Versicherten“, so Haamann. Die bei der BGW gemeldeten Krätzefälle sind zwar von 2000 bis 2002 von 301 auf 169 zurückgegangen, die Meldungen seien aber „nicht immer repräsentativ“. Der Arbeitsmediziner sieht den Grund für den Anstieg in der Ausbreitung der hartnäckigeren scabies norvegica. Bei dieser Form sei es besonders wichtig, das Infektionsschema einzuhalten. Dies gelinge vielen Heimen aus Zeit- und Kostengründen und mangelnder Information nicht immer.
Von einer Krätzeepidemie zu sprechen, wie sie im „Spiegel“ beschrieben wird, hält Angela Bold für „völlig überzogen“. Der stellvertretenden Leiterin des Kieler Gesundheitsamtes sind jedoch Fälle aus Pflegeheimen oder von Obdachlosen bekannt. „Zu vereinzelten Ausbrüchen kam es in den vergangenen Jahren immer wieder“, so Bold. 2003 habe es lediglich einen Ausbruch in einem Kieler Pflegeheim gegeben.
Für Dr. med. Klaus-Peter Brenner vom Kölner Gesundheitsamt liegt die Erklärung für die angebliche Steigerungsrate auf der Hand: „Es wird lediglich mehr darüber geredet.“ Das habe wegen der Ansteckungsgefahr der Erkrankung auch Vorteile. Denn mittlerweile habe sich das Vertrauensverhältnis der Heime zum Gesundheitsamt sogar so weit gebessert, dass Vorfälle freiwillig gemeldet werden. Dazu sind
sie nach § 6 des Infektionsschutzgesetzes nicht verpflichtet, weil die Krätze nicht zu den dort aufgeführten meldepflichtigen Krankheiten zählt. Sind jedoch Gemeinschaftseinrichtungen oder Krankenhäuser, Vorsorge- und Rehabilitationseinrichtungen betroffen, müssen die Einrichtungen nach § 36 Absatz 1 des Infektionsschutzgesetzes unmittelbar in Hygieneplänen innerbetriebliche Verfahrensweisen zur Infektionshygiene festlegen. Das Gesundheitsamt hat zu prüfen, ob die Einrichtungen die Hygienevorgaben einhalten.
Nach den Informationen des Unternehmens IMS Health* wurde Scabies von Mitte 2003 bis Herbst 2003 deutlich weniger diagnostiziert, und es wurden weniger Salben zur Behandlung verordnet als die beiden Jahre zuvor. Waren es von Oktober bis Dezember 2001 noch 69 707 Erkrankungen, wurden von Juli bis September 2003 nur 39 114 Fälle diagnostiziert. Auch die Verordnungen gingen im gleichen Zeitraum von 77 783 auf 45 819 zurück. Immerhin, denn zwischen 1947 und 1960 war die Krätze, nachdem sie während und nach den beiden Weltkriegen häufig vorkam, so gut wie ausgerottet. Erst danach wurde bis Anfang der 70er-Jahre in verschiedenen Ländern wieder eine Zunahme der parasitären Erkrankung beobachtet.
Warum es zu großen Schwankungen der Morbidität und zwischenzeitig zu einem völligen Abklingen der Scabies kommt, ist für Wissenschaftler schwer erklärbar. War Scabies lange Zeit – nach den Worten des Medizinhistorikers Prof. Dr. med. Karl-Heinz Leven aus Frei-burg – „eine Krankheit der Unsauberkeit und der Verwahrlosung“, suchen Forscher heute nach anderen Gründen für ihr Vorkommen. So äußerten britische Wissenschaftler die Vermutung, bei den nach etwa 15 Jahren wiederkehrenden, alle 30 Jahre eine Spitze erreichenden Ausbrüchen könnte eine Sensibilisierung mit einer Infektresistenz eine Rolle spielen, zumal die hauptsächlich befallenen Altersgruppen der 16- bis
29-Jährigen erst nach 15 Jahren wieder herangewachsen sind.
Träfe diese Theorie zu, wäre es um das Jahr 2000 herum zu einer erneuten Zunahme der Scabies-Vorfälle gekommen. Dann würde die Krätzmilbe ihre Schlagzeilen verdienen. Martina Merten


*Quelle: IMS Dataview medical, Daten aus dem Verschreibungsindex für Pharmazeutika

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