ArchivDeutsches Ärzteblatt8/2004Akromegalie: Harte Daten

POLITIK: Medizinreport

Akromegalie: Harte Daten

Leinmüller, Renate

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LNSLNS Deutsches Akromegalie-Register und neue Option für die Second-Line-Therapie
Mit jährlich vier bis sechs Neuerkrankungen pro einer Million Menschen ist die Akromegalie eine sehr seltene Erkrankung. Ursache ist ein Adenom der Hypophyse, das vermehrt und unkontrolliert Wachstumshormon ausschüttet. Bis zur Diagnosestellung verstreichen sechs bis zehn Jahre, die Lebensqualität ist beeinträchtigt und die Lebenserwartung um rund zehn Jahre verkürzt. Die epidemiologische Datenlage ist aufgrund der Seltenheit der Erkrankung dürftig, wird sich aber durch das im vergangenen Jahr eingeführte Akromegalieregister ändern. Hierbei werden anstelle von Surrogat-Parametern als primäre Endpunkte Morbidität und Mortalität erfasst, um Kosten und Nutzen von operativem, medikamentösem und radiologischem Vorgehen sowie deren Kombination zu beurteilen.
Hypertonie und Fibrosierung
Nach Angaben von Dr. Ursula Plöckinger (Berlin) wird das deutsche Register mit dem englischen kompatibel sein. Dieses besteht seit 1997 und erfasst 1 565 Patienten. Das deutsche Register ist bei der AG Hypophyse und Hypophysentumoren der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie angesiedelt und wird finanziell getragen von Novartis Pharma.
Betroffen sind überwiegend Patienten in der vierten und fünften Lebensdekade, deren Folgeerkrankungen nur im Frühstadium reversibel sind. Unbehandelt führt die Akromegalie über Hypertonie und Fibrosierung des Herzmuskels zu einer erhöhten Sterblichkeit an allen Herz-Kreislauf-Erkrankungen und zu einer Übersterblichkeit an malignen Prozessen wie Mamma- und Kolonkarzinomen.
Die operative Sanierung des Wachstumshormon produzierenden Hypophysentumors gelingt nur in der Hälfte der Fälle. Bei den restlichen sind medikamentöse und/oder radiologische Therapieformen notwendig. Eine medikamentöse Therapie der Akromegalie zielt darauf ab, den Überschuss an Wachstumshormon (Growth Hormone, GH) zu beseitigen und den Insulin-like-Growth-Faktor-I (IGF-I) auf normale Werte zu senken. Letzterer ist deswegen so bedeutend, weil er nach Induktion durch GH eine Vielzahl seiner Wirkungen vermittelt. Die herkömmlichen Medikamente – Dopamin-Agonisten und Somatostatin-Analoga – sind im Hinblick auf diese Therapieziele eingeschränkt wirksam.
Nach Angaben von Prof. John Wass (Oxford), Leiter des englischen Akromegalieregisters, scheint sich eine Verlagerung zu einem früheren Einsatz der Medikamente anzubahnen, da durch den transphenoidalen Eingriff oft keine Heilung zu erzielen ist. Auch hier könnten die Registerdaten zu einer Klärung führen. Seiner Meinung nach sollte zumindest beim Mikroadenom zuerst der operative Eingriff stehen, dann Medikamente und – aufgrund ihrer Spätfolgen – erst am Ende die Strahlentherapie.
Erste Erfahrungen mit dem neuen GH-Rezeptor-Antagonisten Pegvisomant (Somavert®, Pfizer) für die Second-Line-Therapie weisen auf eine positive Beeinflussung der Hormonspiegel. Pegvisomant hemmt nicht die Ausschüttung des Wachstumshormons, sondern besetzt selektiv dessen Rezeptoren an den Zielzellen. In der Folge werden nicht nur die direkten GH-Wirkungen dosisabhängig blockiert, sondern auch die IGF-I-Spiegel gesenkt.
In einer zwölfwöchigen placebokontrollierten Studie mit 112 Patienten sank der IGF-I-Spiegel unter 10, 15 oder 20 mg Pegvisomant pro Tag signifikant, und bis zu 89 Prozent der behandelten Patienten erreichten normale Werte. Zudem zeigten Patienten, die 15 oder 20 mg täglich erhalten hatten, signifikante Verbesserungen bei typischen Symptomen wie Schwitzen und Weichteilschwellungen. Dr. Renate Leinmüller

Kontakt zum Akromegalieregister: Prof. Dr. med. Hans-Jürgen Quabbe, Priv.-Doz. Dr. med. Ursula Plöckinger, Charité, Augustenburger Platz 1, 13353 Berlin; E-Mail: ursula.ploeckinger@charite.de

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