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SUPPLEMENT: Geldanlage

Geldanlage in Österreich: Brüssel will das Ende anonymer Konten

Dtsch Arztebl 1996; 93(20): [18]

AL

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LNSLNS Die Tage des anonymen Kontos in Österreich scheinen gezählt. Immer stärker wird der Druck von der Europäischen Kommission in Brüssel, das anonyme Konto dort abzuschaffen. Denoch: Es kann sich unter bestimmten Aspekten immer noch lohnen, Kapital in Österreich anzulegen.


Am berühmtesten ist das Schweizer Bankgeheimnis, aber das beste ist das österreichische – bislang jedenfalls. Denn anders als in der Schweiz brauchte in Österreich bislang bei einer Konto- oder Depoteröffnung nicht einmal der Name genannt zu werden, geschweige denn, daß der Kunde sich ausweisen mußte. Letzteres ist selbst bei der Eröffnung des Nummernkontos in der Schweiz notwendig.
Für Ausländer wurde das anonyme Depot bereits 1994 abgeschafft. Aber wie sind Ausländer von Inländern zu unterscheiden, wenn nicht durch einen Blick in den Paß oder Personalausweis? Wer mit österreichischem Dialekt zu sprechen vermag, hatte nach wie vor gute Chancen, an ein anonymes Depot zu kommen. Bundesbürger konnten zudem einen österreichischen Strohmann vorschicken. Und wer einmal ein Depot hatte, konnte darüber auch Geschäfte tätigen.
Das lief so: Beim Erwerb von Wertpapieren im Rahmen eines "Effekten-Kassageschäfts", auch als Tafelgeschäft bekannt, zahlte der Kunde den fälligen Betrag ein und erhielt eine Art Gutschein. Anleihen oder Aktien konnte man sich später gegen Vorlage des Bons aushändigen lassen und in den Banktresor legen oder in ein anonymes Depot einliefern.
Seit 1994 wurde die Möglichkeit, ein anonymes Depot zu eröffnen und zu unterhalten, auf Deviseninländer beschränkt. Aber auch Nicht-Österreicher konnten sehr schnell zu Deviseninländern werden. Dafür reicht es aus, mehr als drei Monate in Österreich zu leben und zu arbeiten.
Dieses anonyme Depot wird nun abgeschafft. Vom1. Juli an müssen sich alle Kunden, die ein Depot bei einer österreichischen Bank eröffnen wollen, legitimieren. Geschont werden aber die Alteigentümer von anonymen Depots. Nur wer Anleihen oder Aktien hinzukauft, muß seine Identität beweisen. Unbehelligt bleibt, wer nur seine Zinsen kassiert oder Verkäufe tätigt.
Mit der Abschaffung des anonymen Depots beugt sich Wien aber nicht in erster Linie dem Druck aus Brüssel. Allenfalls wurde die Entscheidung als ein Mittel angesehen, den Forderungen der EU etwas den Wind aus den Segeln zu nehmen. Vor allem ging es den Behörden darum, den Insiderhandel an der Wiener Börse zu unterbinden. Eine Reihe solcher Fälle konnte zum Verdruß der Aufsichtsbehörden nicht aufgeklärt werden. Allerdings spielen Aktien in den anonymen Depots nur eine geringe Rolle. Von den schätzungsweise 300 bis 400 Milliarden Schilling (etwa 43 bis 57 Milliarden DM), die so aufgehoben werden, entfallen nur zehn Prozent auf Aktien.
Nicht mit sich reden lassen wollen die Österreicher aber offenbar über das anonyme Konto. Mit diesem, so heißt es zwar bei der EU-Kommission, könne die Geldwäsche-Richtlinie unterlaufen werden. Für Österreich gilt die Anonymität des Sparkontos indes als ein "unverzichtbarer Bestandteil der österreichischen Sparkultur" (so die Börsen-Zeitung). Die österreichische Regierung scheint entschlossen, für die Anonymität des Sparkontos weiter zu kämpfen. In einem Brief an die Kommission vom April weist sie die Forderungen nach der Abschaffung zurück. Sie betont vor allem, daß die Beträge, um die es geht, viel zu gering seien, um damit eine systematische Geldwäsche zu betreiben.
Denn seit 1994 wird bei Einzahlungen von mehr als 200 000 Schilling (knapp 29 000 DM) von Ausländern die Vorlage eines Ausweises verlangt. Es erscheint aber zweifelhaft, ob die anonymen Sparkonten im großen Stil für die Geldwäsche mißbraucht werden können. 86 Prozent aller anonymen Konten weisen Guthaben von weniger als 100 000 Schilling (rund 14 300 DM) aus.


Charme bleibt bestehen
In Wiener Finanzkreisen geht man aber davon aus, daß Österreich auf Dauer dem Druck aus Brüssel nicht standhalten kann. Von einer Abschaffung des anonymen Kontos wären aber nicht nur Österreicher betroffen. Denn die Zahl der anonymen Konten wird auf 26 Millionen geschätzt – bei einer Einwohnerzahl von acht Millionen.
Auch nach einer eventuellen Suspendierung des anonymen Kontos hat Österreich für ausländische Anleger immer noch einen gewissen Charme. Auf Zinserträge muß in Österreich seit 1993 eine 22prozentige Kapitalertragsteuer gezahlt werden, die (anders als die Zinsabschlagsteuer) eine Finalsteuer ist. Einkommen-, Vermögen- und Erbschaftsteuer sind damit abgegolten. Die neue österreichische Regierung hat zwar beschlossen, diese Kapitalertragsteuer auf 25 Prozent zu erhöhen. Aber in anderen Ländern müßten viele Anleger höhere Sätze an den Fiskus abführen – auch in Deutschland. Für Bundesbürger lohnt es sich also, sofern die gesetzliche Möglichkeit besteht, sich der österreichischen Steuer zu unterwerfen. AL

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