ArchivDeutsches Ärzteblatt10/2004Körperwelten: Zeitgenössische Lebensfeindlichkeit
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LNSLNS Die Ablehnung der „Körperwelten“ Gunther von Hagens’ durch Prof. Korf teile ich, meine jedoch, dass sein Kommentar das verfehlt, was diese Ausstellung so obszön erscheinen lässt: Nicht die befremdliche Art der Darbietung scheint mir die neue, abstoßende Qualität zu sein, sondern das Verfahren der Plastination, das solche Darstellungsformen erst ermöglicht hat! Denn so konservierte Leichen sind gewissermaßen „toter als tot“, weil man sie dem Prozess der Verwesung für immer ent-
zieht und damit zugleich dem Lebenskreislauf als solchem. Das gilt ja für Mumifizierung schlechthin, doch hier ist deren Technik zu einer plattbunten Vordergründigkeit perfektioniert worden, die als typisch für den Zeitgeist unserer technischen Zivilisation gelten kann: Man flieht vor der Sterblichkeit, indem man Lebendiges sterilisiert, um es als tote, perfekte Form zu „verewigen“, produziert damit aber nicht Unsterblichkeit, sondern nur unzerstörbare entmenschte Hüllen. Was sich hier inszeniert, ist aus meiner Sicht nichts anderes als jene zeitgenössische Lebensfeindlichkeit, die uns allerorten leblose Künstlichkeit als attraktiv verkaufen will.
Dr. med. Wolfgang E. Reuber, Sollinger Straße 24, 83317 Teisendorf
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