ArchivDeutsches Ärzteblatt10/2004Die ersten Krankenhäuser der Welt: Schlusswort
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LNSLNS Für die Zuschrift von Herrn Reinhardt zu meinem Aufsatz bin ich dankbar, gibt sie mir doch die Gelegenheit, eine durchaus verbreitete falsche Aussage zur so genannten Wohlfahrtspolitik des indischen Herrschers Aschoka (regierte etwa 273 bis 232 v. Chr.) richtig stellen zu können (Für den Namen gibt es verschiedene Schreibweisen, auch schwanken die Jahreszahlen der Regierungszeit Aschokas). Aschoka hat keineswegs die Institution Krankenhaus geschaffen. Dieser Ort, an dem per definitionem eine professionelle medizinische Versorgung mit einer heilungsorientierten stationären Therapie umgesetzt wird, ist vielmehr eine inschriftlich und archäologisch belegte römische Erfindung unter Kaiser Augustus (regierte von 27 v. Chr. bis 14 n. Chr.). Aschoka war nach seiner Bekehrung zum Buddhismus dessen großer Förderer und hat über seine Taten, die dann von humanitärer und religiöser Gesinnung getragen waren, authentische Berichte in Form von Inschriften auf Felsen, Pfeilern und in Höhlen hinterlassen. Die irrige Meinung, Aschoka habe Krankenhäuser gegründet, für die es zudem keinerlei archäologische Zeugnisse gibt, beruht vor allem auf einem Übersetzungsfehler des Sanskrit-Wortes chikitsã (auch chikitsha transliteriert), das im Felsen-Edikt II von Aschoka steht. Dies wurde in den 30er-Jahren des 19. Jahrhunderts entziffert; vergleiche Eugen Hultzsch: Inscriptions of Asoka. Corpus Inscriptionum Indicarum I, Oxford 1925, Seite 2). Der Indologe Georg Bühler (1837–1898) hat chikitsã fälschlicherweise mit „hospital“ übersetzt, was neben anderen Gelehrten selbst der bedeutende Medizinhistoriker Karl Sudhoff übernommen hat (2). Seitdem ist diese Übersetzung aus der Sekundärliteratur nicht mehr verschwunden, obwohl bereits der anerkannte Indologe Emile Sénart (1847–1928) den Fehler aufgedeckt hat (3). Die Semantik des Wortes chikitsã umfasst ein Spektrum, das von „medizinischer Behandlung“ bis „Heilmittel“ reicht; für letztere Bedeutung hat sich auch Sénart entschieden. Aller Wahrscheinlichkeit nach sind damit Heilmitteldepots gemeint, die Aschoka in großem Umfang für Menschen und Tiere (!) anlegen ließ (1). Diese Depots, die von Kundigen der ayurvedischen Medizin betreut wurden, sind auch in der Zeit nach Aschoka eine ständige indische Einrichtung geblieben.

Literatur
1. Philipsborn A: Die sog. Krankenhäuser Asoka’s. Annuaire de l’Institut de Philologie et d’Histoire Orientales et Slaves XII (1952) Seite 373–379, bes. Seite 378.
2. Sudhoff K: Sudhoffs Archiv für Geschichte der Medizin 1929, Seite 164.
3. Indien Antiquary IX (1880) p. 287, XX (1891) p. 240, note 32.

Anschrift der Verfasserin:
Prof. Dr. phil. Dr. med. habil.
Juliane C. Wilmanns
Institut für Geschichte der Medizin
und Medizinische Soziologie
Technische Universität München
Klinikum rechts der Isar
81664 München

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