ArchivDÄ-TitelSupplement: Geldanlage-MagazinSUPPLEMENT: Geldanlage 1/1996Praxisnachfolge: Gestaltungstips für den Praxisverkauf

SUPPLEMENT: Geldanlage

Praxisnachfolge: Gestaltungstips für den Praxisverkauf

Dtsch Arztebl 1996; 93(20): [20]

FH

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Der Verkauf von Arzt- und Zahnarztpraxen sowie Gemeinschaftspraxisanteilen sollte spätestens seit Inkrafttreten des Gesundheitsstrukturgesetzes 1993 für jeden niedergelassenen Arzt im fortgeschrittenen Alter ein Thema sein. In überversorgten Planungsgebieten kann ein Vertragsarzt seine Praxis schon jetzt nicht mehr frei veräußern. Wer Nachfolger wird, bestimmt vielmehr der Zulassungsausschuß. Von 1999 an kann sogar der Fall eintreten, daß ein Vertragsarztsitz ersatz- und entschädigungslos wegfällt, wenn der Arzt das Alter von 68 Jahren erreicht hat. Die Praxis ist dann nahezu unverkäuflich, der über Jahre geschaffene Praxiswert geht endgültig verloren. Besonders ältere Vertragsärzte sollten deshalb dringend über eine Veräußerung ihrer Praxis oder zumindest von Teilen derselben vor diesem Stichtag nachdenken.


Wenn ein Arzt seine Praxis veräußert, hat er den dabei erzielten Gewinn zu versteuern. Zur Berechnung des Veräußerungsgewinns hat der Arzt beziehungsweise sein Berater wie ein Kaufmann eine Bilanz zu erstellen. In dieser sind alle Wirtschaftsgüter, die in der Vergangenheit erworben wurden und nach wie vor dem Betrieb der Praxis dienen, aufzuführen. Und zwar mit Werten, die in der Regel nicht den tatsächlichen Werten (= Verkehrswerten) entsprechen, sondern denen, die sich unter Berücksichtung der in den vergangenen Jahren vorgenommenen Abschreibungen ergeben (= Buchwerte).
Hat beispielsweise ein Radiologe vor drei Jahren ein Röntgengerät für 500 000 DM angeschafft und – bei einer unterstellten Nutzungsdauer von fünf Jahren – jährlich in Höhe von 100 000 DM abgeschrieben, so hat das Gerät noch einen Buchwert von 200 000 DM. Mit diesem Wert ist es in die Bilanz aufzunehmen, obwohl es beispielsweise im Zuge der Praxisveräußerung noch für 400 000 DM verkauft wird.
Bei den meisten Wirtschaftsgütern der Praxis wird der Buchwert deutlich unter dem Verkehrswert liegen. Die Differenzen zwischen den Buchwerten und den Verkehrswerten – die sogenannten stillen Reserven – aber machen den steuerlichen Gewinn aus. Gerade bei Arztpraxen entspricht der Kaufpreis jedoch nicht der Summe der der Praxis dienenden Wirtschaftsgüter, er liegt vielmehr deutlich höher. Hauptsächlich abgegolten wird mit ihm der Wert des Patientenstamms, den der Nachfolger übernimmt und den er zu halten hofft. Dieser Praxiswert "Patientenstamm" taucht aber in der Bilanz nicht auf. Er wird deshalb in vollem Umfang in den steuerlichen Gewinn einfließen.
Gewinnmindernd können allerdings die dem Arzt mit der Praxisveräußerung entstehenden Veräußerungskosten wie zum Beispiel Inserats-, Gutachter-, Anwaltskosten oder Vermittlungsprovisionen geltend gemacht werden. Der steuerliche Gewinn ist somit leicht in der Weise zu errechnen, daß man von dem erlangten Kaufpreis den Buchwert der Praxis und die Veräußerungskosten abzieht. Was bleibt, sind die stillen Reserven und der Praxiswert "Patientenstamm".
Internist I. verkauft zum Beispiel seine Praxis für 500 000 DM. Der Anwalt hat für die Praxis einen Buchwert von 160 000 DM festgestellt. An Inserats-, Vermittlungs- und Anwaltskosten zahlt I. 20 000 DM. Danach ergibt sich ein Veräußerungsgewinn von 320 000 DM. Diesen hat I. im Jahr der Veräußerung neben seinen sonstigen Einkünften zu versteuern.
Der Gesetzgeber gewährt ihm jedoch zwei Vergünstigungen: Der Gewinn ist grundsätzlich bis zu einer Höhe von 60 000 DM steuerbefreit (soweit der veräußernde Arzt jünger als 55 Jahre ist, entfällt die Steuerbefreiung). Außerdem ist der nach Abzug des Freibetrages verbleibende Gewinn lediglich mit dem hälftigen Steuersatz – also maximal 26,5 Prozent – zu versteuern. Eine Einschränkung gibt es noch: Der Freibetrag von 60 000 DM verringert sich um den Betrag, um den der Veräußerungsgewinn 300 000 DM überschreitet.
Im Beispiel könnte I. somit lediglich einen Freibetrag von 40 000 DM beanspruchen, denn der Veräußerungsgewinn von 320 000 DM übersteigt den Betrag von 300 000 DM um 20 000 DM, die vom Freibetrag abzuziehen sind.
Die sich aus der Praxisveräußerung ergebende Steuerlast berechnet sich danach wie folgt:


Veräußerungsgewinn 320 000 DM
./. Freibetrag 40 000 DM
--------------Steuerpflichtiger Gewinn 280 000 DM
hierauf 26,5 Prozent 74 200 DM


Gleiches gilt, wenn I. seinen Anteil an einer Gemeinschaftspraxis veräußert. Auch in diesem Falle gewährt der Gesetzgeber dem veräußernden Anteilsinhaber die genannten Steuervergünstigungen. Den Freibetrag allerdings kann er nur anteilig geltend machen, nämlich nach dem Verhältnis des tatsächlich entstandenen Gewinns zu dem bei Veräußerung der gesamten Praxis erzielbaren Gewinn.


Verkauf eines Praxisteils
Häufig möchte der veräußerungswillige Arzt lediglich etwas "kürzertreten". Naheliegend ist in solchen Fällen, einen jungen Kollegen gegen Zahlung eines bestimmten Entgeltes in die Praxis aufzunehmen und ihm einen Teil des Patientenstammes zu übertragen. Dies ermöglicht es, weiterhin Einkünfte zu erzielen, und zum anderen die Prüfung, ob man seine Patienten einem würdigen Nachfolger überläßt.
Beispiel: Gynäkologe G. betreibt eine Einzelpraxis mit einem Verkehrswert von einer Million DM und einem Buchwert von 200 000 DM. Die stillen Reserven betragen somit 800 000 DM. G. möchte seinen Neffen N. in die Praxis aufnehmen. Die beiden gründen eine Gemeinschaftspraxis, in der jeder zur Hälfte beteiligt ist. N., der so die Hälfte der Praxis erwirbt, zahlt hierfür ein Entgelt von 500 000 DM. Es entstehen Veräußerungskosten von 20 000 DM. Der Veräußerungsgewinn von G. errechnet sich wie oben:


Veräußerungspreis 500 000 DM
./. Buchwert (der hälftigen Praxis) 100 000 DM
./. Veräußerungskosten 20 000 DM
---------------Veräußerungsgewinn 380 000 DM


Anders als in dem zuerst dargestellten "Normalfall" kann G. jedoch nicht den Freibetrag und die Tarifbegünstigung in Anspruch nehmen. Die Gewährung dieser Steuervergünstigung setzt nämlich voraus, daß der veräußernde Arzt die wesentlichen Grundlagen seiner Arbeit – das ist in der Regel der Patientenstamm – auf einen anderen überträgt und seine Tätigkeit einstellt. Eine Tätigkeit auch nach der Veräußerung ist allenfalls in der Weise möglich, daß er entweder seinen Beruf als Arbeitnehmer oder freier Mitarbeiter für Rechnung des Praxiserwerbers ausübt oder lediglich einen unwesentlichen Teil seines Patientenstammes – jedenfalls nicht mehr als zehn Prozent – zurückbehält.
Eine Ausnutzung der obengenannten Steuervergünstigung wäre allerdings möglich, wenn sämtliche stillen Reserven, also auch diejenigen, die nicht auf den Erwerber übertragen werden (im Beispiel wären dies 800 000 DM), aufgedeckt und versteuert würden. Die übertragenen stillen Reserven (im Beispiel: 400 000 DM ./. Veräußerungskosten) könnten dann zwar begünstigt versteuert werden. Die stillen Reserven aber, die beim veräußernden Arzt verbleiben (400 000 DM), müßten als laufender Gewinn mit vollem Steuersatz (53 Prozent) versteuert werden. Es würden so im Beispielsfall Steuern in Höhe von über 300 000 DM anfallen.*) Wie diese steuerlichen Nachteile vermieden werden können, zeigt ein Gestaltungstip. Zuvor soll der Fall der Veräußerung eines Teils des Anteils an einer Gemeinschaftspraxis erläutert werden. Hier hat sich die Rechtsprechung nämlich geändert.


Geänderte Rechtsprechung
Dr. A. betreibt zusammen mit seinen Kollegen B. und C. eine Gemeinschaftspraxis. Er selbst hält 40 Prozent der Anteile, seine Kollegen jeweils 30 Prozent. Dr. A. möchte seinen Neffen N. in die Praxis aufnehmen, was ihm auch im Gesellschaftsvertrag ausdrücklich gestattet ist. N. soll einen 20prozentigen Anteil an der Gemeinschaftspraxis erhalten und hierfür 400 000 DM zahlen. Dr. A. entsteht hierdurch ein steuerpflichtiger Veräußerungsgewinn von 300 000 DM.
Die Veräußerung des gesamten Anteils war und ist steuerlich unproblematisch. Dem Veräußerer wird auf den entstehenden Gewinn der hälftige Steuersatz gewährt. Dagegen aber war nach bisheriger Rechtsprechung der Gewinn aus der Veräußerung nur eines Teils des Anteils an einer Gemeinschaftspraxis nicht steuerbegünstigt. Die Steuervergünstigung setze, so hieß es, vielmehr die Einstellung der freiberuflichen Tätigkeit in dem bisherigen örtlichen Wirkungkreis wenigstens für eine gewisse Zeit voraus. Dies aber ist bei der Veräußerung lediglich eines Teils des Anteils an einer Gemeinschaftspraxis grundätzlich nicht der Fall.
Diese Rechtsprechung hat der Bundesfinanzhof nun aufgegeben. Er hat entschieden, daß auch der Gewinn aus der Veräußerung lediglich eines Teils eines Anteils an einer Gemeinschaftspraxis tarifbegünstigt zu versteuern ist. Die Inanspruchnahme der Steuervergünstigung setzt nach dieser neuen Rechtsprechung nicht die zumindest vorübergehende Einstellung der freiberuflichen Tätigkeit in dem bisherigen örtlichen Wirkungskreis voraus (BFH, NV, 1995, Seite 766 f.). A. darf also weiter Anteile an der Gemeinschaftspraxis halten und praktizieren. Seinen Veräußerungsgewinn von 300 000 DM kann er mit dem hälftigen Steuersatz – der Freibetrag soll hier und im folgenden unberücksichtigt bleiben – versteuern. Er schuldet somit statt der sich nach alter Rechtsprechung ergebenden Steuerlast von 159 000 DM lediglich Steuern in Höhe von 79 500 DM.
Die genannte Rechtsprechungsänderung kann auch auf den Fall der Veräußerung lediglich eines Teils einer Einzelpraxis angewendet werden: Der zur Veräußerung stehende Teil der Einzelpraxis sollte nicht in einem Schritt, sondern in zwei Schritten erfolgen.


Gestaltungstip
Der veräußerungswillige Arzt sollte also zunächst einen Anteil von beispielsweise zehn Prozent auf seinen Nachfolger übertragen. Das dafür erhaltene Entgelt hätte er freilich – soweit er nicht alle stillen Reserven aufdeckt, was im Rahmen der vorgestellten Gestaltung nicht zu empfehlen ist – mit dem vollen Steuersatz zu versteuern. Einige Zeit später kann er dann als Gesellschafter der neu entstandenen Gemeinschaftspraxis einen weiteren Anteil, etwa weitere 40 Prozent, an seinen neuen Kollegen veräußern. Der dadurch entstehende Veräußerungsgewinn ist entsprechend der neuen Rechtsprechung tarifbegünstigt.
Der Gynäkologe aus dem obigen Beispiel hat bei der Veräußerung der halben Einzelpraxis (Wert der Praxishälfte: 500 000 DM) seinen Veräußerungsgewinn von 380 000 DM mit 53 Prozent zu versteuern. Ihm entsteht eine Steuerlast von 201 400 DM. Gestaltet er aber die Veräußerung der halben Einzelpraxis so, daß er zunächst zehn und dann weitere 40 Prozent überträgt, ergibt sich folgende Steuerlast:
1. Schritt:
Veräußerungspreis
für 10 Prozent 100 000 DM
./. Buchwert
(der 10 Prozent) 20 000 DM
./. Veräußerungskosten (anteilig) 4 000 DM
---------------- Veräußerungsgewinn 76 000 DM
hierauf 53 Prozent = 40 280 DM


2. Schritt:
Veräußerungspreis für 40 Prozent 400 000 DM
./. Buchwert
(der 40 Prozent) 80 000 DM
./. Veräußerungskosten
(anteilig) 16 000 DM
--------------Veräußerungsgewinn 304 000 DM
hierauf 26,5 Prozent = 80 560 DM


Die steuerliche Gesamtbelastung betrüge bei einer Veräußerung in zwei Schritten 120 840 DM. G. würde dadurch mehr als 80 000 DM an Steuern sparen. Die vorgeschlagene Gestaltung sollte jedoch nicht ohne qualifizierte Berater durchgeführt werden. Schon bei der Vertragsgestaltung muß nämlich der Gefahr vorgebeugt werden, daß das Finanzamt dem veräußernden Arzt vorwirft, die gewählte Form nur aus Gründen der Steuerersparnis vorgenommen zu haben. Dies würde dazu führen, daß es den Vorgang so behandelt, als sei in einem Schritt übertragen worden, und die Veräußerung insgesamt dem vollen Steuersatz unterwirft.
Argumentiert werden muß beispielsweise, daß man die Zusammenarbeit erst austesten wolle. Auch könnte es so sein, daß dem jungen Kollegen die Kapitalmittel fehlen, um sofort den Erwerb von 50 Prozent der Praxis zu finanzieren. FH

Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Der klinische Schnappschuss

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema

Stellenangebote