EDITORIAL

Neuropsychologie Auf der Strecke geblieben

PP 3, Ausgabe März 2004, Seite 97

Bühring, Petra

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Für Patienten nach einem Schlaganfall oder mit schweren Hirntraumata nach Unfällen wird nach der Akutbehandlung in einer gut funktionierenden Rehabilitationskette alles Erdenkbare getan. Ärzte, Ergotherapeuten, Physiotherapeuten und Neuropsychologen kümmern sich in den
Kliniken um ihre Genesung. Doch die neuropsychologische Behandlung – die die Betroffenen manchmal noch jahrelang benötigen – bricht am Übergang zur ambulanten Versorgung meist abrupt ab. Der Bedarf daran ist unbestritten, das verdeutlichten die von der Bundes­psycho­therapeuten­kammer zu einer Anhörung am 16. Februar eingeladenen Sachverständigen einhellig. Und auch der Wissenschaftliche Beirat Psychotherapie hat die Neuropsychologische Therapie am 8. Juni 2000 für den Anwendungsbereich „hirnorganische Störungen bei Erwachsenen“ anerkannt.
Doch die ambulante Praxis sieht anders aus. Mit „formalen Spitzfindigkeiten“ verweigerten die Krankenkassen die Finanzierung, kritisierte Dr. med. Paul Reuther vom Berufsverband Deutscher Nervenärzte e.V. Nur vereinzelte Kassen erteilten noch Kostenzusagen für Neuropsychologie, die von den „wenigen Idealisten“, die eine anerkannte Zertifizierung zum Klinischen Neuropsychologen haben, angeboten wird (siehe auch Artikel „Vom Aus bedroht“, PP 3/2003). Verhaltenstherapeuten unter ihnen gingen deshalb bereits dazu über, Neuropsychologie „schwarz“ als Verhaltenstherapie abzurechnen, um wenigstens einen Teil des Bedarfs zu decken. Neurologen, Nervenärzte, Psychiater und Richtlinien-Psychotherapeuten hingegen fehlen neben neuropsychologischer Qualifikation und Erfahrung auch schlicht die Kapazitäten.
Neuropsychologische Therapie kann ebensowenig allein von Ergotherapeuten erbracht werden, auf die manche Krankenkassen verweisen, weil „Hirnleistungstraining“ und „neuropsychologisch orientierte Behandlung“ im Heil- und Hilfsmittelkatalog bezeichnenderweise als Leistungen der Ergotherapie definiert werden. Denn Neuropsychologie „ist eine erlebens- und verhaltensmodifizierende Intervention – also Psychotherapie“, betonte Prof. Dr. med. Wolfgang Fries, Bundesverband Ambulante Neuropsychologische Rehabilitation. Den Betroffenen soll durch die Therapie ermöglicht werden, ihre Behinderung zu kompensieren, um wieder am sozialen Leben teilhaben zu können.
Vor dem Psychotherapeutengesetz 1999 sei die Neuropsychologie von den Krankenkassen im Rahmen der Kostenerstattung noch in den meisten Fällen übernommen worden, berichtete der Jurist Prof. Dr. Hermann Plagemann, Frankfurt/Main. Danach hätte das Bundesversicherungsamt immer häufiger bei den Kassen interveniert, denn Neuropsychologie wurde vom Bundes­aus­schuss nicht in die Psychotherapie-Richtlinien aufgenommen – in Folge lehnten die Kassen zunehmend Kostenzusagen ab.
Die neuropsychologische Therapie ist auf der Strecke geblieben. Der Gemeinsame Bundes­aus­schuss wäre gut beraten, bald möglichst zu prüfen, ob nicht auch diese spezielle Therapie verdient, als neue Behandlungsmethode in die Richtlinien aufgenommen zu werden. Welchen Sinn macht es, Patienten mit Hirntraumata oder Schlaganfall biologisch überleben zu lassen, wenn ihnen dann die Teilhabe am sozialen Leben verwehrt wird? Petra Bühring
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