ArchivDeutsches Ärzteblatt PP3/2004Migräne: Pathogenetische Rolle von Persönlichkeitseigenschaften unklar

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Migräne: Pathogenetische Rolle von Persönlichkeitseigenschaften unklar

PP 3, Ausgabe März 2004, Seite 106

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LNSLNS Gibt es sie, oder gibt es sie nicht – die Migränepersönlichkeit? Dieser Frage gehen Forscher schon mehr als 50 Jahre nach. Ein Übersichtsartikel der Ärztin und Psychologin Dorothea Huber vom Klinikum rechts der Isar der Technischen Universität München zeigt jetzt: Gesicherte Antworten liegen nicht vor, dafür aber viel Widersprüchliches. Zwei Studien aus den Jahren 1937 und 1954 beschreiben Migränepatienten unter anderem als „ehrgeizige, perfektionistische,
rigide, zwanghafte und sehr leistungsorientierte Menschen, die aufgrund von Ängstlichkeit und Unsicherheit ihre Gefühle nicht adäquat äußern und auf Belastungssituationen nicht angemessen reagieren können“. Man ging davon aus, dass solche und andere Persönlichkeitsmerkmale Migräneanfälle verursachen. Damit war der Mythos geboren. Er konnte sich lange halten, obwohl er kaum durch klinische Studien unterstützt wird. Ende der 90er-Jahre scheint die Diskussion um eine spezifische Migränepersönlichkeit beendet zu sein, um die Jahrtausendwende flammte sie jedoch wieder auf. Die Befunde sind bis heute uneinheitlich. Neuere Studien beleuchten vor allem Einzelaspekte. So ließ sich nachweisen, dass Angststörungen und Depressionen häufig mit Migräne einhergehen. Darüber hinaus scheinen Migränepatienten auf Stress sensibler zu reagieren und ihn weniger gut aushalten zu können. Sie aktivieren stresserhaltende Bewältigungsstrategien, wie etwa Problemvermeidung, Selbstkritik, Wunschdenken, Katastrophieren und sozialen Rückzug. Einer belastenden Situation stellen sie sich nicht, sondern sie flüchten. Daneben spielen soziale Faktoren eine Rolle, wie etwa Überbehütung von Migränekindern durch die Eltern oder eine negative Kommunikation zwischen Migränepatienten und ihren Partnern. Huber fasst zusammen: „Migräne wird heute als eine biopsychosoziale Erkrankung angesehen.“ Was Ursache und was Wirkung ist, weiß man heute allerdings noch nicht genau. Immerhin hat sich das Blatt teilweise gewendet. Man geht zum Beispiel davon aus, dass der ausgeprägte Neurotizismus bei Migränepatienten eher eine Folge der Krankheit als deren Ursache ist. Huber führt die widersprüchlichen Befunde auf methodische Einschränkungen vieler Migränestudien zurück. Sie kritisiert unter anderem den Mangel an Längsschnittstudien, die Rückschlüsse auf kausale Zusammenhänge erlauben würden. Sie weist auch darauf hin, dass in vielen Untersuchungen die Periodität der Krankheitsschübe zu selten beachtet wird.
Doch gerade bei Migräne spielt es eine Rolle, zu welchem Zeitpunkt im Migränezyklus eine Untersuchung durchgeführt wird. Außerdem trennen nur wenige Studien sauber zwischen verschiedenen Migränespezifitäten wie Spannungskopfschmerz oder Clusterkopfschmerz und zwischen Subgruppen, wie zum Beispiel Migräne mit oder ohne Aura. Auch die häufige Praktik, Ergebnisse, die an spezifischen Stichproben gewonnen wurden, auf die Gesamtheit der Migränepatienten zu beziehen, hält Huber für bedenklich. „Da die meisten Studien zur Persönlichkeit methodische Einschränkungen aufweisen, lässt sich die Frage nach der pathogenetischen Rolle von Persönlichkeitseigenschaften derzeit nicht beantworten – vieles spricht aber gegen die Annahme einer Migränepersönlichkeit“, sagt Huber. ms

Huber D: Migräne – Persönlichkeit und Stressbewältigung. Psychother Psych Med 2003; 53: 432–439.

Priv.-Doz. Dr. med. Dr. phil. Dorothea Huber, Institut und Poliklinik für Psychosomatische Medizin, Psychotherapie und Medizinische Psychologie, Klinikum rechts der Isar der Technischen Universität München, Langerstraße 3, 81675 München, E-Mail: D.Huber@lrz.tum.de
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