POLITIK

Gesundheitstelematik: Großer Fortbildungsbedarf

PP 3, Ausgabe März 2004, Seite 110

Krüger-Brand, Heike E.

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Prototyp der elektronischen Gesundheitskarte in Schleswig-Holstein
Prototyp der elektronischen Gesundheitskarte in Schleswig-Holstein
Schleswig-Holstein setzt auf „Bottom up“-Strategien bei der Umsetzung von Telematikanwendungen im Gesundheitswesen.

Alle reden von Telematik, aber keiner weiß genau, was darunter zu verstehen ist“, meinte Dr. med. Renée A. J. Buck, Refereratsleiterin im Ministerium für Soziales, Gesundheit und Verbraucherschutz Schleswig-Holstein beim 15. Flensburger Forum für IT-Anwendungen im Gesundheitswesen. Die Ärztekammer Schleswig-Holstein (ÄKSH) hatte 2002 und 2003 ihre Mitglieder zum Einsatz von Telematik befragt, um einen Überblick zu erhalten, wie elektronische Medien in den Arztpraxen eingesetzt werden und welche Aktivitäten geplant sind. Die teilweise widersprüchlichen Antworten der befragten Ärzte legten den Schluss nahe, dass beim Thema „Telematik in der Arztpraxis“ ein erhebliches Wissensdefizit und ein großer Fortbildungsbedarf besteht, erläuterte Dr. med. Cordelia Andreßen, Hauptgeschäftsführerin der ÄKSH. Mit Internet-Schulungen und Fortbildungen zum Thema arbeite man daran, Berührungsängste abzubauen und den technischen Fortschritt durch Informations- und Kommunikationstechnologien „aktiv zu gestalten und positiv zu definieren“.
Ärzte als Multiplikatoren
Gleichzeitig konnte über die Befragungen ein „harter Kern“ von fortgeschrittenen EDV-Nutzern unter den Ärzten ermittelt werden, die bereit waren, sich als Multiplikatoren zur Verfügung zu stellen und im Telematik-Expertenforum in Schleswig-Holstein mitzuarbeiten. Der im September 2001 gestartete Zirkel soll als Gesprächsforum für Ärzte, Krankenkassen, Kammern und Verbände sukzessive weiter ausgebaut werden, um „aus der Praxis Anstöße für die Praxis“ zu geben. Schleswig-Holstein setzt auf die „Bottom up“-Strategie bei der Einführung der sektorenübergreifenden elektronischen Kommunikation im Gesundheitswesen und auf das persönliche Engagement der Akteure, denn „Geld gibt es dafür nicht“, betonte Andreßen. Flensburg hat sich dabei innerhalb des Flächenlandes trotz oder gerade wegen seiner Randlage zu einer Telematik-Vorzeigeregion entwickelt: Bereits 1999 wurde dort eine VPN (Virtual Private Network)-basierte Kommunikationsplattform (Intranet) für die niedergelassenen Ärzte und die zwei Krankenhäuser der Stadt eingerichtet. Auf Basis dieser Infrastruktur wurden schrittweise und praxisbezogen weitere Telematikanwendungen umgesetzt. So gibt es beispielsweise seit fünf Jahren eine teleradiologische CT-Anbindung in Westerland auf Sylt an die Diakonissenanstalt Flensburg. Bislang habe man darüber rund 6 000 Patienten untersucht, berichtete Dr. med. Ulrich Schröder, Ärztlicher Direktor der Diakonissenanstalt. Darüber hinaus bestehe ein teleradiologischer 24-Stunden-Bereitschaftsdienst für zwei Krankenhäuser auf der Insel. „Die radiologische Versorgung in ländlichen Gebieten wird immer schwieriger. Telematische Netzwerke ermöglichen hier alternative Versorgungskonzepte durch regionale Versorgungszentren“, betonte Schröder.
Als sektorenübergreifende Initiative „von unten“ ist auch das „Gesundheitsnetzwerk Flensburg“ entstanden, in dem sich das regionale Praxisnetz aus 170 Haus- und Fachärzten sowie Psychotherapeuten und die beiden Flensburger Krankenhäuser zusammengeschlossen haben. Im Rahmen dieser Initiative wurde ein Telematiknetzwerk mit zurzeit 15 Arztpraxen und fünf Krankenhausabteilungen aufgebaut, in dem der elektronische Einweisungsbrief umgesetzt ist und der niedergelassene Arzt Zugang zum Krankenhausinformationssystem hat. Ausgetauscht werden in einer VPN-geschützten Umgebung beispielsweise Vorbefunde, Laborwerte sowie Bild- und Befunddaten. Die Vorteile der vernetzten Kommunikation sind für Dr. med. Eckehard Meissner, Praxisnetz Flensburg, vor allem die Optimierung der Patientenversorgung durch die bessere Vorinformation und die schnelle Verfügbarkeit der Befunde. Für die technische Anbindung an das Netz muss die Arztpraxis einmalig rund 1 000 Euro zahlen; der Betrieb des VPN-Netzes kostet die Teilnehmer insgesamt 1 600 Euro monatlich.
Darüber hinaus wird in Flensburg mit der „Gesundheitskarte Schleswig-Holstein“ seit Oktober 2003 ein Prototyp der elektronischen Gesundheitskarte getestet. Bis zum Frühjahr 2004 sollen rund 250 Karten an Patienten ausgegeben werden. Schleswig-Holstein hat sich mit diesem Projekt auch als Modellregion für die bundesweite Einführung der elektronischen Gesundheitskarte beworben (siehe www.gesundheitskarte-sh.de). Die Entscheidung über die Modellregionen – elf Bundesländer haben Anträge hierzu eingereicht – will das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium im März bekannt geben. Viel Zeit zur Projektvorbereitung bleibt den „Gewinnern“, die die Projekte ausschließlich aus Landesmitteln finanzieren müssen, anschließend nicht: Die Modellprojekte sollen bereits zum 1. Juli 2004 starten. Heike E. Krüger-Brand
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