ArchivDeutsches Ärzteblatt PP3/2004Bildgebungsverfahren und Psychotherapie: Wirkungen auf Gehirnfunktionen messbar

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Bildgebungsverfahren und Psychotherapie: Wirkungen auf Gehirnfunktionen messbar

PP 3, Ausgabe März 2004, Seite 127

Dlubis-Mertens, Karin

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LNSLNS Brain Imaging gibt Perspektiven für die Diagnostik und Therapie psychischer Erkrankungen.

Moderne Bildgebungsverfahren, die die Funktionsabläufe im Gehirn sichtbar machen, eröffnen neue Chancen in der Diagnostik und Therapie psychischer Erkrankungen, betonte Prof. Dr. med. Mathias Berger beim Kongress der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN) in Berlin. Erstmals ist es möglich, nicht nur strukturelle Veränderungen des Gehirns, etwa den Verlust von Nervenzellen, sichtbar zu machen. Brain-Imaging-Verfahren wie die funktionelle Kernspintomographie oder die Positronen-Emissions-Tomographie (PET) sind außerdem in der Lage, die Aktivität unterschiedlicher Hirnregionen ohne operativen Eingriff abzubilden. Einzelne Methoden kommen auch ohne Strahlenbelastung aus.
Die größte Verbreitung hat die funktionelle Magnetresonanztomographie (fMRT) gefunden. Im MRT wird die Sauerstoffsättigung des Blutes gemessen, aus der sich Rückschlüsse auf die Aktivität im Hirn ziehen und dreidimensional darstellen lassen. In Kombination mit weiteren Methoden wie EEG oder Ultraschall ermöglicht die fMRT den Schluss, wann welches Areal im Hirn aktiviert ist. So entstehen funktionelle und biochemische „Landkarten“, aus denen sehr exakt auf die Hirnfunktion geschlossen werden kann. Die an mehreren Universitätszentren bereits verfügbare Kernspinspektroskopie ermöglicht eine so genannte molekulare Bildgebung, bei der auch biochemische Veränderungen des Hirngewebes untersucht und Störungen sichtbar gemacht werden. Die so gewonnenen Erkenntnisse sind nicht nur wesentlich für das Verständnis der Pathophysiologie, sondern bieten neue Ansätze, die Wirkungsweise von Therapieverfahren bei psychisch kranken Patienten zu untersuchen, unterstrich Prof. Dr. med. Peter Falkai, Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Universität des Saarlandes.
Zum Beispiel können bei Patienten mit Borderline-Persönlichkeitsstörungen biologische Veränderungen in bestimmten Hirnregionen sichtbar gemacht werden: „Wir haben festgestellt, dass die Areale im Hirn, die eng mit emotionaler Verarbeitung assoziiert sind, wie etwa die Amygdala oder das limbische System, bei Patienten mit Borderline-Störungen hypersensibel reagieren“, erläuterte Prof. Dr. med. Sabine Herpertz, Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Zentrum für Nervenheilkunde, Universität Rostock. Dies zeigt sich im Alltag daran, dass die Betroffenen emotional äußerst leicht beeinfluss- und erregbar sind. Die daraus folgenden extremen inneren Spannungen versuchen sie, über selbst gefährdendes oder verletzendes Verhalten abzubauen: Die meist jungen Frauen zwischen 15 und 25 Jahren zerschneiden sich die Arme, drücken Zigaretten auf ihrem Körper aus, verweigern die Nahrungsaufnahme, neigen zu Fressanfällen und Alkoholexzessen oder fahren mit hoher Geschwindigkeit Auto oder Motorrad.
Deutlich belegen fMRT-Tests, dass diese Patienten auch dann emotionale Reize verarbeiten, wenn sie eigentlich nicht beachtet werden sollen. Dies wird sichtbar an der Aktivierung von Regionen, die für die emotionale Verarbeitung von Bedeutung sind. Das Wissen um die biologischen Grundlagen für überempfindliche Reaktionen hat Folgen für die Behandlung, so Herpertz: „In der Psychotherapie versuchen wir verstärkt darauf hinzuarbeiten, dass die Patienten lernen, emotionale Stressoren besser zu verarbeiten. Sie trainieren gezielt an einer Stärkung ihrer kognitiven Kontrolle.“
Keine automatisierte Verhaltenskontrolle
Ebenso bei Patienten mit einer antisozialen Persönlichkeitsstörung, bei denen sich mithilfe moderner Bildgebungsverfahren der Verdacht auf eine Störung im orbitofrontalen Cortex bestätigt hat. Durch die mangelnde Aktivität in diesem Hirnareal kann sich der Betroffene nicht auf eine automatisierte Verhaltenskontrolle verlassen, sondern sollte sich nach Herpertz Kompensations- und Kontrollmechanismen aneignen, um sich sozial adäquat verhalten zu können. Hierbei könnte auch kognitiv-behaviorale Psychotherapie hilfreich sein. Inwieweit dies gelingt, lässt sich künftig vielleicht ebenfalls mithilfe der Brain-Imaging-Verfahren nachprüfen. Es gibt erste Hinweise darauf, dass Psychotherapie in der Lage ist, biologische Normabweichungen auszugleichen. Herpertz berichtete von Vor- und Nachuntersuchungen bei Patienten mit Spinnenphobie, die deutlich machten, dass sich nach erfolgreicher Therapie auch die überschießenden Amygdala-Aktivitäten zurückbilden.
Fazit: In erster Linie „brauchen wir die moderne Bildgebung zum Ausschluss hirnorganischer Erkrankungen“, erklärte Falkai, Pressesprecher der DGPPN. Perspektivisch könnten mithilfe dieser – bis jetzt sehr teuren – Methoden auch die Wirkungen von Psychopharmaka und Psychotherapie auf die Funktionen des Gehirns dargestellt werden. Dies ermögliche Rückschlüsse, welche Patienten auf welche Form der Therapie ansprechen, so der Ausblick von Sabine Herpertz. Der „Blick ins Gehirn“ ist jedoch nicht nur für Forscher und Kliniker faszinierend, betonte sie, sondern könne auch für den Patienten hilfreich sein, da dieser die eigene beängstigende Krankheit besser verstehen könne gepaart mit der Aussicht, dass sich selbst hirnorganische „Fehlschaltungen“ mittels Therapie bis zu einem gewissen Grad verändern lassen. Dipl.-Psych. Karin Dlubis-Mertens
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