WISSENSCHAFT

Asperger-Syndrom: Genetische Ursachen vermutet

PP 3, Ausgabe März 2004, Seite 129

Sonnenmoser, Marion

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Die Ursachen der nach dem Kinderarzt Hans Asperger benannten Entwicklungsstörung sind noch nicht hinreichend geklärt.

Wenn sich ein Kind in den ersten Lebensjahren nicht für seine Mitmenschen interessiert, ist das keine „Macke“, die sich wieder legt, sondern könnte ein Hinweis auf das „Asperger-Syndrom“ sein. Diese tiefgreifende Entwicklungsstörung wurde 1944 erstmals von dem Wiener Kinderarzt Hans Asperger beschrieben. Er beobachtete an Patienten, vor allem bei Jungen, ein einheitliches Muster von Fähigkeiten und Verhaltensweisen, die als extreme Gestörtheit der sozialen Interaktion zusammengefasst werden können. Kinder mit Asperger-Syndrom können sich nicht einfühlen und tun sich schwer, Kontakt aufzunehmen und Freundschaften zu schließen. Sie spielen bevorzugt allein und meiden gemeinsame Aktivitäten mit anderen. Ihre Intelligenz und ihr Sprachvermögen sind jedoch normal ausgeprägt. Hans Asperger fielen außerdem motorische Ungeschicklichkeit, intensive Beschäftigung mit sehr speziellen Interessengebieten, eine Neigung, Monologe zu führen, und ein niedriges Körpergewicht auf.
Eindeutige Diagnose fällt häufig schwer
Das Asperger-Syndrom wird bereits im Vorschulalter auffällig. Die einzige
Studie, die sich auf die Verbreitung des Syndroms in der Allgemeinbevölkerung bezieht, stammt aus Schweden und ist elf Jahre alt. Laut dieser Studie sind vier bis sieben von 1 000 Kindern betroffen. Viele Symptome sind auch bei anderen psychischen Störungen des Kindes- und Jugendalters zu beobachten, etwa bei Schizophrenie, Zwangsstörungen und beim Tourette-Syndrom. Darüber hinaus gibt es Überschneidungen des Syndroms mit schizoiden Störungen im Kindesalter. Eine klare Abgrenzung und eine eindeutige Diagnose fallen häufig schwer. So ist es fast unmöglich, das Asperger-Syndrom vom High-functioning-Autismus zu differenzieren, einer Variante der autistischen Störung, die auch Kanner-Syndrom genannt wird. Die Unterschiede manifestieren sich hauptsächlich in Sprachentwicklung, Intelligenz und Motorik. Während sich beim Autismus die Sprachentwicklung verzögert, erfolgt sie beim Asperger-Syndrom rechtzeitig. Die Intelligenz ist beim Asperger-Syndrom in der Regel höher ausgeprägt als beim Autismus. Die linkischen Bewegungen und Koordinationsstörungen, die typisch für das Asperger-Syndrom sind, treten beim Autismus nicht auf.
Weil keine systematischen Verlaufsstudien vorliegen, kann über die Langzeitprognose nur wenig gesagt werden. Das Asperger-Syndrom gilt als stabil, die Symptome können jedoch mit der Zeit nachlassen. Ein Teil der Betroffenen kommt offenbar ohne ärztliche oder psychologische Hilfe aus. „Etwa die Hälfte der Betroffenen ist jedoch nicht in der Lage, allein zu leben“, sagen Prof. Dr. Dr. Helmut Remschmidt und Prof. Dr. Johannes Hebebrand von der Universität Marburg.
Auch die Ursachen sind noch nicht hinreichend geklärt. Verwandtschaftsstudien legen nahe, dass das Asperger-Syndrom genetische Ursachen hat, die durch eine Hirnschädigung und Umwelteinflüsse modifiziert werden. In Erwägung gezogen werden auch perinatale Belastungen. Befunde aus der Hirnforschung weisen auf Entwicklungsstörungen in den neuronalen Netzen sowie auf Funktionsstörungen in Frontal- und Temporallappen hin.
Noch gibt es keine wirksamen Therapien, mit denen die Ursachen der Störung behandelt werden können. Die Behandlung beschränkt sich darauf, Ressourcen zu aktivieren und Kompetenzen zu vermitteln. Dafür haben sich verhaltenstherapeutische Verfahren und Erziehungsprogramme bewährt. Ziel sozialer Trainings kann sein, die Betroffenen für Interaktionen zu interessieren und ihnen soziale Regeln zu vermitteln. Darüber hinaus brauchen die Betroffenen schulische Förderung und berufliche Beschäftigung. Eine medikamentöse Behandlung ist wenig erfolgreich, kann jedoch bei Symptomen wie Hyperaktivität, Schlafstörungen oder depressiven Verstimmungen angezeigt sein. Jede Art der Behandlung muss die Besonderheiten des jeweiligen Patienten berücksichtigen und auf seine Bedürfnisse und auf die seiner Familie zugeschnitten sein. Im Idealfall kann ein Patient auf ein breites Aktivitätsspektrum hingeführt werden. In manchen Fällen ist jedoch eine Verlegung in ein Heim mit psychotherapeutischer Versorgung oder in eine betreute Wohngruppe unumgänglich.
Forschungsprogramm in Marburg
Unverändert besteht großer Forschungsbedarf zum Asperger-Syndrom. Eines der wenigen Forschungsprogramme zu der Erkrankung in Deutschland wird an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters der Universität Marburg unter der Leitung von Prof. Remschmidt durchgeführt. Interessierte und Betroffene können sich dort direkt oder auf der Homepage über das Asperger-Syndrom informieren. Dr. phil. Marion Sonnenmoser

Kontaktadresse:
Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie der Philipps-Universität, Hans-Sachs-Straße 6, 35039 Marburg, Internet: www.kjp.uni-marburg.de/asperger/index.php
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