KUNST + PSYCHE

Victor Bonato: Eile ist Irrtum

PP 3, Ausgabe März 2004, Seite 144

Kraft, Hartmut

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Diesem Spazierstock ist seine Geschichte anzusehen. Die Lackierung weist Risse auf, und an vielen Stellen ist sie abgeplatzt. Vom regen Gebrauch hat der Griff eine Patinierung erhalten. Nun wurde der Spazierstock an die Wand gehängt – und er hat zugleich eine entscheidende Veränderung erfahren. Am Ende des Griffs ist nun ein Schneckengehäuse befestigt, wodurch das Ende des Rundbogens in eine Spirale überführt wird. „Endspurt“ hat der Künstler sein Werk getauft.
Wie es für die Arbeiten von Victor Bonato typisch ist, so wird auch hier mit einem minimalen Eingriff Formales und Inhaltliches akzentuiert, auf den Punkt gebracht. Das reizvolle formale Spiel von Spazierstock und Schneckengehäuse verweist auf inhaltliche Bezüge: Der Bewegungsablauf kommt an ein Ende – der Spaziergang, der Lebensweg findet sein Ende? Wenn man erfährt, dass es sich um den Spazierstock der Großeltern des Künstlers handelt, liegt diese Deutung nahe.
Die Zentrierung des Schneckenhauses und die Fortbewegungsart der Schnecke weisen jedoch über den persönlichen Bezug hinaus. Im Alter dreht man sich um sich selbst – und findet manchmal aber auch dann erst zu sich selbst. Angesichts der steten Diskussionen um den Morbus Alzheimer und andere geriatrische Erkrankungen ist die „Weisheit des Alters“ in den Medien und im Bewusstsein etwas in den Hintergrund getreten. Schnelles Reagieren auf neueste Trends, Innovation und rasche Umsetzung neuer Ideen ist kein Kennzeichen des Alters. Vielleicht aber ist doch auch für manch Jüngeren der Untertitel dieses Objekts „Eile ist Irrtum“ nicht ganz unverständlich. Zumindest ist es eine der zahlreichen fernöstlichen Weisheiten, die bekanntlich auch bei Jüngeren hoch im Kurs stehen. Es war kein Geringerer als Johann Wolfgang von Goethe, der die Fahrt mit der Postkutsche bereits als zu rasant empfand und die Vorzüge der Fortbewegung zu Fuß pries. Hartmut Kraft

Biografie Victor Bonato
Geboren 1934 in Köln. 1948 Ausbildung zum Glasmaler. 1956 Studium der Wandmalerei an den Kölner Werkschulen. 1966 Mitbegründer der Gruppe K66. 1969 erste Glasspiegelverformungen, mit denen er einem breiteren Kunstpublikum bekannt wurde. Zahlreiche öffentliche Aufträge. 1993 August-Macke-Preis, Bonn. 2003 Kunstpreis der Künstler, Düsseldorf. Lebt in Niederkassel.

Literatur
Bonato V: Das Wort ist nur Gefäß für seinen Inhalt.
Objekte und Installationen. Bielefelder Kunstverein.
Bielefeld: Pendragon Verlag 1999.
Wick RK : Victor Bonato – Kunst im öffentlichen Raum. Köln: Verlag Locher 1996.
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