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Sie wurde nicht alt

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Seit dem Heft 41/2003 veröffentlicht das Deutsche Ärzteblatt regelmäßig in jedem vierten Heft eine Arztgeschichte. Im Anschluss an die Veröffentlichung mehrerer literarischer Arztgeschichten begann das DÄ in Heft 3/2004 mit der Veröffentlichung von Beiträgen aus der Leserschaft.


Schon als sie durch die Tür der Dialysestation gefahren wurde, wusste ich, dass ihre Prognose schlecht war. Sie war von einem Lastkraftwagen überrollt worden:
teilweise offene Trümmerfrakturen des Beckens und der Oberschenkel; Verletzungen der Beckengefäße, des Dickdarms, der Blase, des Uterus und der Vagina. Nierenversagen. Dass sie zunächst überlebt hatte, verdankte sie dem Zugriff eines Notarztteams, dem Können der Unfallchirurgen und der Konstitution ihres unverbrauchten Körpers. Ihr Zustand war kritisch: Sie war anämisch, fast ausgeblutet; ihr Kreislauf instabil; ihre Zugänge grenzwertig; aus Drainagen und Drahtextensionen floss grüner Eiter; sie hatte septisches Fieber. Im strengen Sinne war sie nicht dialysefähig; ich hätte sie auf die chirurgische Intensivstation zurückschicken können oder müssen.
Aber jetzt lag sie vor mir, in meiner Verantwortung: zart, hellblond, blass, hilflos. Oberhalb des Nabels war sie unversehrt; im Laufe der Behandlung bekam ich unvermeidlich ihre kleinen Brüste zu sehen. Ich war Arzt, einer ihrer Ärzte; sie fast noch ein Kind; ich hatte vor kurzem geheiratet und ein erfülltes Sexualleben; sie würde sterben. Es war gegen jede Regel und hoffnungslos – aber ich verliebte mich in sie, zerrissen von Mitleid. Sie überstand die erste Hämodialyse. Bei der zweiten erlitt sie einen Kreislaufstillstand – ihr armes Herz konnte nicht mehr. Ich intubierte sie; aber es gelang mir nicht, sie zu reanimieren – auch nicht auf der nahe gelegenen internistischen Intensivstation.
Seitdem sind mehr als 30 Jahre vergangen. Vielleicht wäre sie schon Großmutter; wahrscheinlich wäre ihr Reiz inzwischen verwelkt. Jetzt
ist sie ein Häufchen Knochen auf einem Friedhof. Aber in meiner Erinnerung lebt sie jung, schön und todesblass. Wolfram Klinger
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