THEMEN DER ZEIT

HIV/Aids in Russland: Moskaus verlassene Kinder

PP 3, Ausgabe März 2004, Seite 120

Sost, Ann Kathrin

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Fotos: Ann Kathrin Sost
Fotos: Ann Kathrin Sost
Erst allmählich wächst ein Bewusstsein für das Ausmaß der Aids-Epidemie.

Das kleine Mädchen in dem Gitterbett rollt sich monoton hin und her, immer wieder. Es ist still in dem Krankenhauszimmerchen: Drei einjährige Kinder verbringen hier ihre Tage, ihr ganzes Leben schon. „Hallo, ihr Süßen“, sagt Ludmilla Fedotova und schaltet einen Kassettenrecorder an. Klaviermusik erklingt, und drei Paar große Augen richten sich auf die Mitarbeiterin der Caritas Moskau, die sich gerade Gummihandschuhe überstreift. Vorsichtig hebt sie eines der Kinder aus dem Metallbettchen und legt es auf eine Matte, um es an Kopf und Ohren zu massieren. Das Kind gluckst fröhlich.
Allzu viele Zärtlichkeiten bekommen diese Kinder nicht. Sie tragen das HI-Virus in sich, ihre Mütter haben sie im Krankenhaus zurückgelassen. Fedotova besucht dreimal wöchentlich die HIV-positiven Kinder im Moskauer Krankenhaus für Infektionskrankheiten. Das Personal und Mitarbeiter von Nichtregierungsorganisationen sind die einzigen Bezugspersonen der Kleinen. 35 Kinder leben zurzeit auf der Station, zwei davon sind schon fünf Jahre alt. Sie haben ihr gesamtes Leben hier verbracht. Ihre Mütter, meist Drogenabhängige, ließen sie oft schon nach der Geburt allein. Kinderheime mit Fachpersonal, das sich mit der Medikation und Betreuung von HIV-infizierten Kindern auskennt, gibt es bislang nicht. Nur in Kaliningrad wurde ein solches Haus kürzlich eröffnet. In Moskau wurde das erste Heim nach wenigen Wochen wegen Baumängeln wieder geschlossen. Diese sollen jetzt behoben sein. So werden die Moskauer Krankenhaus-Kinder bald erstmals außerhalb der Klinikmauern leben – für die Stadt ein Präzedenzfall. Denn der Umgang mit HIV-Infizierten und Aidskranken ist für Russland noch neu.
Doch nirgendwo, nicht einmal in Afrika südlich der Sahara, verbreitet sich nach Ansicht von Experten die Epidemie so rasend schnell wie in Osteuropa. Um 70 Prozent sei die Zahl der Infektionen in Russland, der Ukraine und den anderen ehemaligen Staaten der Sowjetunion innerhalb eines Jahres gestiegen, sagt die Aids-Organisation der Vereinten Nationen, UNAIDS. Sie spricht von einer „massiven Aids-Krise“. 1998 waren in Russland offiziell knapp 11 000 HIV-Positive registriert. Heute sind es fast 257 000. Allein in Moskau sind mindestens 15 300 Menschen infiziert. Wie hoch die Dunkelziffer ist, weiß niemand. Viele der oft drogenabhängigen Infizierten scheuen sich vor der Behandlung, die sie nicht anonym vornehmen lassen können. Vadim Pokrovsky, Direktor des russischen Zentrums für Aidsprävention, geht von einer Million Infizierten innerhalb der kommenden zwei Jahre aus. Nur in der Ukraine steigt die Zahl an Neuinfektionen noch schneller.
Doch die russische Regierung erkennt nur langsam, dass sie etwas tun muss. Immerhin räumte Präsident Wladimir Putin in seiner jährlichen Rede zur Lage der Nation im vergangenen Frühjahr ein, dass Aids ein wachsendes Problem für sein Land sei. Seitdem gibt es einen nationalen Rat zum Thema. Doch finanziell schlägt sich das noch nicht zugunsten der Aids-Kranken und Infizierten nieder. Nach Angaben der Weltbank gibt Russland zurzeit rund 3,9 Millionen Dollar im Jahr für die Vorbeugung und Behandlung von Aids aus. Brasilien zum Beispiel hat 300 Millionen US-Dollar für den Kampf gegen die Epidemie übrig.
„Bis vor einigen Jahren haben die Russen gedacht, die Sache erledigt sich von allein“, sagt Oksana Dolgih, Mitarbeiterin der Caritas und Leiterin des Betreuungsprojektes für HIV-infizierte Kinder. Aids galt als Problem von Randgruppen: Drogenabhängigen, Prostituierten und Homosexuellen. Die Kinder, die in Krankenhäusern dahinvegetierten, würden sterben, bevor sie das Schulalter erreichten, dachten viele. Es kam anders.
Unwissenheit und Vorurteile
„Ich werde bald fünf“, ruft Igor und streckt seine Finger in die Höhe. „Dann feiern wir Geburtstag.“ Gern hätte der Junge eine der riesigen Plastikpistolen, mit denen er am liebsten spielt. Da könnte auch Anja mitmachen, die bereits fünf Jahre alt ist und nach Igors Ansicht viel zu oft bloß aus dem Fenster sieht. Für beide sind die dunkelgelben Krankenhausflure und das kleine Spielzimmer des Krankenhauses seit jeher ihr Lebensmittelpunkt. Da Moskau kostenfrei Kombinationstherapien an HIV-Infizierte vergibt, geht es den beiden gut. „Das Virus ist in ihrem Blut nicht mehr nachzuweisen“, sagt Vladskaya Julia Fedorovna, Leiterin der Abteilung für Virologie. Die beiden könnten ein normales Leben führen, wenn ein Erwachsener auf die regelmäßige Einnahme der Medikamente achtet. Auch um die psychische Gesundheit machen sich die Ärzte nicht allzu viele Sorgen. „Sie sprechen etwas einfachere Sätze als andere Kinder in dem Alter, weil sie keine gleichaltrigen Freunde hier haben“, sagt Fedorovna. „Aber sie sind kommunikativ und neugierig, die wichtigste Voraussetzung, um im Leben außerhalb des Krankenhauses zu bestehen.“ Ohne Hilfe wie vonseiten der Caritas hätte das viel beschäftigte Krankenhauspersonal das nicht erreicht. „Wir haben gezielt darauf hingearbeitet, dass die Kinder ihre Schüchternheit verlieren und lernen, Neuem gegenüber offen zu sein“, sagt Caritas-Projektleiterin Dolgih. Es bleibt die Angst, dass ihnen das im Leben draußen wenig nützen wird. Denn die meisten Russen sind alles andere als aufgeschlossen gegenüber HIV-Infizierten. „Das Wissen über Aids ist nicht allzu gut, die meisten fürchten eine Ansteckung“, sagt Ärztin Fedorovna. Das neue Heim für die infizierten Kinder wurde abgelegen in einen Moskauer Park hineingebaut. Zuvor hatte es massive Beschwerden von Anwohnern gegeben, die keine HIV-positiven Kinder in der Nachbarschaft haben wollten.
Den Mangel an Zuwendung für die HIV-infizierten Kinder versucht Ludmilla Fedotova durch ihre Besuche auszugleichen.
Den Mangel an Zuwendung für die HIV-infizierten Kinder versucht Ludmilla Fedotova durch ihre Besuche auszugleichen.
Der Eiserne Vorhang schloss bis Anfang der 90er-Jahre auch das tödliche Virus weitgehend aus. Mit dem Ende des Kommunismus kamen jedoch Unsicherheit, Identitätskrisen, vielfach Arbeitslosigkeit und Armut. Infolgedessen nahmen „soziale“ Krankheiten zu: Tuberkulose, Hepatitis und auch HIV/Aids. Der größte Beschleuniger dafür war die rasante Verbreitung harter Drogen in Russland – auch diese ein post-kommunistisches Phänomen. Ebenso nahm die Prostitution in den letzten Jahren rapide zu. Heute haben sich die Russen an den Anblick der leicht bekleideten Frauen gewöhnt, die sich nachts am Moskauer Tverskaja-Boulevard in teure Autos beugen. Auch der Gefahren, die der intime Kontakt mit diesen Frauen mit sich bringen kann, sind sie sich meist bewusst. Doch dass sich Aids auch anderweitig ausbreitet, dämmert ihnen erst langsam. Pedro Chequer von UNAIDS in Moskau spricht von einem „neuen Profil“ der Epidemie. „Die meisten Russen denken noch, für sie bestehe kein Risiko.“ Dabei sind schon lange nicht mehr nur Drogenabhängige und Prostituierte betroffen. Immer mehr infizieren sich beim Geschlechtsverkehr mit Partnern, die nicht zu diesen Milieus gehören. Nach einer Studie der Yale-Universität sind in den Wohnheimen von St. Petersburg bereits ein Prozent der Studenten HIV-positiv. In den Gefängnissen sollen etwa zwei Prozent infiziert sein.
Das Ausmaß des Problems wird Russland in seiner Dramatik wohl erst deutlich werden, wenn Tausende an Aids sterben. „Wir haben noch etwa zehn Jahre Zeit“, sagt Ilona van der Braak von der Aids-Stiftung Ost-West. Dann aber wird Aids zum unkalkulierbaren Problem für Russland.
Igor und Anja ist nicht bewusst, dass ihr Lebensweg ein besonderer ist. „Alle sind nett zu mir, mir geht es gut“, sagt Igor, während er mit Buntstiften auf Papier kritzelt. Die Kinder in Moskau haben Glück: In der Hauptstadt werden 80 Prozent des Bruttosozialprodukts erwirtschaftet, Moskau ist reich. Die Kleinen müssen sich keine Sorgen machen, dass sie keine Medikamente erhalten.
Außerhalb Moskaus sieht die Lage anders aus. 150 Kilometer nordwestlich, in der 500 000-Einwohner-Stadt Tver, kann man davon nur träumen. „Wir machen hier eigentlich nur Bluttests und sagen, positiv oder nicht“, gibt ein Arzt zu. Geld für antiretrovirale Mittel, etwa 9 000 Euro jährlich je Patient, ist nicht vorhanden. Es reicht nicht einmal für die normalen medizinischen Geräte. Ständig hoffen die Ärzte hier auf ausrangierte Tomographen, Röntgenapparate oder Ultraschallgeräte aus dem Westen, denn ihr Budget reicht nicht für das Nötigste – schon gar nicht für antiretrovirale Mittel. Dabei hat nach russischer Gesetzeslage jeder HIV-Positive ein Recht auf kostenfreie Behandlung. „So ist das mit Russland: Gesetze sind das eine, die Umsetzung das andere“, betont der Arzt aus Tver.
Doch auch der Reichtum in Moskau ist begrenzt: Wo es noch für Medikamente und Essen für die Kinder reicht, da wird an Kleidung, vitaminreicher Kost und vor allem an Zuwendung gespart. Windeln, Obst oder Winterstiefel werden von der Caritas gestellt. Nebenbei sammeln Oksana Dolgih und ihre Mitarbeiter Zeichnungen, Fotos und Informationen über jedes Kind. „Wir wollen, dass jedes von ihnen eine individuelle Vergangenheit hat, und wenn es noch so wenig zu berichten gibt“, sagt Dolgih. Sie sorgt sich, dass all das in dem neuen Kinderheim nicht mehr zählt. Denn Heime werden immer noch nach alter Sowjet-Art geführt: Es zählt das Kollektiv, das sich benehmen kann. Eigene Wünsche werden nicht gehört, Geburtstage monatlich an einem Tag abgefeiert. Dolgih hofft deshalb auf Familien, die ihre Schützlinge adoptieren: „Eine Familie ist das Beste, was einem Kind passieren kann.“
Ludmilla Fedotova hat die drei Babys massiert. Sie sind jetzt ruhiger, rollen sich nicht mehr hin und her. „Es tut gut zu sehen, dass ich etwas für sie tun kann“, sagt sie. Ihren Sohn, einen Psychologen, hat sie auch überzeugen können, ohne Bezahlung einen Teil seiner Freizeit mit den Kindern zu verbringen. Dass dies kein Ersatz für Eltern sein kann, weiß sie auch, und es macht sie jedes Mal traurig. Wenn sie die Tür hinter sich schließt, wird wieder Stille sein um die drei in ihren Gitterbetten. Bis der nächste Freiwillige kommt, der sich für eine halbe Stunde ihrer annehmen kann. Ann Kathrin Sost
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