ArchivDÄ-TitelSupplement: Geldanlage-MagazinSUPPLEMENT: Geldanlage 2/1996Professionelle Vermögensverwaltung: Stecknadel im Heuhaufen

SUPPLEMENT: Geldanlage

Professionelle Vermögensverwaltung: Stecknadel im Heuhaufen

Dtsch Arztebl 1996; 93(40): [16]

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LNSLNS Professionelle Vermögensverwaltung – das Thema ist viel zu ernst, um darüber eine Satire zu schreiben. Mit dem Geld anderer Leute umzugehen ist nämlich eine äußerst sensible Angelegenheit und erfordert einen ganzen Strauß fachlicher wie charakterlicher Qualitäten. Worauf man achten sollte bei seiner Entscheidung, beschreibt im folgenden "Börsebius".


Sie müssen mir helfen, ich bin völlig hilflos und überhaupt werde ich ganz schlecht beraten", lamentierte jüngst eine ältere Dame am Telefon. Sie sei vor kurzem Witwe geworden und sitze jetzt auf einem Haufen Geld von nahezu einer Million. Ihre Bank, es ist die Deutsche, habe ihr geraten, das Geld in Festverzinslichen anzulegen.
Sie jedenfalls wünschte sich eine Vermögensverwaltung, wo auch "aktiv was geschieht" und mit "Aktien oder so" ordentlich Gewinn gemacht wird. Mein Einwand, höherer Ertrag bedeute auch höheres Risiko, und die professionelle Vermögensverwaltung koste sowieso auch zusätzliches Geld, ließ die Dame doch stutzig werden. Ich glaube, sie hat es dann auch gelassen. Zumindest hoffe ich es.
Nun bin ich ja dafür bekannt, eben nicht Hofberichterstatter der Banken zu sein. Aber das Verhalten der Deutschen Bank nötigt mir schon Respekt ab. Der erwähnten Dame eben keine Vermögensverwaltung zu empfehlen, sondern sichere Rentenwerte mit sicheren jährlichen Erträgen und wenig Nerven-zitter, ist vermutlich genau das richtige. Andererseits erstaunt, daß eine Kundin eine Leistung haben will, die sie vermutlich nicht braucht, die ihr vielleicht sogar schadet. Das führt schnurstracks zu zentralen Fragen: Wer braucht eine professionelle Vermögensverwaltung, wer nicht? Bei welcher Adresse wäre man gut aufgehoben, wie erkennt man das überhaupt?
Folgende Klarstellung ist an dieser Stelle wichtig: Professionelle Vermögensverwaltung heißt individuelle Betreuung und ist in aller Regel bei einem Vermögen von unter einer halben Million DM nicht sinnvoll. Nun wird aber Leuten mit einem Vermögen unter dieser Meßlatte auch erzählt, sie könnten eine persönliche Vermögensverwaltung bekommen, so sie nur mit diesem und jenem Produkt oder mit diesem und jenem Geldinstitut eine Liaison eingingen. Das ist freilich bloß eine Illusion, wobei es hier deutliche Abstufungen in der Welt des schönen Scheins gibt.
Wer bis zu 100 000 DM auf der hohen Kante hat, wird oft fette Beute von Leuten, die vorgeben, ein individuelles und persönliches Vermögenspaket zu schnüren. In Wahrheit geschieht das gerade nicht, denn hier hat man es mit Anlagevermittlern zu tun, deren höchstes Trachten sich danach richtet, welches Produkt die meisten Provisionen abwirft. Also wird dem Klienten mittels hochtrabender Computeranalysen na-hegelegt, die Lebensversi-cherung "Gehabdichwohl", möglichst fondsgebunden, und/oder den Rentensparplan "OhneSorg" abzuschließen, am besten, man verknüpft damit noch eine Fremdfinanzierung aus steuerlichen Gründen. Hier fährt klar besser, wer sich selbst ein Investmentsparkonto zulegt und regelmäßig Anteile an einem deutschen Aktienfonds, einem internationalen Rentenfonds und einem gemischten Fonds erwirbt. Die Mischung bleibt jedem einzelnen nach seiner persönlichen Risikoeinstellung überlassen. Wichtig ist bloß, zeitlich versetzt immer dann zuzukaufen, wenn Geld übrig ist.
Von 100 000 bis 250 000 DM Vermögen an bieten die meisten Banken sogenannte gemanagte Depots an. Bei der Commerzbank heißt das zum Beispiel "Compact", und da gibt es dann je nach Risikobereitschaft des Kunden vier Varianten von "Rentenmanagement Deutschland" (sehr konservativ) bis "konservatives Management", dann kommt das "Wachstumsorientierte Management" und schließlich das "Chancenmanagement" (spekulativ).
Was kostet das den Kunden, und was bringt das der Bank? Zusätzlich zu den üblichen Wertpapierspesen beim Kauf und Verkauf (wie beim normalen Depot auch!) bezahlen Sie zusätzlich eine Verwaltungsgebühr von etwa einem halben Prozent pro Jahr, und Depotgebühren sowieso.
Gegen diese Form der Vermögensverwaltung ist im Prinzip nichts einzuwenden, ganz im Gegenteil. Ich wünschte mir bloß eine klarere Form der Kundenansprache. Hier von einer persönlichen und individuellen Betreuung zu sprechen, ist angesichts der Möglichkeit, sich in lediglich vier Anlegerklassen einteilen zu lassen, schon leicht irreführend.


Jagd nach Kundschaft
Gutbetuchte mit einem Vermögen ab 500 000 DM sind natürlich eine interessante Klientel für Banken und freie Vermögensverwalter. Banken und freie Vermögensverwalter sind sich nicht grün und argumentieren bei der Jagd nach Kundschaft oft gegeneinander. Die Banken seien in ihren Anlageentscheidungen nicht autonom, wird entgegengehalten, will meinen, sie würden eigene Interessen vertreten.
In der Tat kann man sich manchmal des Eindrucks nicht erwehren, daß dem so sein könnte. Ich habe schon so manches Depot mit über einer Million DM gesehen und mich erschreckt über die Menge an hauseigenen Investmentfonds und die ganze Latte von Börsenemissionen eines ganzen Jahres, egal, ob der Börsenneuling was taugte oder nicht. Das Ärgerliche, wenn Fonds in solchen verwalteten Depots vorkommen, ist die Gebührenschneiderei. Die Bank kassiert für die Vermögensverwaltung ein ordentliches Honorar (im Schnitt ein bis eineinhalb Prozent pro Jahr) sowieso und dann die Fondsgesellschaft noch einmal. Das ist nicht fair. Fazit: Fonds haben in solchen Depots nichts zu suchen, oder aber die Fondsgesellschaft verzichtet auf mindestens die Hälfte der Kosten. Das wäre angemessen.
Den freien Vermögensverwaltern wird vorgehalten, sie hätten keine vernünftige Researchabteilung und müßten sich ihr Wissen mühsam und für den Kunden verspätet zusammenklauben. Und daß es keine Qualitätsstandards gäbe, spräche erst recht gegen sie. Das ist wohl wahr, in Deutschland darf sich jeder so nennen, und es gibt tatsächlich keinen einheitlichen Qualitätsmaßstab. Ob der Informationsvorsprung der Banken wirklich besser ist, wage ich zu bezweifeln. Schließlich sind die Berater in den Banken auf das hauseigene Research angewiesen, und das kann durchaus manchmal auch schlecht sein.
Sicher ist allerdings, daß die freie Vermögensverwaltung teuer ist. Ein guter Verwalter läßt sich seine Dienste mit jährlich ein bis zwei Prozent vom Vermögen bezahlen und beansprucht darüber hinaus eine Gewinnbeteiligung vom erwirtschafteten Zuwachs, die in der Regel um 15 Prozent schwankt. Diese Beteiligung hat freilich ihre Tücken. Sie kann nämlich dazu führen, daß der Verwalter das Depot schnell und riskant dreht, um möglichst schnell Gewinne zu machen. Vorteilhaft ist hier die Vereinbarung einer Verlustrechnung.
Es ist allerdings ein Phänomen, daß sehr viele Vermögensverwaltungsaufträge früher oder später unwirsch beendet werden – je nach Stimmungslage mit bösen Worten oder Schadenersatzdrohungen, fast immer verbunden mit einer als bitter empfundenen Unzufriedenheit. Und zwar auf beiden Seiten. Das mag zum einen daran liegen, daß oft genug elementare Aspekte des Vermögensverwaltungsvertrages wie Risikobereitschaft, Anlagegrundsätze oder Anlagehorizonte, wenn überhaupt, nur sehr wenig präzise formuliert werden. Aber das erklärt nicht alles.
Es hängt wohl auch damit zusammen, daß die gegenseitigen Erwartungen aus anderen Quellen gespeist werden. Für viele Klienten ist Geld besetzt mit Begriffen von Wichtigkeit, Persönlichkeit, Werthaftigkeit, Objektersatz. Und wehe, der Vermögensverwalter patzt an dieser wichtigen Schnittstelle. Ebenso ambivalent die Position des Geldverwalters: Seine Stellung spiegelt ihm eine Aura von Macht, Omnipotenz und Lustgewinn (auch bei Verlusten?) vor. Und wehe, der Kunde "stört" diese Illusion durch zu häufige Anrufe.
Es läßt sich also gut verstehen, daß es ganz schnell zu atmosphärischen Störungen kommen kann. Um so wichtiger ist es, sich im Vorfeld bei der Auswahl des Vermögensverwalters, egal ob Freier oder Banker, davon leiten zu lassen, neben fachlichen Ansprüchen auch den sogenannten Nasenfaktor zu prüfen, also schlicht zu schauen, ob zusammenpaßt, was zusammengehört. Schließlich ist es Ihr Geld. RR


Leserservice: Professionelle Vermögensverwaltung


Gegen eine Schutzgebühr von 10 DM (Scheck, bar oder Briefmarken) erhalten Sie eine Liste ausgesuchter Vermögensverwalter für eine Vermögensbetreuung von einer halben Million DM an.


Schreiben Sie an: Diplom-Ökonom Reinhold Rombach, Postfach 15 15, 50975 Köln.

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