ArchivDeutsches Ärzteblatt12/2004Glaukom: Charakteristische Autoantikörper

AKTUELL: Akut

Glaukom: Charakteristische Autoantikörper

Dtsch Arztebl 2004; 101(12): A-757 / B-625 / C-609

Leinmüller, Renate

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LNSLNS Bei der Pathogenese des Glaukoms, in deren Verlauf es zu einem Untergang von retinalen Ganglienzellen kommt, sind wahrscheinlich auch Autoimmunvorgänge beteiligt. Mainzer Wissenschaftler haben bei Patienten mit primärem Offenwinkelglaukom ein charakteristisches Repertoire von Autoantikörpern gegen Sehnerv- und Netzhautgewebe nachgewiesen. Die Erhöhung des Augeninnendruckes ist heute nicht mehr Bestandteil der Definition der Erkrankung, denn sie fehlt bei mehr als 30 Prozent der Glaukom-Patienten, und gilt nur noch als wichtigster Risikofaktor. Demgegenüber entwickeln viele Patienten mit okulärer Hypertension nie ein Glaukom. Das Team um Privatdozent Dr. Dr. Franz Grus (Universitätsklinik Mainz) hat die Autoimmun-Hypothese des Glaukoms anhand von IgG-Antikörper-Profilen bei Patienten und Augengesunden überprüft: Im Western Blot gegen präparierte Retina- und Sehnerv-Antigene wurden bei Glaukom-Patienten deutlich mehr Autoantikörper gemessen.

Dafür wurde ein analytisches Verfahren entwickelt, das die Quantifizierung solcher Autoantikörper-Repertoires erlaubt. Dies war nötig, weil auch Gesunde eine sehr komplexe Autoantikörper-Verteilung zeigen („natürliche Autoimmunität“). Nach digitaler Bildverarbeitung und multivariaten statistischen Analysen zeigte sich ein „charakteristisches“ Autoantikörper-Muster, das eine Diskriminierung auch gegen Nicht-Glaukom-Patienten mit okulärem Hochdruck erlaubte. Mithilfe artifizieller neuronaler Netzwerke haben die Wissenschaftler dann überprüft, ob sich die Diagnose über das Antikörper-Repertoire im Serum von Glaukom-Patienten stellen lässt.

Die erste Untersuchung bei 140 Patienten mit Hoch- und Normaldruck-Glaukom sowie Patienten mit okulärem Hochdruck oder aber Kontrollen ergab eine Sensitivität von 90 und eine Spezifität von 85 Prozent. Dieser Effekt ist bei rund 400 Patienten bestätigt worden. Die Frage, ob diese
Autoantikörper gegen okuläre Antigene Ursache oder Folge der Glaukom-Erkrankung sind, ist nicht vollständig geklärt. Im Tiermodell zumindest wurde nach Immunisierung mit bestimmten Proteinen eine glaukomähnliche Erkrankung induziert, was darauf hindeutet, dass es sich um primäre Auslöser einer organspezifischen Autoimmunerkrankung handeln könnte. Wenn sich dies bestätigt, könnte das Autoantikörper-Repertoire in Zukunft zur Beurteilung der Progression herangezogen werden, aber auch zum nichtinvasiven Screening.
Dr. Renate Leinmüller
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