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Nachgefragt

Dtsch Arztebl 2004; 101(12): A-773 / B-640 / C-624

Merten, Martina

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Prof. Dr. phil. Dr. med. Rolf D. Hirsch ist Leiter der Abteilung für Gerontopsychiatrie/ Gerontopsychiatrisches Zentrum an den Rheinischen Kliniken Bonn. Er ist ehemaliger Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Gerontopsychiatrie und -psychotherapie e.V. und Vorsitzender der Bonner Initiative gegen Gewalt im Alter e.V. Foto: Herbert Mück
Prof. Dr. phil. Dr. med. Rolf D. Hirsch ist Leiter der Abteilung für Gerontopsychiatrie/ Gerontopsychiatrisches Zentrum an den Rheinischen Kliniken Bonn. Er ist ehemaliger Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Gerontopsychiatrie und -psychotherapie e.V. und Vorsitzender der Bonner Initiative gegen Gewalt im Alter e.V. Foto: Herbert Mück
DÄ: In Ihrem Buch „Anspruch und Realität der rechtlichen Betreuung“* kritisieren Sie sowohl die bisherige Handhabung/Praxis des aktuellen Betreuungsrechts von 1992 insbesondere bei alten Menschen als auch die geplante Novellierung. Warum?
Prof. Dr. Dr. Rolf D. Hirsch: Das Gesetz von 1992 ist zwar in der Theorie ein hoch qualifiziertes sozialpsychiatrisches Gesetz, aber leider waren nur wenige bereit, dieses in die Praxis so umzusetzen, wie es vorgesehen war. Die Schilderungen der Betroffenen in unserem Buch zeugen teilweise von einer völligen Entrechtung und vom Missbrauch, zu denen leider auch Ärzte ihren Teil beigetragen haben. Da es zum Beispiel kaum Vorgaben gab, nach welchen Kriterien Ärzte medizinische Gutachten über die zu Betreuenden zu verfassen haben, kam es häufig zu oberflächlichen und nach dem „state of the art“ nicht begründeten Diagnosen bei alten Menschen. Gutachten gerieten zu kurz („Dreizeiler“), bezogen das soziale Umfeld des Betroffenen nicht ein oder wurden von wenig qualifizierten Gutachtern angefertigt. Wird der derzeitige Gesetzentwurf in seiner jetzigen Form umgesetzt, wird sich die Situation der Betroffenen weiter verschlechtern. Es kommt, um es hart auszudrücken, zum „sozial(un)verträglichen Ableben“ der Betreuten. Konnten zum Beispiel Berufsbetreuer nach altem Gesetz den zu Betreuenden gegen Kostenerstattung im Heim meist nur einmal im Monat aufsuchen, so wird dies nach der Novelle mangels Finanzierung noch seltener geschehen. Außerdem ist geplant, eine Pauschalierung der Vergütung und des Aufwendungssatzes für Betreuer nach festen Vorgaben einzuführen, die die Finanzsituation der Betreuer wesentlich verschlechtern wird. Künftig soll darüber hinaus bei Demenzkranken ein ärztliches Zeugnis genügen und auf ein Sachverständigengutachten verzichtet werden. All dies wird verheerende Folgen für die Betroffenen haben und zu erheblichen finanziellen Mehrbelastungen zum Beispiel der Pflege- und Krankenkassen führen.
DÄ: Halten Sie die Bestimmung der Novelle für richtig, die Auswahl eines geeigneten Stellvertreters des Patienten der ärztlichen Verantwortung zuzuweisen?
Hirsch: Am besten wäre, ein fachlich versierter Arzt würde diese Entscheidung zusammen mit einem Sozialarbeiter, Mitgliedern der Familie, dem Hausarzt und dem Betroffenen selbst treffen. Der Arzt allein kann nur eingeschränkt beurteilen, ob der Familienangehörige die richtige Betreuungsperson ist. Zumal ein Arzt während seiner Ausbildung nicht gelernt hat, mit solchen Situationen umzugehen. Da diesbezügliche Fragestellungen oft in Kliniken auftreten, sind die meisten Ärzte zu einer adäquaten Beurteilung – schon im Hinblick auf die immer kürzer werdende Verweildauer – kaum in der Lage.
DÄ: Als Vorsitzender der Bonner Initiative gegen Gewalt im Alter e.V. bekommen Sie viele Anrufe und Briefe Betroffener. Welche Sorgen haben die Betroffenen?
Hirsch: Viele Betroffene äußerten, dass sie nicht ernst genommen werden, sie keinerlei Mitsprache hätten, völlig entrechtet wären und der Betreuer, meist der Berufsbetreuer, keine Vertrauensperson wäre oder erst gar nicht komme. Manche Betroffene beschweren sich auch darüber, dass sie kein Taschengeld vom Betreuer bekommen. 2002 bekamen wir als regionale Initiative über 800 Anfragen zu Vorsorgevollmachten und Betreuungsverfügungen, knapp 50 Personen nutzten auch unser Notruftelefon.
DÄ: Was müsste Ihrer Ansicht nach seitens der Ärzteschaft getan werden, um Anspruch und Realität der rechtlichen Betreuung miteinander in Einklang zu bringen?
Hirsch: Ganz wichtig wäre, grundsätzlich dem alten Menschen mehr Aufmerksamkeit zu widmen, insbesondere wenn er eine psychische Störung hat, und nicht nur seine Defizite, sondern auch seine Ressourcen wahrzunehmen. Eine größere Sensibilisierung des Arztes, ob eine Betreuung überhaupt notwendig ist, wäre notwendig. Es müssten Fortbildungen angeboten werden, die alle im Fall einer Betreuung betroffenen Berufsgruppen, also Ärzte, Richter, Rechtsanwälte, Sozialarbeiter und Pflegekräfte, miteinbeziehen.
DÄ-Fragen: Martina Merten


* Hirsch, Rolf D., Halfen, Marita: Anspruch und Realität der rechtlichen Betreuung. Problemdarstellung und Berichte von Betroffenen, Bonner Schriftenreihe „Gewalt im Alter“, Band 9, Bonn 2003
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