ArchivDeutsches Ärzteblatt12/2004Transplantationen: Werteverschiebung
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LNSLNS Das unter dieser Überschrift erläuterte Grundsatzurteil verletzt mit seiner Kernaussage die Integrität eines jeden Gesunden. Denn im Bedarfsfall kann ab sofort jeder Gesunde unter den moralischen Druck geraten, seine Gesundheit einem Kranken zu opfern. Und das wird auch nicht mehr der absolute Ausnahmefall bleiben, weil der Bedarfsfall allmählich in zwei Richtungen erweiterbar ist. Erstens kann Nähe immer weiter definiert werden, sodass entfernt Verwandte und ähnlichen Beziehungen als nah gelten werden. Und zweitens kann der Bedarfsfall immer früher definiert werden bis hin zu beginnender Niereninsuffizienz als Indikation für eine Nierentransplantation. Das liefe letztendlich auf eine Gesellschaft nur noch chronisch Kranker hinaus. Das Interesse an der eigenen Gesundheit wird darunter leiden, weil Gesundheit zum Gut wird, das Kranken zu opfern ist. Die Interessen der Kranken werden über die der Gesunden gestellt. Krankheit zu lindern steht über Gesundheit erhalten. Lebensqualität wird dem Recht auf Leben untergeordnet. Eine Gesellschaft, die derart den Tod auszuklammern versucht, wird das mit ihrem Leben bezahlen. Es ist der Sieg der Quantität über die Qualität, wenn der Lebensdauer das absolute Primat eingeräumt wird. Mit diesem Grundsatzurteil wird eine elementare Werteverschiebung zementiert, über die zu entscheiden wohl eher der Legislativen anstünde.
Dr. Bianca-Martina Thun, Klemmenstraße 31, 72793 Pfullingen
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