ArchivDÄ-TitelSupplement: Geldanlage-MagazinSUPPLEMENT: Geldanlage 2/1996Strategien am Kapitalmarkt: Welche Fehler private Anleger vermeiden sollten

SUPPLEMENT: Geldanlage

Strategien am Kapitalmarkt: Welche Fehler private Anleger vermeiden sollten

Dtsch Arztebl 1996; 93(40): [25]

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LNSLNS Der Zugriff auf Informationen galt lange Zeit als Schlüssel für erfolgreiches Anlageverhalten. Im Zeitalter des Internet und der nahezu zeitgleichen Verfügbarkeit weltweiter kapitalmarktrelevanter Daten kann von einem Mangel an Information nicht mehr die Rede sein. Daneben ist die Palette der Investitionsmöglichkeiten in den letzten Jahren größer geworden. Das macht es privaten Anlegern nicht leichter, Fehler bei der Anlage zu vermeiden. Was zu beachten ist, schildert im folgenden ein Mitglied des Direktoriums der LGT Bank in Liechtenstein (Deutschland) GmbH.


Was sollte ein Kapitalanleger beachten, um den zahllosen Tücken des Investmentgeschäftes zu entgehen? Zunächst ist die Wahl des Anlageberaters von entscheidender Bedeutung. Anleger und Berater sollten mental zueinander passen. Ein risikofreudiger, an kurzfristigen Chancen interessierter Anleger wird an einem langfristig und strategisch denkenden Berater keine Freude finden. Ebenso unglücklich ist die Kombination eines tradingorientierten Beraters, der nach Umsatz entlohnt wird, für einen langfristig planenden, an realem Vermögenserhalt interessierten Anleger. Seriosität, Diskretion und Vertrauen sind daneben Grundvoraussetzungen für eine sinnvolle Zusammenarbeit. Nicht minder wichtig sind die Serviceleistung und die Internationalität eines Investmenthauses.


Hausaufgaben bleiben
Zu den grundsätzlichen Hausaufgaben, die der Anleger – mit Unterstützung des Beraters – selbst erledigen muß, gehört die Ermittlung der Risikobereitschaft. Im Rahmen einer umfassenden Vermögensanalyse und planung muß er seinen zeitlichen Anlagehorizont bestimmen, Cash-flow-Erfordernisse und steuerliche Belange berücksichtigen. Er muß sich intensiv überlegen, welches Risiko mit seinen Renditeerwartungen verknüpft ist. Zumindest an Hand historischer Statistiken läßt sich ablesen, wie groß die Schwankungsbreite der Vermögensentwicklung bei welcher Kombination von nationalen beziehungsweise internationalen Anleihen oder Aktien ist. Die gewählte Risikobereitschaft sollte dabei in einem sinnvollen Zusammenhang mit bereits vorhandenen Vermögensbeständen stehen, um durch die geplanten Kapitalanlagen eine Risikodiversifizierung des gesamten Vermögensbestandes sicherzustellen.
Nach Festlegung der Risikobereitschaft ist die systematische und konsequente Anwendung einer Anlagestrategie von zentraler Bedeutung, die darüber hinaus fortlaufend auf ihre Gültigkeit hin überprüft werden muß. Dabei ist die jährliche Performance jedoch nur ein Prüfstein für den Erfolg einer Strategie. Von längerfristiger Bedeutung und daher entscheidend für die Nachhaltigkeit des Anlageerfolges ist das Verhältnis von eingegangenem Risko zu erzielter Rendite und die konsequente Einhaltung einer Strategie. Nur wenn dies gewährleistet ist, ist die Performance eines Jahres nicht auf Glück, Zufall oder hohes Risiko zurückzuführen, sondern kann als eine verläßliche Basis für dauerhaften Anlageerfolg gelten.
Zu den häufigsten Fehlern, die Privatanleger an den Kapitalmärkten begehen, gehört der Verstoß gegen diese grundlegenden Prinzipien bei der Kapitalanlage. Fehlende Klarheit über die eigene Risikobereitschaft verführt den Investor dazu, hohen Renditeversprechungen zu folgen, in Phasen stark rückläufiger Kurse dann aber die Nerven zu verlieren. Der beliebte und durchaus verständliche Wunsch des Anlegers – möglichst hohe Rendite bei möglichst geringem Risiko bei einem gleichzeitig hohen Maß an Verfügbarkeit des Vermögens – muß, weil unmöglich durchführbar, in eine realistische Perspektive gesetzt werden. Die Aufstellung einer Reihenfolge der Prioritäten ist unerläßlich.
Der schwerwiegendste Fehler, der einem in bezug auf die Anlagestrategie unterlaufen kann, ist der häufige Wechsel. Jede Anlagephilosophie, jedes Modell – gleichgültig, ob überwiegend fundamental oder technisch orientiert – durchläuft Phasen mit hohen und niedrigen Trefferquoten. Wechselt nun ein Anleger beispielsweise gerade nach einer enttäuschenden Börsenphase die Anlagestrategie, so ist die Wahrscheinlichkeit hoch, daß er gerade die Phase überdurchschnittlicher Renditen verpaßt. Noch problematischer und unter Umständen verlustreicher ist die Versuchung, angeblich erfolgreichen Modetrends nachzujagen. Bei rechtzeitigem Aufspringen auf einen Modetrend sind zwar kurzfristig durchaus kräftige Gewinne zu erzielen. Meist folgt dieser Phase jedoch auch eine Periode überdurchschnittlicher Verluste. Anlagestrategien dieser Ausrichtung ähneln dann eher einem Glücksspiel als einer langfristigen Vermögenssicherung und -mehrung.
Auch ein abrupter Wechsel der Risikoklasse ist eine durchaus gefährliche Fehlerquelle. Der verständliche Wunsch, eine langweilige, weil risikoarme Performance durch die Einbeziehung höherer Risikoklassen "aufzupeppen", kommt unter Timing-Aspekten meist genau zum falschen Zeitpunkt und sorgt zumindest kurzfristig häufig für Verluste. Beispiel: Ein Anleger, der bislang in DM-Renten inve-stierte, wird normalerweise nicht dann US-Aktienoptionen kaufen, wenn dies vom Timing günstig erscheint, sondern dann, wenn diese Optionen bereits wegen ihrer außergewöhnlichen Performance Schlagzeilen gemacht haben.
Zu den Fehlern, die die langfristige Performance durchaus nennenswert belasten, gehört auch die kritik-lose Umsetzung von Bör-sentips. Problematisch wird es vor allem dann, wenn Einzelempfehlungen, die, isoliert betrachtet, durchaus attraktiv erscheinen, wahllos kombiniert werden. Oft entsteht daraus ein Aktiende-pot für alle Wirtschaftsla-gen: Goldminen-Aktien als Schutz vor Inflation oder politischen Krisen, amerikanische Technologiewerte, wenn über den Standort Deutschland zu viel gejammert wird, ein paar Fremdwährungsanleihen, wenn eine neue Regierung zu sparen verspricht. Auf diese Weise entsteht ein "Wertpapiereintopf", der zwar aus der Sicht des Tagesgeschäftes durchaus seinen Reiz hat, von einem systematischen, strategischen Vermögensaufbau jedoch weit entfernt ist.
Die Fehlerquellen dürften in den kommenden Jahren gerade aus Sicht eines in DM denkenden Anlegers eher noch zunehmen. Das historische Experiment der nahenden Währungsunion dürfte viele der Börsenstrategien von Grund auf in Frage stellen. Ähnlich, wie bei der deutschen Wiedervereinigung zahllose Sondereffekte die "normalen" Marktmechanismen zumindest vorübergehend außer Kraft setzten, wird auch die Neuordnung innerhalb Europas viele Börsenregeln auf den Kopf stellen.
So dürfte zum Beispiel die Frage der Asset Allocation zwischen den EU-Ländern von branchenspezifischen Zyklen abgelöst werden. Die Zinsdifferenzen zwischen den Teilnehmern der Wäh-rungsunion werden ohne den Puffer von Auf- und Abwertungen bestimmt werden müssen. Mit der abnehmenden Bedeutung geldpolitischer Steuerungsmechanismen innerhalb der Währungsunion werden viele Anlagekonzepte völlig neu überdacht werden müssen.
Strukturelle Umbruchphasen beinhalten – wie auch in der Vergangenheit – erhebliche Chancen und Risiken, auf die sich die Anleger einstellen müssen. Gerade in solch einer Situation sollte man dann nicht auf ein Rezept vertrauen, das aus-schließlich auf historische Muster aufbaut. Quantitativ orientierte Entscheidungsmodelle, die in der Vergangenheit durchaus sinnvolle Ergebnisse lieferten, müssen den wirtschaftlichen Strukturveränderungen angepaßt werden. Technische Modelle werden vor allem innerhalb Europas dem Zusammenwachsen der Märkte nur teilweise gerecht, und die Fundamentalanalyse muß sich ändernde Zusammenhänge und Wirkungsmechanismen berücksichtigen und neu gewichten.
Es erscheint daher sinnvoll, daß die Anleger auf einer vielschichtigen und vor allem flexiblen Anlagestrategie aufbauen, da Patentrezepte der sich grundsätzlich wandelnden wirtschaftlichen Situation nicht mehr gerecht werden können. WE

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