SUPPLEMENT: Geldanlage

Terminhandel – USA: Handel mit Umweltlizenzen

Dtsch Arztebl 1996; 93(40): [28]

AL

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LNSLNS Es gibt fast kein Produkt, das in den USA nicht per Termin gehandelt werden kann. Mit Weizen, Schweinebäuchen, Citrussaft, Sojabohnen und den Edelmetallen fing es an. Es folgten die sogenannten Financial Futures – hier werden Zinskontrakte, Devisenkontrakte oder auch Aktienindizes per Termin gehandelt. In New York soll sogar eine Börse eröffnet werden, an der Katastrophenrisiken gehandelt werden, die "Catastrophic Risk Exchange" oder Catex. Was liegt da näher, als den Terminhandel auch in den Dienst des Umweltschutzes zu stellen?


Ungewöhnliches wird derzeit an der größten Terminbörse der Welt, dem Chicago Board of Trade (CBOT), geprüft: Dort soll das Recht, die Umwelt mit einem bestimmten Stoff zu belasten, auch per Termin gehandelt werden. Unternehmen könnten sich gegen unerwartete Risiken (Senkung der Grenzwerte) schützen, Spekulanten wie bei den Financial Futures aus den Preisschwankungen Profit schlagen, wenn sie die richtige Nase haben.
Die Grundlage dafür schuf bereits der vor gut sechs Jahren verabschiedete Clean Air Act. In diesem Gesetz wurde nicht mit Verboten, sondern mit Erlaubnisscheinen gearbeitet. Die Unternehmen, vor allem Energieversorger, erhielten Lizenzen zur Umweltverschmutzung. Aber die Lizenzen wurden streng nach marktwirtschaftlichen Gesichtspunkten knapp gehalten. Ein Teil der Lizenzen wurde regelmäßig von der Umweltschutzbehörde Environment Protection Agency (EPA) am Chicago Board of Trade (CBOT), der größten Terminbörse der Welt, meistbietend versteigert. Auf diese Weise bildete sich ein Preis für die Lizenz zum Verschmutzen.
Wenn ein Unternehmen zum Beispiel 160 000 Tonnen Schwefeldioxyd in die Luft pusten wollte, aber nur Lizenzen über 150 000 Tonnen von der US-Umweltbehörde bekommen hatte, mußte es Lizenzen für 10 000 Tonnen hinzukaufen. Oder es mußte eine Buße zahlen, die weit über dem Preis für eine solche Lizenz lag.


Statt Buße Lizenzen
Wenn aber ein Energieversorger seine Emission stärker als erforderlich herunterfahren konnte, erhielt er eine Gutschrift. Diese konnte er aufheben und in späteren Jahren verwenden oder auch am Markt an andere Unternehmen verkaufen, welche die Grenzwerte nicht einhalten konnten oder wollten. Statt Geldbuße zu zahlen, erwarben diese Verschmutzungslizenzen.
Effekt dieser marktwirtschaftlichen Lösung: Es kam viele Unternehmen preiswerter, ihre Emission zu reduzieren, als zusätzliche Lizenzen zu erwerben. Vor allem war dies auch eine Lösung, die weniger bürokratischen Aufwand erforderte. Es mußten keine Vorschriften erlassen werden, wann und in welchem Umfang und wie die Emission zu reduzieren sei. Lediglich die Einhaltung der Grenzwerte mußte wie bei jeder gesetzlichen Regelung dieser Art kontrolliert werden. Nach Schätzungen der US-Umweltbehörde kostete die Reduktion der Emissionen auf diesem Weg rund 2,5 Milliarden Dollar. Nach einem traditionellen Regulierungssystem wäre der doppelte Betrag notwendig gewesen.
Im Jahr 1995 haben die 110 größten Luftverschmutzer in den USA 5,3 Millionen Tonnen Schwefeldioxyd in die Luft geblasen – 3,4 Millionen Tonnen weniger, als von der Regierung als oberste Grenze festgesetzt worden war. Dieser Erfolg veranlaßt die Umweltbehörde zu prüfen, ob nicht bei anderen Stoffen ähnlich vorgegangen werden sollte. Vor allem wurde überlegt, ob auf ähnliche Weise der Ausstoß von Kohlendioxyd durch die Energieversorger eingeschränkt werden könnte. Außerdem wurde die Idee geboren, so eine länderübergreifende Begrenzung der Schadstoffemissionen zu erreichen: Jedes Land erhielte bestimmte Lizenzen; zusätzliche müßten dann über die Warenterminbörsen der Welt erworben werden. Eines Tages, so glauben die Befürworter, könnten beispielsweise Kohlen-Dioxyd-Lizenzen an den internationalen Terminbörsen ebenso gehandelt werden wie DM-Futures.
Die Preise am Chicago Board of Trade für Schwefeldioxyd-Lizenzen sind in den letzten Jahren allerdings stark gefallen. Im Frühjahr 1996 kostete die Lizenz für eine Tonne 68 Dollar, im Jahr zuvor noch 132 Dollar. Als der Handel mit Lizenzen 1993 aufgenommen wurde, waren es noch 1 500 Dollar – für Umweltschützer ein Beleg dafür, daß die Grenzwerte zu lax sind. Der Preisverfall hat aber eine andere Erklärung. In den letzten Jahren ist der Preis für die weniger schwefelhaltige Kohle aus dem Westen der USA geradezu dramatisch zurückgegangen.
Geplant ist nun auch, einen Terminmarkt für die Lizenzen am Chicago Board of Trade einzuführen. Dies würde nicht nur den Verkauf von entbehrlichen Lizenzen erleichtern, sondern den Unternehmen, die hohe Investitionen vornehmen müssen, um Schadstoffe zu reduzieren, eine sicherere Kalkulationsbasis geben. Sie könnten beispielsweise alle nach Fertigstellung der neuen Anlage nicht mehr erforderlichen Lizenzen bereits vorher per Termin zum aktuellen Preis verkaufen und dann exakt die Vorteilhaftigkeit einer Investition in eine Anlage zur Reduktion der Emissionen berechnen. Denn ein plötzlicher Preisverfall für Schadstoff-Lizenzen, wie bei Schwefeldioxyd, kann alle Berechnungen über den Haufen werfen.


Feld für Spekulanten
Auf der anderen Seite wäre es natürlich auch Unternehmen möglich, die keine Anlage bauen wollen, den Preis für ihre Umweltverschmutzung exakt zu kalkulieren. Und schließlich gibt es für die Terminspekulation ein neues Betätigungsfeld. Denn es sind immer die Spekulanten, die den Hedgern an den Terminmärkten das Preisrisiko abnehmen. AL

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