SUPPLEMENT: Geldanlage

Anlegerverhalten: Angst vor dem Euro?

Dtsch Arztebl 1996; 93(40): [3]

PJ

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LNSLNS Manche Medien haben ein schlagzeilenträchtiges Thema wiederentdeckt: die geplante Europäische Währungsunion. Die vorgesehene Einführung des Euro werde die deutschen Anleger um ihre Ersparnisse bringen, heißt es. Doch Vorsicht vor Hiobsbotschaften und Empfehlungen.


An Übertreibungen mangelt es vielen Euro-Szenarien derzeit nicht. Gut beraten sind Anleger und Darlehensnehmer jedoch, wenn sie sich mit dem Thema zwar kritisch auseinandersetzen, aber dabei weder in Euphorie noch in Angstzustände verfallen. Denn die Übertreibungen sind selbst in renommierten Medien wie dem "Spiegel" keineswegs immer fundiert: Im vergangenen Jahr schrieb das Magazin vom "bombenfesten Schweizer Franken" – sein Kurs hat inzwischen nachgegeben.
Tatsache ist: Die Wege zu einer gemeinsamen europäischen Währung wurden bereits vor vier Jahren in den sogenannten Maastrichter Verträgen geebnet. Ziel der Bemühungen ist es, durch eine gemeinsame europäische Währung die Wirtschaftskraft und die Konkurrenzfähigkeit des "Marktes Europa" in allen Bereichen zu stärken und die zuletzt besonders starken spekulativen Einflüsse auf die Wechselkursentwicklung weitgehend auszuschalten. In den Verträgen von Maastricht wurde ein dreistufiger Plan ausgearbeitet:
1 Die Stufe 1 begann am 1. Juli 1990 und umfaßte im wesentlichen die Liberalisierung des Kapitalverkehrs zwischen den einzelnen Mitgliedsstaaten der Europäischen Union. 1 Die Stufe 2 läuft seit dem 1. Januar 1994. Sie dient in erster Linie als Vorbereitungsphase, in der die einzelnen Mitgliedsländer die Unabhängigkeit der nationalen Zentralbanken herstellen. Gleichzeitig unterziehen sich die Länder einer verstärkten Überwachung ihrer Wirtschafts- und Finanzpolitik, die Finanzierung öffentlicher Defizite über die Notenbank ist nicht mehr zulässig. Daneben wurde mit dem "Europäischen Währungsinstitut" (EWI) der Vorläufer der Europäischen Zentralbank (EZB) geschaffen. 1 Die Stufe 3 soll nach bisherigen Plänen am 1. Januar 1999 beginnen: Hierzu werden die Wechselkurse der teilnehmenden Staaten "eingefroren", und der Euro tritt parallel zu der jeweiligen Landeswährung. Im Jahr 2001 wird der Euro dann die nationalen Währungen ganz ersetzen. Voraussetzung für die Teilnahme an der dritten Stufe der Währungsunion ist allerdings, daß das jeweilige Land die sogenannten "Konvergenzkriterien" erfüllt. Hierzu zählen unter anderem ein solider Haushalt, eine niedrige Zins- und Inflationsrate sowie eine maßvolle Neuverschuldung. Die Umstellung auf den Euro ist also keine – wie von manchen Medien befürchtete – Währungsreform, sondern lediglich eine -umstellung. Ebenso, wie Urlauber heute 100 DM in 65 US-Dollar umtauschen, wird künftig dieser Betrag in beispielsweise 50 Euro umgewechselt werden – ein Kurs von zwei DM pro Euro angenommen. Entscheidend für das sinnvolle Anlegerverhalten ist allein die weitere politische Entwicklung: Wenn sich die Europäischen Notenbanken tatsächlich um ein hohes Maß an Stabilität bemühen – und dies dürfte angesichts der schwindenden Diskrepanzen zwischen den einzelnen Ländern leichter als bisher sein –, ist die Eurowährung tatsächlich ähnlich wertstabil wie die Deutsche Mark. Damit besteht kein Grund, überstürzt in eine andere Währung zu wechseln.
Sollte sich hingegen abzeichnen, daß die neue Eurowährung weniger stabil ist als bisher die Deutsche Mark – die es dann ja nicht mehr gibt –, muß der Anleger unterscheiden: Eine höhere Inflationsrate bedeutet zunächst sowohl ein höheres Einkommen als auch höhere Ausgaben, so daß der Effekt letztendlich zumindest teilweise ausgeglichen wird. Bei höherer Inflationsrate bekommt er aber auch höhere Zinsen, so daß für binnenorientierte Investoren eigentlich kein Handlungsbedarf besteht. Für weltweit orientierte Anleger kann dann jedoch der Weg in eine Drittwährung interessant sein, die sich – zumindest theoretisch – als stabiler erweisen sollte als der Euro. Ob dann allerdings der hochgelobte Schweizer Franken die richtige Alternative ist, muß angezweifelt werden: Angesichts der möglicherweise einsetzenden Kapitalflucht wird er zwar allein aufgrund seines Images den hohen Kurs zumindest halten können. Real betrachtet – etwa vor dem Hintergrund der Staatsverschuldung und der Kaufkraft – erscheint er jedoch heute bereits allenfalls angemessen, wenn nicht sogar überhöht eingestuft.

Größere Schwankungen
Ohnehin sind in den kommenden Monaten an den Devisenbörsen größere Kursschwankungen zu erwarten, die sich an der "Stimmung" unter den europäischen Politikern orientieren werden. Insbesondere dann, wenn politische Argumente die volkswirtschaftlichen Daten zu überlagern drohen – also beispielsweise bei einem Verzicht auf die Einhaltung aller Konvergenzkriterien –, ist mit erheblichen Turbulenzen zu rechnen, unter denen speziell die Hartwährungen wie etwa die Deutsche Mark zu leiden hätten.
Letztlich läuft mithin alles darauf hinaus, inwieweit die Europäische Union an einer harten Eurowährung festhält. Sollten sich hier Veränderungen abzeichnen, kann es sinnvoll sein, Vermögen in Nicht-EUWährungen zu parken oder verstärkt auf inflationsgeschützte Anlagen – beispielsweise Aktien oder Immobilien – umzusteigen. Als Anleger sollten Sie wachsam die Beschlüsse der Union mitverfolgen und bei Bedarf schnell handeln. PJ

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