ArchivDeutsches Ärzteblatt14/2004Kaiserin-Friedrich-Stiftung: 100 Jahre im Dienste der Fortbildung

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Kaiserin-Friedrich-Stiftung: 100 Jahre im Dienste der Fortbildung

Dtsch Arztebl 2004; 101(14): A-914 / B-764 / C-744

Hammerstein, Jürgen

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Abbildung 1: Das Kaiserin-Friedrich-Haus heute Fotos: KFS
Abbildung 1: Das Kaiserin-Friedrich-Haus heute Fotos: KFS
Nach der Rückkehr der Stiftung ins Stammhaus am Robert-Koch-Platz füllt sie auch mit eigenen überregionalen Veranstaltungen Lücken im Fortbildungsangebot aus.

Am 21. November 2003 jährte sich zum 100. Mal der Tag,
an dem das Gründungskuratorium der Kaiserin-Friedrich-Stiftung für das ärztliche Fortbildungswesen (KFS) zu seiner konstituierenden Sitzung in Berlin zusammentrat. Vorausgegangen war im selben Jahr ein kaiserliches Dekret zur Errichtung eines Hauses für das ärztliche Fortbildungswesen, das den Namen der zwei Jahre zuvor verstorbenen Mutter Kaiser Wilhelms II. tragen sollte; zuvor hatte eine nichtöffentliche Spendeneinwerbung für den Bau eines solchen Gebäudes in nur drei Monaten von 80 Donatoren die erforderliche Summe von 1,5 Millionen Goldmark erbracht.
In der von Kaiser Wilhelm II. landesherrlich genehmigten Verfassung (Satzung) von 1903 heißt es: „Die Kaiserin-Friedrich-Stiftung bezweckt, die auf die wissenschaftliche Fortbildung der Ärzte gerichteten Bestrebungen, wie sie zur Zeit namentlich von dem ,Zentralkomitee für das ärztliche Fortbildungswesen in Preußen‘ gepflegt werden, an ihrem Teile nach Kräften zu fördern und zu dem Behufe insbesondere ein eigenes Haus, das ‚Kaiserin-Friedrich-Haus für das ärztliche Fortbildungswesen‘ als Mittel- und Stützpunkt jener Bestrebungen zu errichten und zu erhalten.“
Im Klartext hatte man also der Stiftung anfangs nicht viel mehr als die Rolle einer Trägerin des noch zu errichtenden Gebäudes zugedacht. Um die direkte Fortbildung der Ärzte sollten sich andere staatsnahe Institutionen kümmern. Mit dieser Aufgabenzuordnung fand die Stiftung während der ersten vier Jahrzehnte in der Öffentlichkeit kaum Beachtung. So wurden die Jubiläen der Stiftung mit Stillschweigen übergangen – ganz anders als die mit großer Publizität begangenen Feiern zum zehn- und 25-jährigen Bestehen des 1906 in Anwesenheit des Kaisers eröffneten Kaiserin-Friedrich-Hauses (KFHes). Die KFS spielte dennoch für die Entwicklung der Fortbildung in Deutschland während der ersten Jahrzehnte des vorigen Jahrhunderts eine maßgebliche Rolle.
Dass die KFS ungeachtet der ihr zugedachten Rolle zum Zentrum des ärztlichen Fortbildungswesens sogar über Deutschlands Grenzen hinweg wurde, ist vor allem ihrem ersten Geschäftsführenden Sekretär, dem Urologen Robert Kutner (Abbildung 2), einem Schüler von Alexander Nitze, zu verdanken. Er hatte zusammen mit Ernst von Bergmann und Friedrich Althoff zu den maßgeblichen Ideengebern für die Errichtung eines Hauses für die ärztliche Fortbildung gehört. Dem umtriebigen Kutner, zugleich auch Direktor des KFH, gelang es in den ersten Jahren nach Gründung der Stiftung, entsprechende (General-)Sekretärsposten auch beim Zentralkomitee für das ärztliche Fortbildungswesen in Preußen, dem Reichsausschuss für das ärztliche Fortbildungswesen, dem Internationalen Komitee für das ärztliche Fortbildungswesen und dem Internationalen Komitee für ärztliche Studienreisen in Personalunion zu übernehmen. Ihm unterstanden ferner die Auskunfteien für Fortbildungsaktivitäten aller Art – sowohl im Deutschen Reich als auch international. Nicht zuletzt war er der Herausgeber der 1904 gegründeten Zeitschrift für ärztliche Fortbildung.
Fast überflüssig zu erwähnen, dass alle von ihm betreuten Institutionen ihren Sitz im Kaiserin-Friedrich-Haus hatten. Kutner hatte damit beste Voraussetzungen dafür geschaffen, dass die KFS auf alle Entwicklungen in der ärztlichen Fortbildung nicht nur im Inland, sondern auch international Einfluss nehmen konnte. Vom KFH aus behielt er alle Bereiche
des deutschen Fortbildungswesens im Blick. Bei dieser Ämterhäufung ist es auch geblieben, als der Augenarzt Kurt Adam 1913 nach Kutners frühem Tod die Geschäftsführung der KFS übernahm; bis zu seinem Tod 1941 blieb er 28 Jahre lang im Amt.
1919 hatte die Stiftung mit der Einrichtung einer Zentralstelle für medizinische Kinematographie noch einmal gezeigt, dass sie über die Kriegsjahre hinweg nichts von ihrem innovativen Elan eingebüßt hatte. Während der Inflation drohte dann aber der wirtschaftliche Kollaps. Diesen konnte Adam nur durch vorübergehende Vermietung von Ausstellungsflächen im KFH an die Breslauer Waggonfirma Linke-Hoffmann und – weniger wirksam – durch eine landesweite Lotterie abwehren.
Abbildung 2: Robert Kutner, 1. Geschäftsführender Sekretär, 1903–1913
Abbildung 2: Robert Kutner, 1. Geschäftsführender Sekretär, 1903–1913
Im Kuratorium hatte der Preußische Staat von Beginn an zunächst mit Vertretern von zwei Ministerien, in den 20er-Jahren dann von drei Ministerien bestimmenden Einfluss auf die Geschicke der KFS. Kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs standen sich in diesem Gremium sogar fünf Vertreter des Staates, sechs Sponsoren aus der Industrie und sieben Ärzte gegenüber – darunter Kapazitäten wie Sauerbruch, von Bergmann, von Eicken und Friedrich Müller, die alle, ebenso wie der spätere letzte Direktor des KFH (Franz Pütz), erst Mitte der 30er-Jahre hinzugewählt worden waren.
Mit der Gründung der Berliner Akademie für ärztliche Fortbildung „als einheitlicher Zentrale unter einheitlicher Führung“ und der gleichzeitigen Auflösung des Berliner Zweigs des Zentralinstituts für das ärztliche Fortbildungswesen in Preußen durch den Berliner Oberbürgermeister verlor die Stiftung schon direkt nach der Machtergreifung an Bedeutung. Nachdem 1936 das ärztliche Fortbildungswesen vollständig in den Hoheitsbereich der neu geschaffenen Reichsärztekammer überführt worden war, gerieten etwaige über das Administrative hinausgehende Zuständigkeiten und Einflussmöglichkeiten der Stiftung vollends aus dem Blickfeld der Öffentlichkeit.
Zwischen 1945 und 1949 diente das von Kriegseinwirkungen weitgehend verschonte KFH den Russen als Sitz der Kommandantura Berlin. Während dieser Zeit sind die wertvollen Sammlungen der Lehrmittel und der medizin-historischen Exponate, die Fachbibliothek und alle Akten und Unterlagen der Stiftung verloren gegangen. Auch nach 1949 wurden der KFS alle Verfügungsrechte über das KFH vorenthalten; der Magistrat der Stadt übertrug die Nutzung des Hauses der Akademie der Künste. Schließlich erging es der KFS damals nicht besser als den meisten anderen Stiftungen in der DDR: Sie wurde 1960 mit dem lakonischen Vermerk „... da die Erfüllung des Stiftungszwecks durch die gesellschaftliche Entwicklung überholt ist“ aufgehoben; das Vermögen wurde eingezogen. Wie schon die Diktatur zuvor beanspruchte auch die Regierung der DDR das Primat der ärztlichen Fortbildung für sich und duldete keine Konkurrenz.
Damit wäre das Schicksal der KFS besiegelt gewesen, hätte nicht ein bescheidenes Bankkonto der Stiftung in Westberlin die Währungsreform überdauert. Mit diesem Kapital und weiteren Spenden hat Wilhelm Heim 1972 die Wiederbelebung der Stiftung im Westen der Stadt gewagt – wenn auch ohne eine dem KFH entsprechende Veranstaltungsstätte. Gestützt auf die Mitarbeit der Ärzte des Rudolf-Virchow-Krankenhauses, hat Heim mit überregionalen Klinischen Wochenkursen und mehrwöchigen Wiedereingliederungskursen für Ärztinnen nach der Familienpause der Stiftung schnell wieder zu Bekanntheit und Ansehen verholfen. Symposien mit anderen Berufsgruppen – Juristen, Lehrern, Sozialarbeitern – wie auch Einzelveranstaltungen kamen hinzu. 1984, nur ein Jahr vor Ende seiner Geschäftsführertätigkeit, hat Heim auch noch einen Partnerschaftsvertrag mit der Jinan-Universität für den Ärzteaustausch zwischen Berlin und Kanton ausgehandelt.
Bereits ein halbes Jahr nach der deutschen Wiedervereinigung wurde die 30 Jahre zuvor im Osten der Stadt verfügte Aufhebung der Stiftung we-gen Rechtswidrigkeit zurückgenommen. Nach zähen Verhandlungen konnte die KFS Ende 1992 wieder als Eigentümerin in ihr Stammhaus am Robert-Koch-Platz (Abbildung 1) heimkehren. Seitdem hat die Stiftung ihre ursprüngliche Aufgabe als Trägerin und Verwalterin des KFHes wieder aufgenommen und mit ihrer 1972 begonnenen Aufgabe, eigene Fortbildungsreihen zu veranstalten, verbunden. Dazu gehören in jüngster Zeit auch Kurse in evidenzbasierter Medizin. Ähnlich wie einst – jedoch mit anderen Schwerpunkten – kooperiert die KFS heute mit den verschiedensten Institutionen, so etwa mit der Bundes­ärzte­kammer, der Kassenärztlichen Bundesvereinigung oder der Bundesagentur für Arbeit.
Anders als früher wird der Staat heute in dem zwölfköpfigen Kuratorium nur noch durch das für das Gesundheitswesen zuständige Mitglied des Berliner Senats vertreten. Gehörte es einst zum Selbstverständnis der KFS und der mit ihr kooperierenden staatlich gestützten Institutionen, dass ihre Fortbildungskurse unentgeltlich in Anspruch genommen werden konnten, so müssen heute auch als Folge geringerer Staatsnähe und fehlender staatlicher Unterstützung Tagungsgebühren zur Kostendeckung der Veranstaltungen erhoben werden.
Ausgerechnet an der Schwelle zum zweiten Jahrhundert ihres Bestehens hat das Land Berlin der KFS die einzig verbliebene Zuwendung zur Aufrechterhaltung des seit 20 Jahren florierenden Ärzteaustauschs zwischen Kanton und Berlin gestrichen. Mit deren Hilfe haben sich bisher 136 chinesische und 14 deutsche Ärztinnen und Ärzte für jeweils ein Jahr im anderen Land ärztlich fortbilden können. Als Konsequenz
der Aufkündigung der staatlichen Unterstützung ist die Fortsetzung des Partnerschaftsvertrages mit der Jinan-Universität akut gefährdet.
Solange nicht noch weitere der verbliebenen nichtstaatlichen Förderungen wegbrechen, wird die Stiftung ihr überregionales Fortbildungsprogramm, ungeachtet eingreifender personeller Rationalisierungsmaßnahmen, fortführen können. Bedarf dafür ist vorhanden, wie die ständig ausgebuchten Kurse und Symposien immer wieder zeigen (siehe Programmkasten).
Zum Übernahme-Konzept für das KFH nach dem 1993 glücklich beendeten Restitutionsverfahren gehörte, dass das repräsentative Gebäude wieder den Charakter eines Ärztehauses zurückgewinnt. In den Bürotrakten sollen sich nur renommierte medizinische Institutionen und Verbände, wie zurzeit der Marburger Bund, die Berliner Krebsgesellschaft, die Deutsche Dermatologische Gesellschaft und die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe, ansiedeln können. Die Bundes­ärzte­kammer besitzt hier seit 1993 ihre Berliner Kopfstelle. Als Veranstaltungsstätten mit repräsentativem Ambiente werden auch die Hörsäle des KFHes breit genutzt: Unter der organisatorischen Oberleitung der KFS finden hier jährlich an die 200 Fremdveranstaltungen überwiegend auf dem Gebiet der ärztlichen Fortbildung mit insgesamt rund 10 000 Teilnehmern statt.

Prof. Dr. med. Jürgen Hammerstein
Geschäftsführer der Kaiserin-Friedrich-Stiftung
www.kaiserin-friedrich-stiftung.de


Programm 2004

13. bis 14. 2. 2004:
29. Symposion für Juristen und Ärzte:
Ärztliches Berufsrecht

15. bis 19. 3. 2004:
71. Klinische Fortbildung für hauptamtlich tätige
Ärzte aus den medizinischen Diensten
der Arbeitsämter

29. 3. bis 3. 4. 2004:
Zusatzveranstaltung: 72. Klinische Fortbildung
für niedergelassene, allgemein-medizinisch
tätige Ärzte

10. bis 14. 5. 2004:
73. Klinische Fortbildung für beratende Ärzte der
Kassenärztlichen Vereinigungen

3. bis 5. 9. 2004:
7. Berliner Grund- und Fortgeschrittenenkurs in
evidenzbasierter Medizin

29. 11. bis 3. 12. 04:
74. Klinische Fortbildung für niedergelassene,
allgemeinmedizinisch tätige Ärzte
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