ArchivDÄ-TitelSupplement: ReisemagazinSUPPLEMENT: Reisemagazin 3/1996REPUBLIK VANUATU: Großer Leuchtturm in der Südsee

SUPPLEMENT: Reisemagazin

REPUBLIK VANUATU: Großer Leuchtturm in der Südsee

Dtsch Arztebl 1996; 93(44): [14]

Klöcker, Harald

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Seit zwei Stunden verharren wir – es heißt, in sicherer Entfernung – auf einem Aschehügel gegenüber dem Schlund des Yasur und belauschen seine Monologe. Die Akustik eines vitalen Vulkans. Meist rumort er, murmelt vor sich hin; tief unten im Erdinnern ein dumpfes Grollen, ein tumbes Rollen, darauf ein giftiges Fauchen, ein Röcheln (ein Wölkchen grauen Qualms hebt sich aus dem Schlund), ein Knurren, geradezu patzig, grantig, anschwellend zu einer Drohgebärde. "Yasur heute in übler Laune, er wird doch wohl nicht ausbrechen", scherzt gerade jemand in der Runde der Zuhörer auf dem Aschehügel.
Der 360 Meter über dem Meer aufragende Yasur ist das letzte Mal 1962, davor in weitaus drastischerem Ausmaß 1945 ausgebrochen. Damals schmetterte er Tausende von Tonnen Feuer, Glut und Lava über Land und Meer. Die Umgebung des Kraters ähnelt seither einer Mondlandschaft. Hügel und Halden, Kegel und Kuppen, Vulkansand und Asche. Verkohlte Baumskelette am Ufer des Siwi-Süßwassersees. Da und dort bricht tropische Vegetation hervor. Palmen und Kakteen bilden grüne Oasen inmitten der weiten Öde aus Asche und Sand. Auf der 600 Quadratkilometer großen Südseeinsel Tanna leben heute rund 20 000 Menschen. Viele von ihnen glauben nach wie vor fest daran, daß es die übernatürlichen Mächte sind, die sich in der Tiefe des Yasur austoben und dann mit Donner, Rauch und Feuer hervorbrechen; daß durch den Schlund des Vulkans eine direkte Verbindung zu den Göttern und Mächten besteht, die über Krankheit und Wetter, Leben und Tod gebieten. Lastet eine übermäßig lange Trockenheit auf der Insel, wird die Dürre lebensbedrohlich für die Bevölkerung, werden Opfergaben durch den Schlund des Yasur den Göttern dargeboten. Meist sind es gemästete Schweine, in der melanesischen Kultur ein Zeichen von Wohlstand und Reichtum, die in den Krater des Vulkans geworfen werden, um die Götter gnädig zu stimmen.


Kein Komfort
Den nicht sehr zahlreichen Touristen, die mit dem Propellerflugzeug von Efate, der Hauptinsel des Archipels, herüberkommen, wird der feuerspeiende, stets rumorende Vulkan als die spektakulärste Sehenswürdigkeit vorgeführt. In einem Prospekt des Tanna Beach Resort wird der Yasur gar überschwenglich als "die interessanteste Naturerscheinung der Südsee" gepriesen.
1990, also mehr als zwei Jahrhunderte nach James Cook, kamen die drei irischen Brüder Jim, Breffni und Rory McGeough nach Tanna, erwarben Land am Ufer einer Bucht im Westen der Insel, ließen acht strohgedeckte Bungalows aus Bambuswänden sowie ein Hauptgebäude mit Küche, Bar und Restaurant errichten und nannten diese kühn in den tropischen Dschungel plazierte Stätte irischer Gastlichkeit Tanna Beach Resort. Äußerlich passen sich die Gebäude der auf der Insel üblichen Bauweise an, drinnen waltet indes ein an europäischen Standards orientierter Komfort. Restaurant und Bar haben sie diesen Standards am gründlichsten unterworfen. Selbst veritable französische Weine und Champagner haben den weiten Weg von der anderen Seite des Erdballs hierher gefunden und posieren nun als bestens gegen die tropische Hitze behütete Devotionalien des Luxus in einem gläsernen Kühlschrank neben der Bar.
Tanna verfügt weder über Sandstrände noch über Yachthäfen, Tauch- oder Surfclubs, attraktive Einkaufsmöglichkeiten oder komfortable Hotels. Südseeromantik mit elektrischen Gitarren und tanzenden Mädchen wird hier nirgendwo geboten. Die kleine Bungalowanlage der McGeoughs ist die einzige auf der Insel, die europäischen Standards entspricht. Wer aus Port Vila, der Hauptstadt des Inselstaates, der 1980 von den Kolonialmächten in die Unabhängigkeit entlassen wurde und sich seither nicht mehr Neue Hebriden, sondern Republik Vanuatu nennt, nach Tanna herüberfliegt, begibt sich in einen Lebensraum, wo die große Mehrheit der Einheimischen nur mit einem Lendenschurz bekleidet auf der Stufe einer Art melanesischer Steinzeit inmitten des tropischen Dschungels lebt.
Die meisten Bewohner Tannas haben die Insel noch nie verlassen. Es gibt keinen einzigen Fernseher und nur wenige Autos. Als Flugplatz dient eine holperige Sandpiste. Eine reichlich zerzauste Bretterbude erweist sich als Empfangsgebäude, Gepäcklager und Ticket-Büro der nationalen Fluggesellschaft Vanair. Wer hier ankommt, mag sich aus touristischem Blickwinkel fragen, was außer dem in den Prospekten reizvoll herausgestellten Yasur wohl sonst noch so erlebenswert sein könnte, daß sich ein mehrtägiger Aufenthalt auf Tanna lohnt.
Eine der Touren, die vom Tanna Beach Resort aus unternommen werden können, führt in die WhitegrassEbene im Norden. In dieser steppenähnlichen Landschaft grasen Rinder und Wildpferde. Letztere wurden im vergangenen Jahrhundert von den christlichen Missionaren auf die Insel gebracht. Als wir näher an eine von Bäumen umstandene Mulde heranfahren, sprengt ein brauner Leithengst mit seiner Herde über das Wiesengelände davon. Im Norden der Insel kann auch eine Plantage besichtigt werden, wo Arabica-Kaffee, angeblich der beste im ganzen Inselstaat Vanuatu, angebaut wird. Sehenswert sind die Wasserfälle Tannas. Yapilmai heißt der beeindruckendste. Ein Pfad führt durch die dichte tropische Vegetation, nach einiger Zeit vernimmt man ein Rauschen. Dann endlich freie Sicht: Etwa hundert Meter stürzt das Wasser in einen See hinab. Nach der schweißtreibenden Wanderung durch den Dschungel gerät das Bad in dem kühlen, erfrischenden Wasser zu einer wahren Orgie des Wohlgefühls.
Der Geländewagen bringt uns zur Siedlung Yakel. Abseits der Schotterpiste lebt hier im Schutz des Dschungels einer der Tanna-Stämme nach den Gesetzen uralter Überlieferung. Etwa ein Dutzend Hütten, gefertigt aus Schilf, Bambus und Palmblättern. Davor unter einem riesigen Banyanbaum eine Art Versammlungsplatz aus festgestampfter Erde. Zwanzig, dreißig Männer und Knaben, alle nur mit einem Lendenschurz bekleidet, haben sich nahe dem Banyanbaum versammelt. Die im Hintergrund bei den Hütten verharrenden Mädchen und Frauen, viele mit Kleinkindern auf den Armen, tragen bodenlange Röcke aus gebleichtem und gefärbtem Gras.
Der Stammeshäuptling, ein kleinwüchsiger, hochbetagter Mann mit gelblichem Kraushaar und drahtigem Körper, kommt auf uns zu und begrüßt uns mit einem Kopfnicken, die anderen Männer blieben auf Distanz. Bedächtig saugt der Häuptling an seiner Pfeife und wechselt derweil mit Eileen, unserer Reiseleiterin und Dolmetscherin, einige Worte. Die beiden kennen sich. Eileen ist auf Tanna aufgewachsen und schon häufig in Yakel gewesen. Während der Häuptling zu seinen Stammesgenossen zurückgeht und sich Männer und Knaben auf den Begrüßungstanz vorbereiten, erfahren wir von Eileen Einzelheiten über das Leben dieses Stammes.
Nahezu alle Arbeiten, die für den Lebensunterhalt erforderlich sind, werden von den Frauen und den noch nicht verheirateten Männern ausgeführt. Alle männlichen Kinder erhalten zunächst einen weiblichen Namen. Erst wenn der Junge herangewachsen und mit einem gespaltenen Bambusstock beschnitten worden ist, wird er als Mann betrachtet und erhält einen männlichen Namen. Heiratspartner werden von den Familienoberhäuptern bestimmt. Ein verheirateter Mann, der bereits Nachkommen gezeugt hat, arbeitet normalerweise nicht mehr, das besorgen die Frauen, Mädchen und Jungen. Mehr als 15 Kinder umfaßten noch bis vor kurzem viele Familien. Auf fünf oder sechs beläuft sich heute die durchschnittliche Kinderzahl.
Der Reichtum eines Stammes drückt sich vornehmlich in der Zahl der Schweine aus, die nach melanesischem Weltbild als die nächsten und respektabelsten Gefährten des Menschen gelten. Um die Versorgung der Schweine kümmern sich die Frauen. Während des Tages weiden die Schweine vollkommen frei in der Umgebung des Dorfes. Gegen Abend schlagen die Frauen mit Knüppeln gegen einen ausgehöhlten Baumstamm. Die Schweine vernehmen das bekannte akustische Signal. Und sofort laufen sie aus dem Dschungel zurück ins Dorf, wo sie mit Kokosnüssen und Taroknollen gefüttert werden, ehe sie die Nacht in geschützten Ställen aus Bambus und Holz verbringen.
Die Zeremonie beginnt. Männer und Knaben haben sich zu dem Versammlungsplatz vor den Wohnhütten begeben. Auf ein Zeichen des Stammeshäuptlings scharen sie sich dicht zusammen, beginnen aus vollem Halse zu singen, wiegen dabei die Körper im Rhythmus der Gesänge und stampfen derweil anfänglich nur leicht, dann immer kräftiger und ausgelassener mit den nackten Füßen auf den Erdboden. Bewegungen und Gesänge nehmen immer ekstatischere Formen an. Die Männer schwitzen. Der Boden zittert unter den Fußtritten der tanzenden Schar. Schneller und schneller wiegen sich die Körper. Wie in Trance rennen die Männer plötzlich alle gemeinsam dicht gedrängt im Kreis herum, bäumen sich noch einmal auf, reißen die Arme hoch und schreien etwas mit vereinter Stimme aus sich heraus. Ehe – wiederum auf ein Zeichen des Stammeshäuptlings – die Zeremonie auf der Stelle verstummt.
Langsam, noch im Rausch versunken, begeben sich die Männer zu dem Banyanbaum zurück und setzen sich stumm auf den Boden. Später, schon wieder zum Tanna Beach Resort zurückgekehrt, erfahren wir von Eileen, daß man uns mit dieser Tanzzeremonie in Yakel die Freundschaft angeboten, uns ein langes Leben in Gesundheit und Harmonie mit der Natur gewünscht hat. Als Eileen dem Stammeshäuptling erläutert habe, daß wir schon bald wieder auf die andere Seite der Erdkugel nach Europa zurückkehren müßten, habe er nichts mehr gesagt, seine Augen wären plötzlich starr geworden, er habe sich abgewendet und lange, lange nachdenklich in die Ferne geschaut. Harald Klöcker


Basisinformationen Republik Vanuatu


Die Inselgruppe liegt zwischen Australien und Fidji und umfaßt etwa 140 000 Einwohner. Zum mehr als 12 000 Quadratkilometer großen Staatsgebiet zählen etwa 80 Inseln. Übernachtungsmöglichkeiten für Touristen gibt es bislang nur auf drei Inseln: auf der Insel Efate, wo sich auch die Hauptstadt Port Vila befindet; auf der nördlich gelegenen Insel Espiritu Santo (attraktive Tauchreviere); und auf der südlich gelegenen Insel Tanna. Die Inselgruppe hieß bis 1980 Neue Hebriden und wurde – ein politisches Unikum – seit dem Jahre 1906 als Kondominium von den Briten und Franzosen gemeinsam verwaltet. 1980 gründete sich dann die unabhängige Republik Vanuatu.


Beste Reisezeit: Zwischen Juni und September. Die beschränkten Unterkunftsmöglichkeiten sind oft während der Hauptsaison im Juli und August ausgebucht. Reservierungen von Unterkünften auf den Inseln Tanna und Espiritu Santo unbedingt erforderlich. Regenzeit normalerweise zwischen Oktober und März.


Einreise: Für einen Aufenthalt bis zu 30 Tagen ist für Bürger der Bundesrepublik Deutschland kein Visum erforderlich. Der Reisepaß muß am Tag der Einreise noch mindestens vier Monate gültig sein.


Anreise: Flug zum Beispiel mit Air New Zealand ab Frankfurt über Los Angeles nach Nadi auf den FidjiInseln. Weiterflug ab Nadi mit Air Vanuatu nach Port Vila, der Hauptstadt Vanuatus. Von hier: Flugmöglichkeiten mit Vanair auf die Inseln Espiritu Santo und Tanna. Auskunft: Air New Zealand, Friedrichstraße 10-12, 60323 Frankfurt, Tel 0 69/97 14 03-0, Fax 97 14 03-90 oder Europäisches Reservierungscenter der Air New Zealand in Antwerpen, Tel 01 30/81 77 78 (gebührenfrei).


Unterkunft: Beste Adresse auf der Insel Tanna ist das von drei irischen Brüdern betriebene Tanna Beach Resort. Postadresse: P.O.Box 27, Tanna Island, Vanuatu, Telefon: 0 06 78/6 86 10, Fax 38 89.


Essen und Trinken: In der Hauptstadt Port Vila auf der Insel Efate gibt es mehrere erstklassige Restaurants, die sich (ein Überbleibsel aus der Kolonialzeit) auf französische oder französisch-melanesische Küche spezialisiert haben. Besonders beliebt sind Fischgerichte, Meeresfrüchte (zum Beispiel Krabben in Kokosmilch) und diverse Arrangements mit Früchten. Auf der Insel Tanna gibt es kein Restaurant höherer Kategorie.


Verkehrsmittel: Diverse Ausflüge und Rundreisen bietet Tour Vanuatu in Port Vila, Lolam House, Kulum, Highway, Tel 2 27 45 beziehungsweise 2 27 33 an. Rundreisen auf der Insel Tanna organisiert auch das Tanna Beach Resort.


Geld: Landeswährung ist der Vatu. Für Landes- oder Fremdwährungen gibt es keine Ein- oder Ausfuhrbestimmungen. Alle international verbreiteten Kreditkarten werden akzeptiert. Reiseschecks werden gewöhnlich auf der Basis von australischen Dollars akzeptiert.


Gesundheit: Malariaprophylaxe und Choleraimpfung sind zu empfehlen.


Sprache: Die Nationalsprache Bislama ist eine Mischung aus Französisch und Englisch. Vielfach wird auch Englisch oder Französisch gesprochen. Generell sind im Bereich des Inselarchipels mehr als 100 melanesische Dialekte verbreitet.

Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema

Stellenangebote