ArchivDeutsches Ärzteblatt16/2004Von der Unart zur Krankheit: Korrektur und Ergänzung

THEMEN DER ZEIT: Diskussion

Von der Unart zur Krankheit: Korrektur und Ergänzung

Dtsch Arztebl 2004; 101(16): A-1080

Skrodzki, Klaus; Grosse, Klaus-Peter

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Foto: Staatliche Kunsthalle Karlsruhe; Gestaltung: Ralf Brunner
Professor Seidler hat interessant dargestellt, wie die Beurteilung von Kindern mit Aufmerksamkeitsstörung, überschießender Aktivität und Impulskontrollschwäche im Verlauf von 150 Jahren von „Unart“ zur „behandlungsbedürftigen Störung“ wechselte. Allerdings benötigt seine Beschreibung, insbesondere der Moderne, Korrektur und Ergänzung. Hier werden Medienberichte, politische Pressemitteilungen und Volkes Meinung ungeprüft übernommen. Weder „Dealen auf Schulhöfen“ noch „prophylaktische Einnahme“, noch „Überschwappen in die Drogenszene“ ist ein tatsächliches Problem. Die Aussagen der Drogenbeauftragten über gefährliche Zunahme der Methylphenidatverordnung sind durch sachgerechte interdisziplinäre Stellungnahmen ersetzt worden (Eckpunktepapier vom 29. Dzember 2002/Mitteilung zum MPH-Verbrauch März 2003). Vielmehr hat sich aus der jahrzehntelangen praktischen Erfahrung von Kinder- und Jugendärzten und -psychiatern mit dem Leiden der Betroffenen, ihrer Familien und den hilflosen Helfern eine intensive Forschung entwickelt, die das Ursachengeflecht aus genetischen Anlagen, gesellschaftlichen Verhältnissen und Erziehungseinflüssen zu entwirren sucht, um bessere multimodale Therapiekonzepte und prophylaktische Möglichkeiten zu etablieren. Alle wissenschaftlichen Forschungen zeigen, dass Methylphenidat entscheidenden Anteil an einer wirksamen und zuverlässigen Therapie der Kernsymptomatik und einem Teil der assoziierten Störungen hat und das Risiko für späteren Drogenabusus eher herabsetzt. Interessant wäre es gewesen, wenn es dem Autor wirklich gelungen wäre, die Gründe für die langanhaltende kontroverse Diskussion historisch aufzuarbeiten.
Ein – vom Autor nicht dargestelltes – positives Ergebnis der intensiven Beschäftigung vieler Gruppen mit ADHS ist die interdisziplinäre Zusammenarbeit in Forschung, diagnostischer Beurteilung und Therapie, eine bessere Versorgung der Betroffenen und die Kooperation zwischen Fachleuten und Betroffenenverbänden, die für viele andere medizinische Bereiche Vorbildfunktion haben könnte.
Dr. Klaus Skrodzki
Priv.-Doz. Dr. Dr. Klaus-Peter Grosse
Arbeitsgemeinschaft ADHS der Kinder- und Jugendärzte e.V. , Postfach 2 28, 91292 Forchheim
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