ArchivDeutsches Ärzteblatt16/2004Von der Unart zur Krankheit: Glaubenskriegsartige Diskussion „bereichert“

THEMEN DER ZEIT: Diskussion

Von der Unart zur Krankheit: Glaubenskriegsartige Diskussion „bereichert“

Dtsch Arztebl 2004; 101(16): A-1081

Townson, Michael

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Angesichts einer von ihm so konstatierten heftigen Kontroverse um die Diagnostik und Therapie von ADHS mit „sehr komplexer Diskussionslage“ versucht sich der Autor an einer Prüfung der jeweiligen theoretischen und praktischen Erklärungs- und Bewältigungsmodelle aus medizinhistorischer Sicht, um so festzustellen, inwieweit diese für Form und Inhalt der gegenwärtigen Situation mitbestimmend sein könnten. Leider scheint Prof. Seidler dabei nur unzureichend berücksichtigt zu haben, dass die gegenwärtige Auseinandersetzung eher den Charakter eines Glaubenskrieges als den eines echten wissenschaftlichen Dissenses hat. Hierauf haben u. a. auch 85 renommierte Wissenschaftler aus neun Industrieländern in einer gemeinsamen Erklärung vom Januar 2002 nachdrücklich hingewiesen (u. a. veröffentlicht in Clinical Child and Family Psychology Review 5(2), 89–111, Juni 2002, und European Child and Adolescent Psychiatry 11: 96–98).
Anstatt Licht ins vermeintliche Dunkel zu bringen und dem Leser eine brauchbare Beurteilungsgrundlage zu liefern, hat der Autor die glaubenskriegartige Diskussion lediglich mit seinen eigenen, höchst subjektiv eingefärbten Deutungen und Ansichten „bereichert“. Abgesehen davon, dass es nicht genügt, hinlänglich bekannte und veröffentlichte historische Sachverhalte lediglich erneut aneinander zu reihen und bereits existierenden Schlussfolgerungen und Deutungen eine weitere Variante hinzuzufügen, fällt unübersehbar auf, dass es dem Autor an einschlägigem Hintergrundwissen fehlt und er sich zudem auch nicht allzu große Mühe bei der Recherche gegeben zu haben scheint. Angesichts des von ihm so dramatisch dargestellten Ausmaßes an „beunruhigenden Missbräuchen“ von Methylphenidat in den USA und anderswo, mit „Überschwappen“ in die Drogenszene, was angeblich auch hierzulande „zu großen Problemen“ geführt habe, verspürt man beispielsweise das Bedürfnis, den Autor darauf hinzuweisen, dass man nicht unbedingt immer alles ungeprüft glauben darf, was in den populären Medien berichtet wird, und dass zuweilen auch in Pressemitteilungen unbewiesene Behauptungen als feststehende Tatsachen dargestellt werden.
Beunruhigt durch Pressemeldungen über angeblich verbreiteten illegalen Methylphenidathandel auf amerikanischen Schulhöfen, richtete beispielsweise der Rechtsausschuss des US-amerikanischen Repräsentantenhauses im Jahre 2001 eine Anfrage an die Bundesbehörde GAO (United States General Accounting Office), die daraufhin eine breit angelegte Untersuchung an 1 033 repräsentativen Sekundärschulen in allen 50 US-Staaten durchführte. Das Ergebnis wurde von der GAO am 14. September 2001 in einem 50-seitigen Bericht veröffentlicht, mit dem Titel: „Attention Disorder Drugs: Few Incidents of Diversion or Abuse Identified by Schools“ (www.gao.gov/new.items/d01 1011.pdf). Das Ergebnis lässt sich dahingehend zusammenfassen, dass es sich bei den betreffenden Pressemeldungen ganz eindeutig um einen „Fehlalarm“ mit maßlosen Übertreibungen gehandelt hatte. Weder die befragten Schulleiter noch die befragten staatlichen Schulbehörden konnten derartige Pressemeldungen bestätigen. Dagegen vertraten etliche Schulleiter, die ihre Rückmeldungen mit ergänzenden Erläuterungen versehen hatten, den Standpunkt, dass nicht der behauptete Missbrauch von Methylphenidat an ihren Schulen ein Problem darstelle, sondern vielmehr Alkohol und illegale Drogen.
Auch die vom Autor zitierte Bundesdrogenbeauftragte war keinesfalls gegen derartige Behauptungen über angeblich „schwunghaften Handel“ mit Methylphenidat auf deutschen Schulhöfen immun, wie sie auch von den deutschen Massenmedien gerne aufgenommen und verbreitet werden. Nachdem Frau Caspers-Merk mit ihrer Pressemitteilung Nr. 17 am 24. Oktober 2001 ihre Besorgnis über angeblichen illegalen Handel mit Methylphenidat auf deutschen Schulhöfen veröffentlicht hatte, baten sowohl unsere Elterninitiative als auch andere ADHS-Selbsthilfeverbände Frau Caspers-Merk um nähere Informationen, insbesondere über Art und Ausmaß derartiger Vorkommnisse sowie Quellenangaben und Belege. Diese Auskünfte wurden uns jedoch von Frau Caspers-Merk rundweg mit der Begründung verweigert, dass sich das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium uns gegenüber als nicht zur Rechenschaft verpflichtet sehe. Als die Drogenbeauftragte im Verlauf der weiteren Diskussion dann zumindest eingeräumt hatte, dass sie diese Meldungen von Schulleitern aus Bayern erhalten habe, wandten wir uns an das bayerische Innenministerium, dem entsprechende Verstöße gegen das BTM-Gesetz in Bayern gemeldet werden müssen. Vom dortigen zuständigen Ressort erhielten wir aber die Auskunft, dass keine Erkenntnisse über illegalen Methylphenidat-Handel an bayerischen Schulen vorlägen, sodass sich auch diese von Frau Caspers-Merk bis heute nicht belegte Behauptung „in Luft auflöste“. Dies wurde übrigens auch durch den Drogenbericht des Bundeskriminalamtes unterstrichen, in dem es ausdrücklich hieß, dass ein illegaler Handel mit Methylphenidat bei Drogendelikten derzeit in Deutschland keine Rolle spiele. Offensichtlich sind dem Autor diese Tatsachen bei der Abfassung seines Artikels entgangen.
Wer sich für die Geschichte von ADHS interessiert, sollte bereits existierende Aufsätze von Fachleuten, die auf diesem Gebiet forschen und lehren – und auch über das bei dieser komplexen Thematik erforderliche Hintergrundwissen verfügen –, heranziehen. So z. B. „Das hyperkinetische Syndrom in der jugendpsychiatrischen Forschung“ von Trott, Badura und Wirth, 1996, in „Schriftenreihe der Deutschen Gesellschaft für Geschichte der Nervenheilkunde“, Band 1, K & N, ISSN 1430-8339.
Michael Townson
Elterninitiative zur Förderung von Kindern mit
Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom mit/ohne
Hyperaktivität, Postfach 11 65, 73055 Ebersbach
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