ArchivDeutsches Ärzteblatt17/2004Ärztliche Leichenschau und Todesbescheinigung: Formularorgien
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LNSLNS Wenn wirklich ein ernsthaftes Interesse des Staates an einer validen Leichenschau bestünde, dann würden andere Voraussetzungen geschaffen.
Ich nenne nur einige wenige Stichworte: die unzumutbare Formularorgie, unwürdige Entkleidungsvorschriften (für den Verstorbenen, die Angehörigen und nicht zuletzt den Arzt), situationsbedingt völlig ungeeignete Untersuchungsbedingungen vor Ort und eine almosenhafte, geradezu zynisch-verachtende Vergütung.
Wer soll denn den Toten entkleiden, wer schafft adäquate Beleuchtungsverhältnisse, wer gibt mir die Zeit und die Kraft, tags wie nachts (natürlich „unverzüglich“) mit allen Sinnen aufmerksam eine Leichenschau nach den geforderten Kriterien zu leisten? Die Leichenschau ist keineswegs ein „letzter Dienst am Toten“, sondern eine hoheitliche Maßnahme, zu der wir Ärzte zwangsverpflichtet werden.
Aus dem hervorragenden Aufsatz von Madea und Dettmeyer kann sich nur eine Konsequenz ergeben. Die Leichenschau muss zwingend in die Hand eines unabhängigen, dem öffentlichen Gesundheitsdienst angehörenden, professionellen ärztlichen Leichenschauers mit forensischer Erfahrung gelegt werden. Solange das nicht geschieht und nur ständig wechselnde Formulare das eigentliche Problem verschleiern, hat der Staat nichts Besseres verdient als das, was Madea und Dettmeyer (zu Recht!) beklagen: aussagelose Todesursachenangabe, auch vorsätzliche oder fahrlässige Fehleinschätzungen und die hohe Dunkelziffer der „nichtnatürlichen“ Todesart. Es ist überhaupt nicht verwunderlich, dass iatrogene Todesfälle in der Bundesrepublik Deutschland fast unbekannt sind. Entscheidend ist zunächst die Entkriminalisierung des Begriffs „nichtnatürlicher Tod“ beziehungsweise „ungeklärte Todesursache“. Soweit nicht offensichtliche Hinweise für eine Gewalteinwirkung vorliegen, sollte nicht die Polizei, sondern zunächst die öffentliche Gesundheitsverwaltung zugezogen werden müssen. Ich als Hausarzt fühle mich – zumindest bei mir unbekannten Verstorbenen und trotz gewissenhafter Wahrnehmung meiner Fortbildung – durch die Zwangsverpflichtung als Leichenschauer regelhaft überfordert und missbraucht.

Dr. med. Rudolf Mengersen
Westerbachstraße 40
37671 Höxter

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