ArchivDeutsches Ärzteblatt17/2004Ärztliche Leichenschau und Todesbescheinigung: Logischer Knick
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LNSLNS Über einen logischen Knick bei den Hinweisen zur kompetenten Leichenschau wundere ich mich seit meinem Studium, auch Experten und Koryphäen konnten mir hierzu noch keine einleuchtende „Begradigung“ meines Knicks zuteil werden lassen. In dem genannten Artikel verhält es sich genauso.
Für mich stellen sich folgende Probleme:
1. Eine Leichenschau ist „unverzüglich“ durchzuführen, die in älteren Bestattungsverordnungen genannten „6, 8 oder 24 Stunden“ würden keinen Sinn machen, „da zunächst sicher (!) festzustellen ist, ob tatsächlich der Tod eingetreten ist.“
2. Sichere Todeszeichen entstehen ab circa zwei bis vier Stunden nach Eintritt des Todes (wegdrückbare Livores alleine rauben mir den Nachtschlaf).
Wie soll dann unverzüglich, das heißt in der Regel vor Eintreten sicherer Todeszeichen, sicher festgestellt werden, ob der tatsächliche Tod eingetreten ist?
Die frühere Antwort eines Experten auf diese Frage ging in die Richtung, dass dies in der Regel kein Problem sein dürfte; wenn man sich dann tatsächlich unsicher wäre, sollte man die Reanimation in die Wege leiten. Nach meinem Lebens- und Todesverständnis ist das Blödsinn. Reanimieren bis zur Leichenstarre?
Ein Randaspekt finanzieller Art: Wer finanziert das Aufsuchen einer „unsicher toten“ Leiche, wenn eine Abrechnung auf Kasse nicht mehr und die Ausstellung eines Leichenschauscheines noch nicht möglich ist mangels Vorliegen sicherer Todeszeichen?
Zur Todesursache: „[. . .] kommt eine natürliche Todesursache lediglich für Fälle in Betracht, in denen der Verstorbene an einer bestimmt zu bezeichnenden Krankheit gelitten hat“. Und das finale Herzversagen ist eh verpönt, zeugt es doch von Ignoranz. Nun stirbt einer aber doch tatsächlich im Alter von vielleicht 95 ohne eigentlich tödliche Grunderkrankung. Was war die Todesursache? Ist Alter Krankheit? Kann der Mensch ohne Krankheit sterben? Aber deswegen kassiert unsereins dann den Nimbus eines Schlendrians oder Deppen. Wie sehen die Experten die Möglichkeit des Alters als alleinige Todesursache?
Wenn ich die Tabelle zur Richtigkeit der Leichenschaudiagnosen richtig lese, besteht eine Fehlerquote bis 63,2 Prozent! Wo darf sonst eine Methode mit so katastrophalen Ergebnissen weiter praktiziert werden? Trotzdem werden unter anderem zwei Konsequenzen munter weitergezogen:
1. Die Todesursachenstatistik, die eigentlich in den Reißwolf gehörte; von den vergeudeten Geldern der Erstellung und der daraus wiederum falschen Schlüsse ganz zu schweigen;
2. die Abqualifizierung der Leichenschauer.
Es gehört schon eine kassen/vertragsarzt-typische Knechtsdemut dazu, solche nicht gewollten (überfordernden?) Pflichten aufgehalst zu bekommen, um dann wegen deren grottenschlechter Erfüllung abgekanzelt zu werden.

Dr. med. Alexander Ulbrich
Birkheckenstraße 1
70599 Stuttgart

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