ArchivDeutsches Ärzteblatt17/2004Ärztliche Leichenschau und Todesbescheinigung: Soziale Komponente nicht vergessen

MEDIZIN: Diskussion

Ärztliche Leichenschau und Todesbescheinigung: Soziale Komponente nicht vergessen

Dtsch Arztebl 2004; 101(17): A-1175

Hüsgen, Harald F.

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LNSLNS Die Leichenschau hat eine soziale Komponente – den Umgang des Arztes mit den lebenden Angehörigen. Menschen in Trauer, Menschen in Unsicherheit, wie sie mit der Situation umgehen sollen und können. Menschen, die selbst zu Patienten werden. Die Durchführung der Leichenschau erfolgt zwar unter Ausschluss der Angehörigen, dennoch sind die Pietät, die Achtung vor dem Verstorbenen – insbesondere auch der Angehörigen – die Trauer und die Verzweiflung eine wesentliche Komponente, die das Handeln des Arztes beeinflussen können, der vor Ort tätig wird. Da wird angeprangert, Hausärzte gingen so sorglos mit der Bescheinigung von „natürlichem Tod“ um. Tatsächlich stehen diese in einem Konfliktfeld, werden bei dem „Termin“ Leichenschau durchaus von vielen anderen Bestrebungen, etwa der Ehefrau eines Verstorbenen keine entwürdigenden Befragungen, Unterstellungen zuzumuten, mit bewegt.
Wenn die kompetente Durchführung eine kriminalistische Untersuchung verlangt, dann soll gefälligst die Leichenschau auch unter Hinzuziehung der Polizei stattfinden. Tatsächlich wird dies unter Hinweis auf Kosten abgelehnt. Nur wenn der dringliche Verdacht auf ein Verbrechen bestehe, erhalte ich binnen Stunden (!!) Unterstützung bei der Leichenschau.
Dem entgegen ist die Vergütung der Leichenschau geradezu lächerlich. Nach offizieller Verlautbarung darf ich nicht einmal eine Besuchsgebühr neben der Leichenschau berechnen.
Ich frage: Soll ich denn nur dann eine Leiche untersuchen, wenn sie in die Praxis gebracht wird? Der Aufwand, den eine Leichenschau und erst recht eine „kompetent“ durchgeführte Leichenschau macht – die überdies ein hoheitlicher Akt ist – wird bestenfalls etwa mit 50 Euro nach GOÄ vergütet.
Wenn es eine „amtliche Leichenschau“ gäbe, die von Behörden durchgeführt würde, wären alle Bestimmungen dafür definiert. Die Hausärzte wären dann zu einer Auskunft nach Zeugengebühr (maximal 20 Euro) verpflichtet, die zu zahlenden Gebühren an die Behörde aber wären sicher längst vierstellig.
Seit Jahren bemühe ich mich um eine angemessene Vergütung für diese Aufgabe – erst dann kann auch zur kompetenten Durchführung eine „Sorgfaltspflicht“ eingefordert werden, erst dann können Richtlinien gegeben werden. Solche Richtlinien sollten aber letztlich auch die Situation im Notdienst berücksichtigen: Hier ist der Arzt für einen Notdienstbezirk und die Notfälle bei lebenden Patienten zuständig, dabei kann er sich nicht stundenlang um Leichen kümmern.
Der Artikel verkennt die Praxis und die Lebenswirklichkeit, in der Ärzte vor Ort arbeiten.

Harald F. Hüsgen
Buchenweg 20
47877 Willich-Schiefbahn

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