ArchivDeutsches Ärzteblatt17/2004Ärztliche Leichenschau und Todesbescheinigung: Ärzte als billige Handlanger

MEDIZIN: Diskussion

Ärztliche Leichenschau und Todesbescheinigung: Ärzte als billige Handlanger

Dtsch Arztebl 2004; 101(17): A-1176

Fischer, Henning

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LNSLNS Nach einem Zeitraum von 25 Jahren ärztlicher Tätigkeit, davon fast 20 Jahre als niedergelassener Allgemeinarzt, glaube ich mir ein Urteil über das deutsche Leichenschauwesen erlauben zu können.
Hier nur ein einziges von vielen Beispielen: Im zentralen ärztlichen Notdienst werde ich vom Pflegedienst zu einer Leichenschau bei einem mir unbekannten Patienten gerufen. Dieser ist nach langem Leiden an einem Hirntumor verstorben. Beim Betreten des Krankenzimmers finde ich den Leichnam im Sonntagsanzug auf dem Bett aufgebahrt mit einer Rose in den gefalteten Händen im Kreise seiner Familie vor.
Nach dem Gesetz hätte ich nun diesen etwa 100 kg schweren Mann völlig entkleiden müssen, um unter anderem seinen After zu inspizieren. Ganz abgesehen davon, dass selbst ich als einigermaßen kräftiger Mann dieses nicht ohne Hilfe hätte leisten können, wäre es absolut schwachsinnig gewesen, und ich wäre mit Sicherheit als Leichenfledderer in die Geschichte der Familie und des ganzen Viertels eingegangen. Absolut blödsinnige, von weltfremden Bürokraten zu verantwortende Gesetze werden nicht dadurch besser, dass man dem einzelnen Betroffenen Strafe androht. Ich habe schon vor vielen Jahren vorgeschlagen, einen amtlichen Leichenbeschauer einzuführen, doch dafür ist kein Geld da, man benutzt lieber uns als billige Handlanger und zieht dann noch über uns her.
Alternativ könnte ohne Probleme eine Regelung eingeführt werden, nach der ein Leichenschauer zunächst vor Ort nach Hinweisen für einen unnatürlichen Tod sucht, um die ausführliche Leichenschau dann mithilfe der Bestatter in einer Leichenhalle vorzunehmen oder auch in Zweifelsfällen einen amtlichen Leichenbeschauer herbeizurufen. Wenn der Staat wirklich Interesse an zuverlässigen Leichenschauen hätte, dann müsste er solche Vorschriften erlassen. Unter den derzeitigen Umständen ist die ständige Kritik grundsätzlich unehrlich. Und die Todesursachenstatistik ist ohne Obduktion ohnehin wertlos.
Im Übrigen habe ich mehrfach erlebt, dass auch eine Stunde nach dem Todeseintritt noch keine sicheren Todeszeichen vorhanden waren, und ich später noch einmal einen Besuch machen musste. Es grenzt ja schon ans Kriminelle, wenn der Gesetzgeber uns angesichts von Bestattungskosten in Höhe von 4 000 bis 6 000 Euro gerade einmal 21,50 Euro für eine Leichenschau zubilligt und dann noch die Ansicht vertritt, diese dürfe nicht mit einem Besuch zusammen abgerechnet werden. Es wäre Aufgabe unserer Standesvertretungen, uns vor derart unzumutbaren Zuständen zu schützen. Doch auch hier muss das gewohnte Versagen derselben konstatiert werden. Der Dumme ist wie immer der einzelne Arzt vor Ort.
Dr. med. Henning Fischer
Scharnhorsterstraße 25
32052 Herford

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