ArchivDeutsches Ärzteblatt17/2004Ärztliche Leichenschau und Todesbescheinigung: Struktur ist schuld

MEDIZIN: Diskussion

Ärztliche Leichenschau und Todesbescheinigung: Struktur ist schuld

Dtsch Arztebl 2004; 101(17): A-1176

Bärenz, Albrecht

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LNSLNS In dem Artikel scheinen die wesentlichen Aspekte der Leichenschau, vor allem aber die Schwächen ihrer derzeitigen Durchführung deutlich zur Sprache zu kommen. Dennoch sind diese Schwächen nicht nur ärztlicher Schlampigkeit und gesetzlichen Vorgaben, sondern im Wesentlichen der Struktur unseres Gesundheitswesens geschuldet.
Aus Sicht eines praktisch tätigen Arztes sind dies folgende Probleme:
1. Ein großer Teil der Leichenschauen werden an uns fremden Verstorbenen durchgeführt – im Notdienst, an Wochenenden, in der kollegialen Vertretung und so weiter. Hier eine fundierte Aussage über die eigentliche Todesursache zu machen, erscheint praktisch unmöglich. Die Angaben der Angehörigen – gerade in einer solchen Situation – sind mehr als unzuverlässig, das Pflegepersonal in den Heimen ist nicht kompetent genug, die medizinischen Zusammenhänge zu erfassen und: Es ist auch gar nicht ihre Aufgabe. Der einzige, der kompetent Auskunft geben könnte, ist der Hausarzt und der ist eben gerade nicht verfügbar.
2. Wer einmal erlebt hat, dass eine ganze Sippe und Teile des Ortes sich von einem distanzierten, weil man es gewagt hat, am natürlichen Tod zu zweifeln (55-jährige Patientin mit wochenlangen somnolenten Zuständen unklarer Genese, die sich in der Klinik besserten, ohne dass dort die Ursache erklärbar war und im Entlassbrief die Möglichkeit einer schleichenden Intoxikation geäußert wurde), wer in einem solchen Fall auch noch hinterbracht bekam, dass der nachbehandelnde Kollege groß tönte: „War doch ein Herzinfarkt, sieht man doch sofort“, der überlegt sich aus Gründen des wirtschaftlichen Überlebens seine späteren Entscheidungen, notfalls auch wider besseres Wissen und Gewissen.
3. Weder eine Lungenembolie noch ein fulminant verlaufender Myokardinfarkt sind postmortal ohne Obduktion diagnostizierbar. Und in 17-jähriger Praxistätigkeit habe ich nur ein einziges Mal Angehörige erlebt, die eine Obduktion wünschten – zum Wohle ihres eigenen und ihres Doktor’s Seelenheils. Das heißt, auch bei sorgfältig durchgeführter Leichenschau bleibt die Todesursache oft unklar.
Die Schlussfolgerungen sind einfach und doch weitreichend:
Die Leichenschau gehört aus der Hand des Hausarztes in die eines Spezialisten (Pathologe, Gerichtsmediziner, Coroner, neu zu definierende Zusatzbezeichnung), der die Möglichkeit haben muss
– postmortal an die medizinischen Daten heranzukommen,
– größere rechtliche Zugriffsmöglichkeiten auf Obduktionen hat, mit oder ohne Zustimmung der Angehörigen, (denn das Rechtsgut „Schutz vor und Ahndung von Gewaltverbrechen“ erscheint mir wichtiger als der verständliche Pietätswunsch der Angehörigen nach einem „unversehrten“ Leichnam) und der
– keine wirtschaftlichen, persönlichen und räumlichen Interessenskonflikte mit den Angehörigen und deren Umfeld hat.

Albrecht Bärenz
Gassbacherweg 28
64689 Grasellenbach

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