ArchivDeutsches Ärzteblatt17/2004Ärztliche Leichenschau und Todesbescheinigung: Diagnostik eines natürlichen Todes

MEDIZIN: Diskussion

Ärztliche Leichenschau und Todesbescheinigung: Diagnostik eines natürlichen Todes

Dtsch Arztebl 2004; 101(17): A-1177

Jentsch, Eckhard

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LNSLNS Diese sehr ausführliche Darstellung enthält auch sehr viele nützliche Hinweise für den leichenschauenden Arzt, um zwischen einem natürlichen und einem nicht natürlichen Tod zu unterscheiden. Gleichwohl ist anzumerken, dass im Ärztlichen Bereitschaftsdienst dem leichenschauenden Arzt demnach in praktisch allen Fällen die Attestierung eines „natürlichen Todes“ wohl nicht möglich ist. Der behandelnde Hausarzt ist in der Regel am Wochenende nicht erreichbar und eine „[. . .] diagnostizierte und dokumentierte natürliche Erkrankung, die den Tod zu diesem Zeitpunkt hochgradig plausibel erklärt [. . .]“ dürfte nur selten vorliegen.
Denken wir in diesem Zusammenhang an das Versterben alter und sehr alter Menschen. Der 90-jährige Patient, der gestern noch gesund und
munter war und dann morgens tot im Bett liegt; die 95-jährige Patientin, die friedlich in ihrem Sessel einschläft; der Tod im Alten- oder Pflegeheim
bei Altersdemenz und Arteriosklerose [. . .].
Die Fälle, in denen sich tatsächlich eine dokumentierte Erkrankung kontinuierlich verschlechtert und schließlich mit dem Tod endet, dürften die Ausnahme sein. Stirbt ein Mensch durch die
„Altersschwäche“, so stellt dies nach den Ausführungen des Autors keine natürliche Todesursache dar. Hieraus leitet sich nun die Frage ab, woran denn ein Mensch tatsächlich stirbt, wenn er in hohem Alter zu Tode kommt. Und weiter: Wie soll der leichenschauende Arzt diese Diagnose und damit einen natürlichen Tod erkennen?
Der Autor geht zwar sehr ausführlich auf Hinweise zu „nichtnatürlichen“ Todesursachen ein, bleibt aber die Diagnostik eines natürlichen Todes schuldig.
Wenn ein natürlicher Tod ausschließlich dann bescheinigt werden darf, wenn folgende beiden Bedingungen erfüllt sind:
– Kein Hinweis auf einen nichtnatürlichen Tod,
– dokumentierte schwere Erkrankung, die den eingetretenen Tod zu diesem Zeitpunkt hoch plausibel erscheinen lässt, dann bekommen wir 60 bis 80 Prozent Todesfälle mit ungeklärter Todesursache. Hierunter fallen auch alle unerwartet versterbenden alten und sehr alten Menschen.
Wenn dies mit allen logistischen und personellen Konsequenzen tatsächlich dem politischen Willen entspricht, müssen Polizei und Behörden, sowie Rechtsmedizinische Institute entsprechend vorbereitet und ausgestattet sein.
Hofft man vielleicht doch, dass diese Forderungen nicht in aller Konsequenz von den leichenschauenden Ärzten umgesetzt wird?
Interessant wäre in diesem Zusammenhang auch eine Studie, die die Trefferquote von Rechtsmedizinern überprüft: Sie bekommen eine völlig unbekannte Leiche auf den Tisch und sollen mit ihren Augen, ihren Händen und einer Taschenlampe bewaffnet die Todesursache und die Kausalkette der zum Tode führenden Erkrankungen benennen. Sie erhalten zusätzlich lediglich Informationen in Form von 2, 5 oder 10 Jahre alten Krankenhausberichten, eine Tablettenschachtel mit 15 bunten Tabletten und den Hinweis, dass der Patient am Vortag noch normal gegessen habe.
So sieht nämlich der Alltag aus für einen Arzt, der am Wochenende im Bereitschaftsdienst zu einer Leichenschau gerufen wird.
Anschließend wird die Leiche obduziert und die vorher gemachten Angaben des Rechtsmediziners auf Richtigkeit überprüft.
Hier wird man sehr schnell erkennen, welche unmögliche Aufgabe dem leichenschauenden Arzt im Bereitschaftsdienst auferlegt wird.
Und wenn es tatsächlich politisch so gewollt ist, dass auch der aus scheinbaren Wohlbefinden heraus unerwartet sterbende 102-Jährige noch obduziert wird, dann muss dieser Wille in der Öffentlichkeit in aller Deutlichkeit dargestellt werden, damit nicht der leichenschauende Arzt die undankbare Aufgabe hat, den Angehörigen diese Ansicht darzustellen.
Dr. med. Eckhard Jentsch
An den Sperrwiesen 8
91781 Weißenburg

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