ArchivDÄ-TitelSupplement: ReisemagazinSUPPLEMENT: Reisemagazin 3/1996ZU BESUCH IN DER MÖNCHSREPUBLIK ATHOS: Mittelalter oder Wirklichkeit

SUPPLEMENT: Reisemagazin

ZU BESUCH IN DER MÖNCHSREPUBLIK ATHOS: Mittelalter oder Wirklichkeit

Dtsch Arztebl 1996; 93(44): [4]

Uhlmann, Ulrich

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LNSLNSLNSLNS Die Rede ist von der orthodoxen Mönchsrepublik Athos in Griechenland, dem "Heiligen Berg" mit seiner mehr als 1000jährigen Geschichte. Abgeschieden von den Ereignissen der Welt leben hier 1 700 Mönche in 20 Großklöstern, Mönchsdörfern und Einsiedeleien zwischen Bergen und Meer in einem Gebiet von etwa der Größe der Insel Usedom.
Nach einer zweistündigen Schiffsreise – der Landweg ist nicht möglich – gehe ich in Dafni von Bord. Der winzige Hafenort mit gerade einer Handvoll Häusern ist Ausgangspunkt aller weiteren Entdeckungen. Von hier nämlich fährt, eher rüttelt der Bus auf der einzigen, schottrigen Straße in 45 Minuten die zwölf Kilometer gen Karyä, der Hauptstadt des "Heiligen Berges".
Zwei enge, krumme Gäßchen mit winzigen Kramläden empfangen mich. An der Ecke Bäcker, Schuster, ein Laden für Heiligenbilder. Mönche in langer schwarzer Kutte und Topfmütze warten auf Käufer, die es kaum gibt.
Doch wie nun, wenn’s auch mit Gottes Hilfe ist, den rechten Weg unter vielen finden, der mich ins BulgarenKloster Zografou führt? Kein Hinweisschild – nur eine Landkarte, die mir die ungefähre Richtung weist.
Der Weg führt zwischen Eichen, Kastanien, Feigen, Pinien, Lorbeer und mir unbekannten Pflanzen bergauf und bergab. Mitunter muß ich mit den Händen den Pfad freimachen. Die Sommerhitze von über 30 Grad ist fast unerträglich. Eidechsen, einmal auch eine giftige Otter, huschen über den Steg, und in einem Tümpel planschen träge Wasserschildkröten.
Dann geht es unvermittelt hinab zum Meer. Kerzenschlanke Zypressen bewachen auf einer Felsnase eine weiße Ruine mit zwei langen, toten Fensterreihen. Es ist die Athoniada-Akademie unweit des Klosters Vatopediou, deren Gründung auf das 13. Jahrhundert zurückgeht. Endlich, schon gegen Abend, erreiche ich Zografou, einen im dichten Wald versteckten mächtigen Gebäudekomplex. Von außen vermittelt er den Eindruck einer Festung mit hohem Mauerwerk und wehrhaften Türmen. Und in der Tat: Alle Athosklöster hatten sich über Jahrhunderte gegen Kreuzfahrer aus Frankreich und Deutschland, gegen katalanische Piraten und andere Räuberbanden zu verteidigen.
Durch das eisenbeschlagene Klostertor, den einzigen Zugang, betrete ich den geräumigen Innenhof mit Weihbrunnen, Hauptkirche und weiteren acht Kapellen. Zografou ist das ärmste der Athosklöster, denn über Jahrzehnte erhielt es keinerlei Unterstützung des bulgarischen Staates. Während die griechischen Klöster die Hilfe ihres Landes erfahren, können die wenigen Hände in Zografou den Verfall einzigartigen Kulturgutes nicht aufhalten.
Der Archontaris, der Gastmeister, bringt mich in die Gästezelle mit weitem Blick über den Klostergarten und die gegenüberliegenden Berghänge. Drei Metallbetten mit sauberen Laken, ein Tisch, ein Kanonenofen und eine Petroleumlampe sind die einzige Ausstattung. Das Abendbrot zeigt mir so recht die Armut des Klosters: steinhartes Brot, eine Tomate, ein kleines Stück Schafskäse und Wasser. Und zum Frühstück gibt es neben Brotresten nur eine winzige Tasse Kaffee. Panteleimonos war einst eines der bedeutendsten Athosklöster. Um 1900 lebten hier fast 2 000 Mönche. Heute sind es gerade vierzig, die den religiösen Ablauf besorgen, die Gebäude in Ordnung halten, den Garten bestellen und in den Werkstätten arbeiten.
Einer von ihnen ist Vitalij, geboren 1950 und ehemaliger Ingenieur. Begeisterter Fotograf ist er und zeigt außergewöhnliche Naturaufnahmen vor. Um vier Uhr morgens beginnt für ihn der Tag. Gebet, Gottesdienst und Arbeit – mal hier, mal dort. Vor dem Kloster führt er mich zu einem russischen KAMS-Lkw und einem Raupenschlepper. "Ja, die haben uns schon viel geholfen. Vierzig Jahre macht die Raupe schon mit. Und immer kriegen wir sie wieder hin", erklärt er. Dann zeigt er auf einige Leute auf einem Gerüst vor der Kirche: "Auch die helfen uns. Sie kommen aus Rußland, aus St. Petersburg. Es sind Restauratoren, Architekten und Ikonenmaler. Sie arbeiten ohne Geld, nur für Gotteslohn." Bevor der samstägliche Abendgottesdienst – fünf Stunden lang – beginnt, führt mich Vitalij ins Refektorium, den gemeinsamen Speisesaal der Mönche. Es ist ein gewaltiger Raum, seinerzeit erbaut für 800 bis 1 000 Mönche und Pilger. In Reih und Glied ausgerichtet stehen Tische und Bänke. Der Anagnostis, der Vorleser, liest mit monotoner Stimme Kirchentexte. Eifrig klappern dabei die Löffel zu wäßriger Grütze und Borschtsch – als Zugabe Brot, Käse und Oliven. Dann bricht der Vorleser – für Uneingeweihte urplötzlich – seine Sprüche ab. Der Abt erhebt sich. Die Mönche folgen. Wer wie ich zu langsam aß, hat nun das Nachsehen.
Am nächsten Morgen gehe ich die paar Schritte zum nahegelegenen Arsanas. Das Schiff nach Ouranoupolis legt an. Der Zöllner prüft Rucksack und Foto-Tasche. Eine Reise in eine unwirklich-wirkliche Welt geht zu Ende. Am Kai steht in langer, schwarzer Kutte Vitalij, blickt einige Minuten dem Schiff nach und geht, wie jeden Tag, wieder seiner Arbeit nach. Ulrich Uhlmann


Eine Einreise in die Mönchsrepublik Athos ist nur mit einer Sondergenehmigung des Ministeriums für Nordgriechenland in Thessaloniki oder des Außenministeriums in Athen möglich. Das endgültige AthosVisum wird von der "Heiligen Gemeinschaft" erst in Karyä, der Hauptstadt der Mönchsrepublik, erteilt. Der Besuch ist ausschließlich männlichen Personen vorbehalten, die sich maximal bis zu vier Tagen auf Athos aufhalten dürfen. – Für ausländische Geistliche gelten gesonderte Bestimmungen.
Die Anreise kann per Bus oder Pkw aus Thessaloniki erfolgen. Als Ausgangspunkt der Schiffsreise zum AthosHafen Dafni gilt der kleine Ort Ouranoupolis. Eine Einreise auf dem Landweg ist nicht statthaft. Von Dafni fährt dann ein Bus in die Hauptstadt Karyä. Von dort aus werden alle Wege per Fuß zurückgelegt. Zwischen den Klöstern in Meeresnähe verkehren mitunter auch Boote.
Wer Athos aus der Ferne erleben möchte, kann in Ouranoupolis täglich Schiffsreisen buchen, die in FotoEntfernung an der Küste des "Heiligen Berges" entlangführen. Hier können auch die Ehefrauen und Freundinnen an der Ausflugspartie teilnehmen. Preis je Fahrt etwa 25 DM.

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