SUPPLEMENT: Reisemagazin

HELSINKI – STOCKHOLM: Traum einer Fähre

Dtsch Arztebl 1996; 93(44): [6]

Scheiper, V.

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LNSLNS Ein Wasserfall plätschert über mir aus der Grottendecke. Davor ranken üppig exotische Pflanzen. Von unten wird mein Körper mit aufquellendem Wasser durchmassiert. Ich probiere die Nachbargrotte aus. Hier plätschert der Wasserfall verhaltener. Dafür zieht mir ein seitlich einströmender Wasserstrahl fast den Badeanzug aus. In einem runden Becken über den zwei Grotten, das ich über Felsstufen erreiche, massieren sanfte Wasserstrahlen gleichzeitig Rücken und Füße, wenn man sie geschickt plaziert. Über mir wölbt sich der tiefblaue Nachthimmel, funkeln die Sterne durch die großen Glasscheiben. Köstlich erfrischt der CampariOrange in der warmen, feuchten Luft.
Nicht etwa in tropischen Regionen gebe ich mich diesem lustvollen Lebensgefühl hin, sondern auf der Ostsee zwischen Helsinki und Stockholm. Ein Katzen-, besser: ein Hundesprung: Von der unteren Hintertatze (Helsinki) des springenden Hundes – so wirkt, auf der Landkarte gesehen, Skandinavien auf mich – zu seiner nach hinten gestreckten Vordertatze (Stockholm) fährt die schlicht als "Fähre" bezeichnete "Silja Symphony" 14 Stunden. Es ist mehr ein schwimmendes Märchen als das, was man sich unter einer nüchternen Fähre vorstellt, die Autos und Menschen von einem Hafen zum anderen transportiert. Jeweils um 18 Uhr verläßt die "Silja Symphony" den einen Hafen, läuft gegen 8 Uhr am nächsten Morgen im anderen Hafen ein. Sie pendelt nur zwischen Helsinki und Stockholm hin und her, fährt also nur jeden zweiten Tag ab Helsinki beziehungsweise Stockholm.
Mit einem der acht gläsernen Fahrstühle will ich nach dem Friseur von Deck elf auf Deck neun gleiten, um mich in meiner Kabine umzuziehen. Doch der Teufel reitet mich. Ich verfalle in Kindheitsallüren, drücke nochmal schnell "Deck 7", um beim Hinunter- und wieder Hinauffahren den Blick aus der Glaskanzel auf die lange, illuminierte Promenade mit Restaurants, Bars und Cafés zu genießen. Hübsch wirken die mehrstöckigen, beleuchteten Fensterfassaden zu beiden Seiten der Promenade. Punkt 18 Uhr legt die "Symphony" ab. Ein heiserer Ton gibt das akustische Signal. Behutsam schiebt sich das riesige Schiff – es ist 203 m lang, 31,5 m breit – rückwärts ein Stück weiter ins Hafenbecken hinein, also mitten in die Stadt. Knirschend weicht die durch den Fährbetrieb aufgebrochene Eisdecke. Nur wenige Leute stehen, warm angezogen, draußen auf Deck zwölf an der Reling und beobachten dieses Schau- und Hörspiel. Das Manöver im Hafen ist beendet. Ein zweiter heiserer Signalton zeigt an, daß es nun vorwärts geht, Richtung Stockholm. Der Fahrtwind ist etwas kälter. Minus acht Grad Celsius zeigt das Thermometer an einem Gebäude, das wir passieren. Vorsichtig manövriert der Kapitän das Fähren-Ungetüm zwischen den unzähligen Inselchen hindurch. Man könnte abspringen und fiele nicht ins Wasser, ist der Eindruck, so nah sind sie. Hier draußen ist nur die schmale Fahrrinne mit lockerem Eis bedeckt, das sich sofort hinter uns wieder schließt. Links und rechts daneben sind die großen Eisschollen miteinander verbacken. Nach uns hat eine weitere Fähre abgelegt, wesentlich kleiner. Sie dreht und steht quer im Hafenbecken, mitten vor der bunten Lichtersilhouette Helsinkis, verdeckt sie fast in der Breite. Als ich tagsüber einen Spaziergang durch Helsinki machte, hatte ich von den hohen Treppen der Dom-Kirche den Eindruck, als bohre sich die "Silja Symphony" mitten zwischen die Häuser; das Logo, ein großer Seehundkopf, schien über die Dächer zu spazieren – so unmittelbar liegt der Südhafen im Zentrum. Wie ein gleißender, rot-goldender Diamant schob sich die tiefstehende Sonne über Dachfirste, Schornsteine und Kirchtürme – immer in gleichbleibender Höhe.
Nachdem wir jetzt das Nadelöhr der Festung Suomenlinna passiert haben und die Lichter Helsinkis immer kleiner werden, gehe ich wieder hinein und fahre mit dem gläsernen Fahrstuhl hinunter auf Deck sechs. Erneut muß ich mir vergegenwärtigen, daß ich auf einem Schiff bin, nicht irgendwo in einer eleganten Großstadt. Nur hin und wieder erinnert ein sanftes Vibrieren daran, daß starke Dieselmotore dieses 58 400 BRT große Fährschiff – Eisklasse 1 A Super – mit 23 Knoten durch die Ostsee pflügen.
Ein Bummel durch die Geschäfte erweist sich als gefährlich. Die Auswahl an eleganten Pelzjacken und mänteln ist groß. Es funkelt in den Boutiquen von Dior-Kollektionen; schick sind die Handtaschen und viel modisches Zubehör. Auch die Herren werden fündig, wählen zwischen Krawatten, Aktentaschen, Uhren und Manschettenknöpfen. Überall werden Kreditkarten gezückt. Auch aus der großen Tax-Free-Parfumerie kommt kaum jemand mit leeren Händen heraus.
Die lieben Kleinen, denen das Einkaufen zu langweilig ist – es sei denn in der Kinderboutique – finden währenddessen reichlich Abwechslung im Kinderparadies. Vom Piratenschiff mit erkletterbaren Strickleitern bis zu Rutschbahnen und einer riesigen, gepolsterten Muschel mit vielen weichen Kuscheltieren für die Krabbelkinder ist alles vorhanden.
Nun beginnt eine weitere Qual: In welches der sechs Restaurants soll man essen gehen? Mexikanisch oder ins Seafood-Restaurant? Ins "Bon Vivant" mit edlen Speisekreationen und erlesener Weinkarte oder ins noch noblere "Maxim" auf Deck sechs? Für den ersten Abend entscheide ich mich für das Skandinavische Buffet mit Lachs- und anderen Fischspezialitäten, verschiedenen Braten und einer großen Nachtischpalette (circa 28 DM). Eines haben alle Restaurants gemeinsam: große Panorama-Fenster, durch die man die Schärenwelt stets im Auge behält. Und nun? In der Casino Bar unterhält ein Klavierspieler. Auf dem Promenadendeck verblüfft ein Zauberer Kinder – und Erwachsene. Im Atlantis Palast auf Deck sieben spielt ein Tanzorchester, und die Offiziere werden vorgestellt. Ab 22 Uhr ist Karaoke im hinreißend schönen Stardust Nightclub auf Deck dreizehn. Tausend Sterne flimmern an Decken und Wänden, werden reflektiert von Spiegeln. Ab 23 Uhr werden bis morgens um vier Uhr auf dem Promenadendeck kleine Snacks angeboten. Und ab sieben Uhr gibt es schon wieder Frühstück. In Stockholm liegen wir etwas außerhalb der Stadt. Hier ist es deutlich wärmer als in Helsinki; weit und breit ist kein Schnee zu sehen, und das Wasser ist eisfrei. Nur zarter Reif verwandelt die Bäume in Kunstwerke. Am Informations-Desk auf dem Promenaden-Deck gibt es kostenlos Stadtpläne. Ich verzichte auf die angebotene Stadtrundfahrt. Mit der U-Bahn bin ich in 15 Minuten mitten in der Altstadt in den schmalen Gassen der Gamla Stan und beim Königlichen Schloß mit der juwelenfunkelnden Schatzkammer. Im nahen Vasa-Museum bestaune ich das rekonstruierte Prachtschiff "Vasa", das auf seiner Jungfernfahrt 1628 gleich im Hafen sank. Vor 30 Jahren war es geborgen worden.
Die Nacht der Rückfahrt bietet wieder ein anderes Programm: unter anderem tritt eine feurige brasilianische Tanzgruppe auf. Erst jetzt entdecke ich auch das Spielcasino. Die zwei Roulette-Tische sind dicht besetzt. Mit unbewegter Miene ziehen die Croupiers die verlorenen Chips ein oder schieben den Spielern die Gewinne zu. Ich lasse die anderen verlieren und gewinnen, ziehe mich in meine Kabine zurück und falle in wohlverdienten Schlaf. Gegen fünf rumpelt mich das Eis wach – wir nähern uns Helsinki.
Einen halben Tag noch habe ich Zeit, mir die Uspenski-Kathedrale und die moderne, mit einer Glaskuppel überwölbte Felsenkirche anzusehen. Zwischen Fähranleger und der Esplanade stoße ich auf die rot-gelbe Markthalle von 1888. Schwer beladen mit frischen Herrlichkeiten besteige ich mittags den Flughafenbus, um mit Finnair wieder nach Hamburg zu fliegen.
Waren es wirklich nur drei Tage? Renate V. Scheiper


Informationen und Buchungen bei Finnways Reisebüro Service, Zeißstr. 6, 23560 Lübeck,
Tel 04 51/5 89 92 30; Fax 58 9 92 43. Achtung: Die "Silja Symphony" fährt abwechselnd mit einer anderen, weniger exklusiven Fähre die Strecke Helsinki – Stockholm – Helsinki. Nur jeden 2. Tag also fährt die "Symphony". Vor der Buchung die jeweiligen Abfahrtstage der "Symphony" in Erfahrung bringen! Vorteil der Reise in der Winterzeit: Die für 2 670 Passagiere gebaute Fähre ist nicht so stark frequentiert wie im Sommer.

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