ArchivDeutsches Ärzteblatt25/1996Entschließungen zum Tagesordnungspunkt III: Die Medizinischen Hochschulen im Wandel des Gesundheitswesens

POLITIK: Dokumentationen

Entschließungen zum Tagesordnungspunkt III: Die Medizinischen Hochschulen im Wandel des Gesundheitswesens

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LNSLNS Einheit von Forschung, Lehre, Krankenversorgung und Ausbildung

Präambel:
Die Medizinischen Fakultäten und die Universitätskliniken als Stätten der Hochleistungsmedizin stehen derzeit aus vielerlei Gründen vor großen Herausforderungen: die Auswirkungen des GSG, die Diskussion über eine neue ärztliche Approbationsordnung, die Regelungen des Arbeitszeitgesetzes und nicht zuletzt eine zunehmend "kritische Öffentlichkeit" als Beobachter jedweder Aktivitäten bestimmen ihren Alltag. Sie sind in besonderer Weise Opfer der "Fortschrittsfalle" bei eingeschränkten Ressourcen. Zudem findet vermehrt ein – auch innerärztlicher – Diskurs statt, ob den Medizinstudenten praxisnahe, an den Belangen der Alltagsmedizin ausgerichtete Ausbildungsinhalte dort noch umfassend zu vermitteln sind.
Damit die Medizinischen Fakultäten und die Universitätskliniken ihre Aufgaben aber auch in Zukunft wahrnehmen können, ist eine überzeugende Analyse und Bestandsaufnahme erforderlich, um Optimierungen zu erreichen. Die Effizienz der Medizinischen Fakultäten könnte insbesondere gesteigert werden durch: vermehrte Bereitschaft, Lehrverpflichtungen persönlich wahrzunehmen; Konzentration der Lehre auf die wesentlichen Inhalte des eigenen Fachgebietes, unter Beachtung wesentlicher Anliegen aller Disziplinen; Verbesserung der Qualifikation im Umgang mit Kommunikationstechniken; Steigerung des Bewußtseins für Management-, Marketing-, Perso-nalführungs- und Betriebsführungsaufgaben. Diskutiert wird auch die Qualität der Lehre. Gefordert werden eine verstärkte Ausrichtung des Unterrichts auf die ärztliche Praxis, die Intensivierung des Patienten- statt Technikbezugs sowie didaktisch begründete Schwerpunktbildungen.

1. Leitgedanken
Medizinische Fakultäten müssen auch künftig die einzig legitimierten und von der Gesellschaft dafür ausgestatteten Einrichtungen ärztlicher Ausbildung bis zu deren Abschluß sein. Hierzu darf es keine Alternative geben. Ihre Aufgaben – Lehre und deren Qualitätssicherung, Forschung und Krankenversorgung – müssen bestehen bleiben, damit sie ihrem umfassenden Auftrag gerecht werden können. Besondere Bedeutung hat die Qualitätssicherung in der Lehre. Es ist unabdingbar, daß die theoretischen Grundlagen zur Ausübung des ärztlichen Berufes in einem wissenschaftlichen Studium vermittelt werden, da nur so ausreichende Kritikfähigkeit und Erkenntnisfähigkeit entstehen können. Die medizinischen Fakultäten haben in besonderer Weise die Aufgabe, den medizinischen Fortschritt voranzubringen, die medizinische Forschung zu vertreten und deren Ergebnisse in die Krankenversorgung einzubringen. Um diesen Aufgaben gerecht zu werden, müssen strukturelle Änderungen vorgenommen und sachgerechte Verantwortungsbereiche geschaffen werden.

2. Gesellschaftliche Rahmenbindungen Vielfältige gesellschaftliche Entwicklungen beeinflussen die zukünftigen Rahmenbedingungen, auch die des Arztberufes. Pluralistische Orientierung oder gar Orientierungslosigkeit, anhaltend hohe Arbeitslosigkeit und veränderte Lebensarbeitszeit bei steigender Lebenserwartung führen zu Instabilitäten der Gesellschaft. Bislang funktionierende Generationenverträge erfordern dringend neue Konzepte, deren Gültigkeit nicht zuletzt durch Zunahme der Bedeutung des Migrationsverhaltens der (Welt-)Bevölkerung ständig zu überprüfen sein wird.
Knappheit der Ressourcen Zeit und Geld erzwingt Rationalisierungen und droht Rationierungen in nahezu allen Bereichen zur Folge zu haben und führt insbesondere zu weiteren Unsicherheiten sozialer Sicherungssysteme, auch wegen ständiger Verringerung des Wirtschaftswachstums.
Die Entwicklung hin zur Informations- und Kommunikationsgesellschaft, die insbesondere im Gesundheitswesen rasch in Gang gekommen ist, wird Unsicherheiten und einen intensiven permanenten Lern- und Entwicklungsprozeß auslösen. Die Komplexität dieser und vieler anderer gesellschaftlicher Entwicklungs- und Veränderungsprozesse erfährt durch wissenschaftliche, technologische und soziale Implikationen eine dramatische Steigerung. In einer solchen Situation bedarf es zwingend der Orientierung in die Zukunft. Es geht um die Definition der "Unternehmens"-Ziele, die durch modernes Führungs- und Personalmanagement zu verfolgen sind.


3. Änderungen im Gesundheitswesen Ansprüche der Gesellschaft und neue gesundheitspolitische Strategien sowie medizinisch-wissenschaftlicher und medizinischer Fortschritt eröffnen ständig neue Perspektiven präventiver, diagnostischer und therapeutischer Wege. Eine Ausschöpfung medizinischer Möglichkeiten führt zwangsläufig zu weiteren Steigerungen der Kosten im Gesundheitswesen und erschwert Risiko-Nutzen-Erwägungen. In der Gesellschaft bestehen schon heute erhebliche Zweifel, ob ihr alle neuen Entwicklungen wirklich dienen. Eine dem Gemeinwohl verpflichtete Fakultät muß sich die Frage nach ihrem gesellschaftlichen Nutzen stellen. Aufgabe der Fakultäten sollte es auch in Zukunft sein, wissenschaftlichen Ansprüchen zu genügen, ethische Grundsätze zu vermitteln, rechtliche Probleme aufzuzeigen und Grundlagen für eine betriebswirtschaftlich sinnvolle Betriebsführung zu vermitteln.

4. Herausforderungen für Ärztinnen und Ärzte
Die Öffentlichkeit bewertet ärztliches Wissen sowie ärztliche Einstellungen und Handlungen zunehmend kritisch. Sie beansprucht im Spannungsfeld von Recht, Ökonomie und Ethik ein Mitsprache- und Entscheidungsrecht, auch bei ausschließlich medizinisch zu entscheidenden Problemen. Die ethischen Fragestellungen in der Medizin werden sich häufen, völlig neue Probleme entstehen. Die Ärzte müssen in der Lage sein, schwierige ethische Probleme zu erkennen und ihre Maßstäbe selbstkritisch zu reflektieren. Prävention und Rehabilitation müssen zukünftig neben der Therapie verstärkt in ärztliches Handeln und Denken einfließen.

5. Das gesundheitspolitische Umfeld der Zukunft
Seit Inkrafttreten des Gesundheitsstrukturgesetzes im Jahre 1993 wird von politischer Seite eine stärkere Akzentuierung der hausärztlichen Versorgung gefordert. Die bewährte, wichtige und hochqualifizierte fachärztliche Versorgung muß aber in Zukunft neben der hausärztlichen Versorgung bestehen bleiben und sogar ausgeweitet werden. Dabei muß sich eine stärkere Verzahnung zwischen der ambulanten und stationären Versorgung entwickeln. Die Universitäten müssen dafür ihre Ausbildungsstrategien vermehrt daraufhin anlegen, daß Absolventen des Medizinstudiums über hausärztliches Grundwissen und Grundfertigkeiten verfügen.


6. Die Stellung der Medizinischen Fakultät im gesellschaftlichen Gefüge
Die Universitätsklinik muß auch künftig ihre Funktion als Zentrum der Maximalversorgung und Institution des medizintechnischen Fortschrittes behalten. Als eine ihrer Hauptaufgaben nimmt die Medizinische Fakultät die Lehrfunktion wahr. Dies ist unabdingbar mit Forschung und Krankenversorgung verbunden. Ausgehend von universitären Bildungsgrundsätzen und inhaltlich bestimmt von den Zielen und Vorgaben der Bundesärzteordnung sowie der Approbationsordnung für Ärzte, umfaßt der Bildungsauftrag der Medizinischen Fakultäten die wissenschaftlich-systematische Vermittlung theoretischer und medizin-praktischer Grundlagen. Er umfaßt Inhalte naturwissenschaftlicher Gebiete und berücksichtigt soziale, ethische und ökonomische Belange.
Das Ausbildungsziel muß auch in Zukunft der zur Ausübung des Berufes befähigte Arzt bleiben, der zu Weiterbildung und Fortbildung in der Lage ist und hiernach in der Europäischen Union migrieren kann. Aufbauend auf den medizinisch-naturwissenschaftlichen Grundlagen müssen parallel und ergänzend Praxis- und Ausbildungselemente verwirklicht sein. Weiterbildungsinhalte sind nicht Gegenstand des studentischen Unterrichts. Aufgabe und Ziel künftiger Medizinischer Fakultäten muß es sein, die stark am medizinischnaturwissenschaftlichen Grundwissen orientierte heutige Universitätsausbildung stärker in eine praxis- und anwendungsbezogene künftige Ausbildung zu überführen. Diese Ausbildung muß zur "generellen Arztreife" führen und damit zur effizienten Berufsausbildung und zur ärztlichen Weiterbildung befähigen. Aufgrund ihrer derzeitigen Strukturen können Universitätskliniken heute diesen Auftrag nur eingeschränkt wahrnehmen. Da sie in der Krankenversorgung in der Regel die Maximalversorgung wahrnehmen, sind ihre Patienten für dieses Ausbildungsziel oft ungeeignet.

7. Neue Strukturen
Den Zielen einer zukunftsorientierten medizinischen Ausbildung wird nur eine Medizinische Hochschule gerecht, die als Institution die Aufgaben in Lehre, Forschung und umfassender Krankenversorgung integriert wahrnimmt.
Ein harmonisches Gleichgewicht in der Bedeutung zwischen dem klinischen und theoretischen Bereich ist dabei eine wichtige Voraussetzung. Die Medizinische Fakultät kann ihre klinischen Ausbildungsaufgaben nur mit den Ressourcen eines Universitätsklinikums nicht mehr bewältigen. Deswegen muß die Fakultät in neue Dimensionen erweitert werden.

Orte der Lehre, Forschung und Krankenversorgung
Eine solche neue, erweiterte Medizinische Fakultät würde, neben den derzeitigen Bereichen, auch eine größere Zahl unterschiedlicher Einrichtungen mit besser geeigneten Eigenschaften für eine praxisnahe, an der Alltagsmedizin orientierten Lehre, Forschung und Krankenversorgung organisatorisch umfassen und folgenden Umfang haben: die vorklinischen Institute, die klinisch theoretischen Institute (mittelbare Krankenversorgung), Universitätsklinikum einschließlich aller der unmittelbaren Krankenversorgung dienenden Abteilungen, die Poliklinik und Ambulanzen, akademische Lehrkrankenhäuser, Lehrpraxen sowie andere Einrichtungen des Gesundheitswesens.


Koordination Diese erfordert die umfassende Einbeziehung der nicht universitären Einrichtungen der Krankenversorgung, der dort Verantwortlichen und der von ihnen wahrgenommenen Ausbildungselemente in das Gesamtkonzept des medizinischen Ausbildungsgangs einer Medizinischen Fakultät, besonders in den klinischen Abschnitten. Da sich das Aufgabenspektrum im Bereich der Lehre einer "erweiterten medizinischen Fakultät" durch eine Fülle neuer Koordinations-, Kommunikations- und Entwicklungsaufgaben vom heutigen Zustand unterschiede, würde sich der Aufgaben-, Verantwortungs- und Einflußbereich eines Dekans einer solchen erweiterten Medizinischen Fakultät für den Bereich Lehre entsprechend ausweiten. Diese Managementfunktion des Dekans erfordert dessen hauptamtliche Tätigkeit. Eine solche Tätigkeit sollte im Hochschulrecht als Wahlamt mit angemessener Befristung ermöglicht werden.

Zusammenarbeit
Das von einer solchen erweiterten Medizinischen Fakultät vertretene Curriculum würde von den Universitätsprofessorinnen und -professoren gemeinsam mit den in die Lehre eingebundenen Fachvertretern aus den universitätsexternen Bereichen inhaltlich gestaltet und vom Dekan einer solchen erweiterten Fakultät organisatorisch umgesetzt. Eine der vom Ordnungsgeber eingeforderten Leistungen einer derartigen Fakultät wird die nach einer systematischen Evaluierung aller Unterrichtselemente in allen Bereichen sein. Die Qualifikation in der Lehre ist bei Berufungen zudem stärker zu berücksichtigen. Zur Optimierung der Erfüllung aller Aufgaben ist der Medizinischen Fakultät großzügiger Spielraum (finanzieller, konzeptueller und zeitlicher Art) einzuräumen.


Gesamtverantwortung für die Lehre Die Aufgaben einer so stark erweitert gedachten Medizinischen Fakultät umfassen die professionelle Konzeption, Planung, Organisation, Koordination, Vernetzung, Durchführung und Evaluierung der Ausbildungsgänge und der Prüfungen in den einzelnen Abschnitten und für die einzelnen Elemente des Medizinstudiums. Der Verantwortungs- und Wirkungsbereich erstreckt sich über die Gesamtheit aller von der Fakultät zu betreuenden Ausbildungseinrichtungen.


Rechtliche Rahmenbedingungen
Die Medizinische Fakultät ist Teil der Universität. Die Medizinische Fakultät steht in rechtlichen und organisatorischen Beziehungen zu den von ihr genutzten Einrichtungen. Sie trägt die Verantwortung für die sachgerechte Umsetzung der Approbationsordnung in den von ihr genutzten Einrichtungen.

Personalstrukturen/Personalentwicklung Aufgabenvielfalt bei hoher Spezialisierung in Krankenversorgung, Forschung, Lehre sowie Qualitätssicherung sind zukünftig nicht mehr nur von einzelnen Personen zu leisten, sondern von mehreren arbeitsteilig und im Verbund wahrzunehmen. Dabei muß Grundlage der Zusammenarbeit ein von allen Führungskräften gemeinsam erarbeiteter und getragener Orientierungsrahmen von Werten sein. Mitverantwortung erhöht dabei die Leistungsmotivation aller Beteiligten.

Bedeutung für die Region/Einbindung der Universitäten in regionale Strukturen Die erweiterte Fakultät wäre aufs engste in "Regionalisierungskonzepte" eingebunden. Ihr müßte eine zentrale Rolle im Zusammenwirken mit den ärztlichen Selbstverwaltungskörperschaften zukommen.
Da auch in der Krankenversorgung sich über alle Versorgungsstufen hinweg Informations- und Kommunikationsnetze entwickeln, kann eine so "erweiterte Fakultät" auch ihre Aufgaben in der Lehre mit den Informations- und Kommunikationsabläufen in der Krankenversorgung innerhalb der ihr geographisch zugeordneten Region verknüpfen.


Weiterbildung In den Instituten und Kliniken muß auch die Weiterbildung von Ärztinnen und Ärzten in entsprechenden Weiterbildungsgängen stattfinden können. Eine Hochspezialisierung kann in Einzelfällen bedingen, daß nicht das gesamte mögliche Spektrum ärztlicher Weiterbildungen an Medizinischen Fakultäten erworben werden kann. Um dennoch ein breites Angebot an Weiterbildungsgängen vorzuhalten, bietet sich in der "erweiterten Fakultät" die Rotationsweiterbildung im Rahmen der Weiterbildungsbefugnis im Verbund mehrerer zur Weiterbildung befugter Ärztinnen und Ärzten an.

Erweiterte Forschung
Für den Bereich "Forschung" ergeben sich für eine solche erweiterte Medizinische Fakultät legitimierte, neue wichtige und interessante Aufgabenfelder, zum Beispiel auch für die Langzeitergebnisforschung und Forschung im Bereich Allgemeinmedizin. Eine Ausweitung des Forschungsbereiches auch auf Felder der Allgemeinmedizin wäre viel intensiver als bisher möglich und von unschätzbarem Wert.

Finanzierung
Für den Bereich Lehre muß die Zuweisung der Budgetmittel im personellen, im Sachmittel- und im investiven Bereich getrennt von Budgets für Forschung erfolgen. Die Mittelzuweisungen für Lehre und Forschung sind als getrennte Budgets zu verwalten, einschließlich der Drittmittelzuwendungen. Die Finanzierung der Krankenversorgung muß durch die Versichertengemeinschaft erfolgen und kostendeckend sein. Die Finanzierung der Ausbildungskosten während des Praktischen Jahres in den akademischen Lehrkrankenhäusern kann nicht dem Krankenhausbudget zugeordnet werden.
Eine rasch fortschreitende Einführung einer betriebswirtschaftlichen Ergebnisrechnung an den Medizinischen Fakultäten und Universitätskliniken mit einer dadurch möglichen hinreichend genauen Auftrennung und Zuordnung der Aufgaben für die Bereiche Krankenversorgung, Forschung und Lehre ist auch eine der weiteren Voraussetzungen dafür, daß der Bereich Lehre einer künftig erweiterten Fakultät mit einem eigenen Budget selbst qualitätsorientiert nach betriebswirtschaftlichen Effizienzkriterien geführt werden kann.
Geeignete Rechtsformen, die diese Finanzstrukturen sicherstellen, müssen geschaffen werden. N

Einheit von Forschung, Lehre und Krankenversorgung
Der Deutsche Ärztetag lehnt eine Trennung der Zuständigkeiten für Forschung und Lehre einerseits und Krankenversorgung andererseits ab. Daß die Bereiche rechnerisch getrennt werden müssen, steht außer Zweifel; personell müssen sie auf das engste integriert bleiben. Alle Ärzte müssen die Möglichkeit haben, Aufgaben in der Krankenversorgung sowie in Forschung und Lehre wahrzunehmen. Deshalb hält der Deutsche Ärztetag an der Zugehörigkeit des gesamten ärztlichen Dienstes eines Universitätsklinikums zur medizinischen Fakultät ebenso fest wie an der Personalunion zwischen den Tätigkeiten des Arztes, des Forschers und des Lehrers. N

Medizinische Fakultäten: Praktische Ausbildung
Die Landesregierungen, deren Wissenschafts- und Kultusministerien sowie die Medizinischen Fakultäten werden aufgefordert, die praktisch medizinische Ausbildung der Medizinstudenten deutlich zu verbessern.
Dieses Ziel kann durch Einbeziehen aller geeigneter außeruniversitären Krankenhäuser und Arztpraxen erreicht werden. Die Medizinischen Fakultäten sollen um die notwendige Zahl von Krankenhäusern und Arztpraxen erweitert werden.
Die Fakultäten behalten hierdurch den Einfluß auf die Qualität der Lehre, die beteiligten Krankenhäuser und Arztpraxen erhalten ein festes Mitspracherecht in den Fakultäten.
Die immer wieder angemahnte praktische Ausbildung der Medizinstudenten kann so wesentlich verbessert werden. Gleichzeitig würde die gewünschte Entlastung der Universitätskliniken tatsächlich erreicht. N

Lehrfähigkeit und Lehrtätigkeit
Der 99. Deutsche Ärztetag fordert, daß die Lehrfähigkeit und Lehrtätigkeit stärker als bisher Beachtung finden. Didaktische Kenntnisse und Fähigkeiten sollten über einen längeren Zeitraum nachgewiesen und in Habilitationsverfahren berücksichtigt werden.
Die Wissenschaftsministerien und die Hochschulen werden aufgefordert, Mittel und Wege zu finden, um die Lehrfähigkeit gegenüber der vielfach lukrativeren Tätigkeit in Forschung und Krankenversorgung aufzuwerten.
N

Einbeziehung nichtuniversitärer Einrichtungen der Krankenversorgung in die ärztliche Ausbildung
Die große Mehrheit der Patientinnen und Patienten wird ärztlich ambulant versorgt. Die aktuelle Lehre und Forschung stützt sich jedoch weit überwiegend auf Patienten in stationärer Versorgung. Etwa die Hälfte der Medizinstudentinnen und -studenten wird in der Zukunft ausschließlich in der ambulanten Patientenversorgung tätig sein.
Dieses erfordert die umfassende Einbeziehung der nichtuniversitären Einrichtungen der Krankenversorgung, der dort Verantwortlichen und der von ihnen wahrgenommenen Ausbildungselemente in das Gesamtkonzept des ärztlichen Ausbildungsganges einer Medizinischen Fakultät, besonders in den klinischen Abschnitten.
N

Medizinische Hochschulen: Leistungsvergütung der Krankenversorgung
Die gegenwärtige Situation der Hochschulmedizin ist davon geprägt, daß Hochschulmedizin immer mehr Hochleistungsmedizin und damit besonders personal- und kostenintensiv ist.
Daher fordert der Deutsche Ärztetag von den Bundesländern als Träger der Universitätskliniken, sich dafür einzusetzen, daß die von den Krankenkassen zu zahlenden Entgelte so festgesetzt werden, daß die Universitätskliniken ihre auf die Krankenversorgung entfallenden Aufwendungen auch tatsächlich decken können. Dazu muß – auch in der Begleitforschung zu dem neuen Vergütungssystem – die Frage untersucht werden, ob sich Unterschiede zwischen den an den Universitäten und an anderen Krankenhäusern zu behandelnden Fallkonstellationen nachweisen lassen und wie die zwangsläufig höheren Basiskosten berücksichtigt werden können, die mit der besonderen Infrastruktur von Universitätskliniken verbunden sind.
Die Krankenversorgungsleistungen an einer Universitätsklinik müssen ausreichend, zweckmäßig und wirtschaftlich sein. Sie dürfen das Maß des Notwendigen weder über- noch unterschreiten. Eine Entscheidung über die Notwendigkeit von Leistungen kann im Einzelfall nur der/die jeweils behandelnde Arzt/Ärztin treffen. Umfang und Art der Leistungserbringung müssen medizinisch begründet bleiben und offen für aktuelle Bedarfserfordernisse erfolgen, die sich auch kurzfristig ändern können. N

Universitätskliniken und Hochschulförderung
Es müssen die gesetzlichen Grundlagen geschaffen werden, damit die Mittel der Hochschulbauförderung weiter zugewiesen werden können. Aufgrund der in den letzten Jahren nicht finanzierten Erhaltungsaufwendungen besteht bereits ein erheblicher Investitionsbedarf.N

Liquidationsrecht
Das Liquidationsrecht gegenüber Patienten muß in ärztlicher Hand bleiben und darf nicht durch die vom Träger erhobene Pauschalvergütung ersetzt werden. Nur so läßt sich das Prinzip aufrechterhalten, daß zwischen dem jeweiligen Arzt und dem Patienten ein persönlicher Vertrag geschlossen wird. Allerdings muß die Berechtigung zur Liquidation für ärztliche Leistungen stets bei demjenigen Facharzt liegen, der die Leistung tatsächlich erbringt. Es muß ferner gesetzlich garantiert werden, daß ärztliche Mitarbeiter und akademische Mitarbeiter in vergleichbarer Stellung ohne eigene Liquidationsberechtigung an diesen Honoraren entsprechend ihrer Beteiligung bei der Leistungserbringung teilhaben.


Begründung:
Der Wandel der Medizinischen Hochschulen darf bei allen geplanten und notwendigen Umstrukturierungen der Universitätskliniken nicht den Vorgaben der ärztlichen Berufsordnung entgegengerichtet sein.
Dieser Antrag greift mit seinen Forderungen entsprechende Inhalte auf, die in Paragraph 18 und 19 (Muster)Berufsordnung festgelegt sind und die für die Mitarbeiterbeteiligung auf dem 98. Deutschen Ärztetag im Beschluß IV/8 erneut bekräftigt wurden. N

Einrichtung von Lehrstühlen für Allgemeinmedizin
Der Deutsche Ärztetag fordert erneut die Einrichtung von Lehrstühlen für Allgemeinmedizin an allen deutschen Universitäten.


Begründung:
Ärzteschaft und Politiker aller Parteien fordern seit geraumer Zeit eine stärkere Akzentuierung der hausärztlichen Versorgung. Voraussetzung dafür ist eine umfassendere Vermittlung hausärztlichen Grundwissens an den Universitäten. Basis für die Lehre ist aber wie in allen anderen medizinischen Fächern die Forschung. Grundlage für Lehre und Forschung sind Abteilungen mit Lehrstühlen für Allgemeinmedizin.
N

Einrichtung von pneumologischen Lehrstühlen
Der Deutsche Ärztetag befürwortet die Einrichtung von pneumologischen Lehrstühlen in allen Universitäten.


Begründung:
Nur in jeder vierten Universität gibt es noch einen pneumologischen Lehrstuhl. Es besteht die Tendenz, daß diese sogar aufgelöst werden sollen. Im Gegensatz hierzu nehmen die Atemwegserkrankungen jährlich um wenigstens 3 Prozent zu. Da schon heute ein Defizit in Lehre, Forschung und fachärztlicher Patientenversorgung besteht, kann diese Fehlentwicklung nur aufgehalten werden, wenn im Sinne dieses Antrages verfahren wird. N

Einrichtung von Lehrstühlen für Epidemiologie und Infektiologie
Der Deutsche Ärztetag fordert erneut die Einrichtung von Abteilungen und Lehrstühlen für Epidemiologie und Infektiologie.


Begründung:
17 Millionen Menschen sterben jährlich an Infektionskrankheiten – und jährlich werden es mehr. Über 30 neue Infektionen sind in den letzten 20 Jahren hinzugekommen. In Italien hat zum Beispiel die Tuberkulose von 1988 bis 1990 um 28 Prozent zugenommen. WHO-Generaldirektor H. Nakajiama: "Wir stehen am Rande einer von Infektionskrankheiten ausgelösten Weltkrise." N

Qualitätskriterien für die Berufung an Medizinische Fakultäten
Der Deutsche Ärztetag fordert die Medizinischen Fakultäten auf, dafür Sorge zu tragen, daß "Qualifikationsfeststellungen insbesondere im Zusammenhang mit Berufungen sich an eindeutig definierten, sachlich begründeten, vor Beginn einer Beurteilung festgelegten, transparenten Qualitätskriterien orientieren und öffentlich sind". N

Frauengleichstellungspläne der Medizinischen Fakultäten
Zielvorstellungen und Schwerpunktsetzungen der Medizinischen Fakultäten sind in mittel- und langfristig angelegten, regelmäßig fortzuschreibenden Universitäts- und Personalentwicklungsplänen festzulegen mit Frauengleichstellungsplänen als integralem Bestandteil. Dabei sollten die Hochschulen im Rahmen ihrer Haushaltsplanung interne Anreizsysteme zur Umsetzung frauengleichstellender Maßnahmen schaffen. N

Universitätsleitungsgremien
In einer Gesellschaft, die zunehmend die Vorteile demokratischer Abläufe erfährt, ist der heutige Aufbau universitärer Leitungsgremien antiquiert. Weder Forschung und Lehre noch Krankenversorgung profitieren von der derzeit festgeschriebenen Machtstellung der in Leitungsfunktionen Tätigen (Ordinarien, Abteilungsleiter etc.). Eine autoritäre, nicht kritisierbare Leitung ist motivationsfeindlich und kontraproduktiv.
Ein qualifiziertes Mitspracherecht von gewählten Vertretern und Leistungsträgern aus allen Funktionsbereichen, das sich u.a. auch auf die Stellenbesetzung und den Einsatz finanzieller Mittel erstreckt, ist unabdingbar (siehe Beschluß IV/34 des 98. Deutschen Ärztetages). Dies wird zur Erhöhung der Leistungsmotivation auf allen Ebenen beitragen. Leitungsfunktionen müssen in regelmäßigen zeitlichen Abständen erneut legitimiert werden. N


Personalvertretung an Universitätskliniken
Die sich abzeichnende und unumgängliche Umstrukturierung der Hochschulmedizin stellt hohe Anforderungen an das gesamte Personal. Bei dieser Umstrukturierung darf es nicht um eine Verschlechterung der arbeitsrechtlichen Position der Beschäftigten gehen, sondern nur um einen größeren Nutzen der für die Hochschulmedizin aufgewendeten Mittel. Auch bei einer veränderten Rechtsform der Universitätskliniken sind die Rechte der jetzigen und künftigen Mitarbeiter zu wahren und vertraglich zu sichern.
Eine Umgestaltung der Universitätskliniken muß in enger Abstimmung mit der Personalvertretung geschehen, deren Mitbestimmungs- und Mitwirkungsmöglichkeiten speziell für Ärzte grundlegend verbessert werden müssen. Eine Mißachtung der Rechte der Personalvertretung widerspräche dem Charakter der Universitätsklinik als einer öffentlichen Einrichtung.
Fördermaßnahmen zur Gleichstellung von Frauen und Männern sind in die Personalentwicklungspläne fest zu integrieren. N

Strukturreform
Der 99. Deutsche Ärztetag unterstützt die Bemühungen zu einer Strukturreform der Medizinischen Hochschulen (siehe Beschluß IV/34 des 98. Ärztetages). Wegen der weitreichenden Auswirkungen besonders auch auf die Ausbildung des ärztlichen Nachwuchses fordert der Ärztetag die Mitwirkung der verfaßten Ärzteschaft bei den Beratungen und Entscheidungen zu einer solchen Reform. In den zu etablierenden Kontrollgremien einer reformierten Medizinische Fakultät / Universitätsklinik (Aufsichtsräte etc.) muß die verfaßte Ärzteschaft vertreten sein. N

Pädagogische Zusatzqualifikation bei der Berufung an Medizinischen Fakultäten
Der Deutsche Ärztetag fordert als Grundlage für die Berufung zum Hochschullehrer eine hochschulpädagogische Zusatzqualifikation. N

Stärkung der Lehrqualifikation
Der Deutsche Ärztetag unterstützt die Forderungen der Fachtagung Medizin (der gewählten Vertretung der Medizin Studierenden in Deutschland) nach
1. einem stärkerem Praxisbezug im Medizinstudium,
2. Integration der Studierenden in Forschung und Krankenversorgung sowie
3. einer Stärkung einer Lehrqualifikation der in Hochschule und Lehrkrankenhäusern mit der Ausbildung befaßten Personen. N

Medizinische Forschung
Die medizinische Forschung sollte sich vermehrt den Alltagsproblemen in der Krankenversorgung widmen. Die sich hier ergebenden Fragestellungen insbesondere zur Indikationsstellung von diagnostischen, therapeutischen und rehabilitativen Maßnahmen sollte sie verstärkt zum Gegenstand der Forschung machen.


Begründung:
Die Sinnhaftigkeit von medizinischen Maßnahmen und Vorgehensweisen in bezug auf den Nutzen für den Patienten ist noch immer in vielen Situationen unbestimmt. Die medizinische Forschung sollte sich deshalb vermehrt den Fragen der kurz-, mittel- und langfristigen Ergebnisse medizinischer Maßnahmen widmen, bezogen auf die Parameter Lebenserwartung und Lebensqualität.

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