ArchivDeutsches Ärzteblatt25/1996Entschließungen zum Tagesordnungspunkt IV: Novellierung der (Muster-) Weiter­bildungs­ordnung

POLITIK: Dokumentationen

Entschließungen zum Tagesordnungspunkt IV: Novellierung der (Muster-) Weiter­bildungs­ordnung

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Alle Anträge, die sich mit Neueinführung, Veränderung oder Erweiterung von Weiterbildungsqualifikationen beschäftigen, werden an den Vorstand der Bundes­ärzte­kammer überwiesen mit der Maßgabe, daß Ausschuß und Ständige Konferenz "Weiterbildung" diese beraten, abstimmen und gegebenenfalls bis zum 101. Deutschen Ärztetag abstimmungsreife Vorschläge erarbeiten.
Diskutiert werden sollten nur die vier vorgelegten Vorschläge IV-1 Anlage 1-4 und die die Hausarzt/FacharztProblematik betreffenden Anträge.


Begründung:
Die meisten Vorschläge bedürfen einen intensiveren Beschäftigung, als es die erste kurze Diskussion auf einem Ärztetag gewährleistet. N

Novellierung der (Muster-)Weiter­bildungs­ordnung
In Paragraph 23 (Muster-)Weiter­bildungs­ordnung wird als neuer Absatz 1a eingeführt:
Wird durch diese Weiter­bildungs­ordnung der Inhalt der Weiterbildung, der durch eingehende besondere oder spezielle Kenntnisse, Erfahrungen und Fertigkeiten festgelegt wird (Regelweiterbildung), verändert, so gilt grundsätzlich, daß die Qualifikation des Arztes gemäß der für den Abschluß seiner Weiterbildung gültigen Weiter­bildungs­ordnung nachgewiesen ist.


§ 23 Abs. 5 (Muster-)Weiter­bildungs­ordnung erhält folgende Fassung: Wer bei Inkrafttreten dieser Weiter­bildungs­ordnung zusammen mit der bisherigen Gebietsbezeichnung im Gebiet der Chirurgie eine der bisherigen Teilgebietsbezeichnungen der Chirurgie (Gefäßchirurgie, Kinderchirurgie, Plastische Chirurgie, Thorax- und Kardiovaskularchirurgie, Unfallchirurgie) führt, kann sie beibehalten. Auf Antrag erhält er das Recht, unter Verzicht auf das Recht zum Führen der Bezeichnung "Facharzt für Chirurgie" oder "Arzt für Chirurgie" oder "Chirurg" und die bisher geführte Teilgebietsbezeichnung eine der nachstehenden Facharztbezeichnungen zu führen, wenn er berechtigt war, eine der nachstehend genannten Teilgebietsbezeichnungen zu führen und in diesem Teilgebiet mindestens 2 Jahre überwiegend tätig war: 1. bei Teilgebietsbezeichnung "Kinderchirurgie" die Facharztbezeichnung für "Kinderchirurgie"; 2. bei Teilgebietsbezeichnung "Plastische Chirurgie" die Facharztbezeichnung für "Plastische Chirurgie";
3. bei Teilgebietsbezeichnung "Thorax- und Kardiovaskularchirurgie" die Facharztbezeichung für "Herzchirurgie"

Neuordnung des Weiterbildungsganges "Arzt für Öffentliches Gesundheitswesen"
Definition:
Das öffentliche Gesundheitswesen umfaßt die ärztliche Tätigkeit in Einrichtungen des öffentlichen Dienstes, die dazu bestimmt sind, unmittelbar den Gesundheitszustand der Bevölkerung und bestimmter Bevölkerungsgruppen zu ermitteln und laufend zu überwachen, ihnen drohende Gefahren festzustellen und zu beseitigen oder auf die Beseitigung hinzuwirken sowie die Gesundheit der Bevölkerung insgesamt und besonderer Gruppen sowie das gesundheitsbewußte Verhalten des einzelnen zu fördern. Die wesentlichen Aufgaben liegen im Bereich der Beobachtung, Begutachtung, Beratung und Wahrung der gesundheitlichen Belange der Bevölkerung einschließlich der Beratung der Träger öffentlicher Aufgaben in gesundheitlichen Fragen. Dazu gehören insbesondere Planungs- und Gestaltungsaufgaben in der Gesund­heits­förder­ung und der gesundheitlichen Versorgung, allgemeine und spezielle öffentliche Hygiene einschließlich des gesundheitlichen Umwelt- und Verbraucherschutzes, Gesundheitsaufsicht, Beratung und Aufklärung der Bevölkerung in gesundheitlichen Fragen, die Verhütung und Bekämpfung von Krankheiten sowie die Einleitung präventiver und rehabilitativer Maßnahmen und die Erstellung ärztlicher Gutachten für Behörden und Körperschaften.


Weiterbildungszeit:
3 Jahre an einer Weiterbildungsstätte gemäß Paragraph 8 Abs. 1 Weiter­bildungs­ordnung:
12 Monate Weiterbildung in Allgemeinmedizin oder Innere Medizin oder Kinderheilkunde, 18 Monate Weiterbildung in einer Einrichtung des Öffentlichen Gesundheitswesens, davon mindestens 9 Monate an einem Gesundheitsamt, erfolgreiche Teilnahme an einem Kurs für Öffentliches Gesundheitswesen von 6 Monaten Dauer, der in Abschnitte geteilt werden darf.
Auf den Kurs für Öffentliches Gesundheitswesen von 6 Monaten Dauer kann der theoretische Teil eines anerkannten und erfolgreich abgeschlossenen Kurses über Public Health bis zu 3 Monaten angerechnet werden.
2 Jahre klinische Tätigkeit:
1½ Jahre klinische Tätigkeit in Allgemeinmedizin oder Innere Medizin oder Kinderheilkunde,
6 Monate klinische Tätigkeit in Psychiatrie und Psychotherapie.
Auf die 1½ Jahre klinische Tätigkeit in Allgemeinmedizin oder Innere Medizin oder Kinderheilkunde können 6 Monate klinische Tätigkeit in Anästhesiologie oder Arbeitsmedizin oder Chirurgie oder Frauenheilkunde und Geburtshilfe oder Haut- und Geschlechtskrankheiten oder Hals-Nasen-Ohrenheilkunde oder Laboratoriumsmedizin oder Mikrobiologie und Infektionsepidemiologie oder Neurologie oder Orthopädie oder Psychiatrie und Psychotherapie oder Strahlentherapie oder Urologie angerechnet werden.


Inhalt und Ziel der Weiterbildung:
Vermittlung, Erwerb und Nachweis eingehender Kenntnisse, Erfahrungen und Fertigkeiten in der Überwachung und Ermittlung des Gesundheitszustandes der Bevölkerung und bestimmter Bevölkerungsgruppen, in der Erkennung von Gesundheitsgefahren, in der Beurteilung der Möglichkeiten, diese zu beseitigen oder auf die Beseitigung hinzuwirken, in der Förderung der Gesundheit der Bevölkerung insgesamt und einzelner Gruppen, in der Befähigung, die Bevölkerung in gesundheitlichen Fragen zu beraten und aufzuklären, in der Befähigung, die für die allgemeine und spezielle Hygiene einschließlich des gesundheitlichen Umweltschutzes notwendigen Maßnahmen durchzuführen, sowie in der Wahrnehmung von Planungsaufgaben im gesundheitlichen Interesse der Bevölkerung.
Befähigung zur Einleitung präventiver und rehabilitativer Maßnahmen und zur Erstellung ärztlicher Gutachten für Behörden und Körperschaften.
Vermittlung und Erwerb von Kenntnissen über die Verfahren der empirischen Sozialforschung, die Biostatistik, die Toxikologie sowie die Gesundheitspolitik.
Hierzu gehören im öffentlichen Gesundheitswesen
1. Eingehende Kenntnisse, Erfahrungen und Fertigkeiten in – Recht und Verfahren der öffentlichen Gesundheitsverwaltung
– Medizinalaufsicht bei Gesundheitsberufen und Einrichtungen des Gesundheitswesens
– Planungs-, Aufsichts-, Ordnungs- und Beratungsaufgaben zur Sicherung der gesundheitlichen Versorgung der Bevölkerung
– Gesund­heits­förder­ung, Prävention, Seuchenmedizin und Impfprophylaxe
– Gesundheitshilfe für Schwangere, Kinder und Jugendliche, Senioren, Behinderte, chronisch Kranke, psychisch Kranke und Suchtkranke
– Gesundheitsberichterstattung, Epidemiologie und Gesundheitsforschung
– Qualitätssicherung im öffentlichen Gesundheitswesen
– Aufgaben des Managements im Gesundheitswesen
– Fachspezifische Begutachtung
– Grundlagen der Hygiene unter besonderer Berücksichtigung der Krankenhaus-, Praxis-, Sozial-, Umwelt- und Städtehygiene
– Gesundheitlicher Umweltschutz einschließlich der technischen Verfahren zur Verhütung und Verringerung umweltbedingter Gesundheitsschäden unter besonderer Berücksichtigung der Epidemiologie umweltbedingter Erkrankungen
– Grundlagen der Rehabilitationsmedizin unter Berücksichtigung entsprechender sozialer Bezugsfelder
– Betreuung von Obdachlosen und Randgruppen
– Beratung und Förderung von Selbsthilfegruppen
– Grundlagen der Schul- und Jugend-, der Wohnungs-, Freizeit- und Ernährungsmedizin


1.1 Vermittlung und Erwerb von Kenntnissen in
– Biostatistik
– Gesundheitsökonomie
– Sozialmedizin
– Sozialpädiatrie
– Sozialpsychiatrie
– Sozial- und gerichtsmedizinische Begutachtung
– Toxikologie
– Rettungswesen, Zivil- und Katastrophenschutz


Einführung von Bereich und Zusatzbezeichnung Spezielle Schmerztherapie
Definition:
Die Spezielle Schmerztherapie umfaßt die gebietsbezogene Diagnostik und Therapie chronisch schmerzkranker Patienten, bei denen der Schmerz seine Leit- und Warnfunktion verloren und einen selbständigen Krankheitswert erlangt hat.

Weiterbildungszeit:
1. Anerkennung zum Führen einer Gebietsbezeichnung mit Patientenbezug.
2. 12monatige ganztägige Weiterbildung an einer Weiterbildungsstätte gem. Paragraph 8 Abs. 1.
3. Teilnahme an einem von der Ärztekammer anerkannten interdisziplinären Kurs über Schmerztherapie von 80 Stunden Dauer.
4. Die Weiterbildung wird mit einer Prüfung abgeschlossen.

Weiterbildungsinhalt:
Vermittlung, Erwerb und Nachweis besonderer Kenntnisse und Erfahrungen in – der Erhebung einer standardisierten Schmerz-anamnese einschließlich der Auswertung von Fremdbefunden
– der Durchführung einer Schmerzanalyse
– der gebietsbezogenen differentialdiagnostischen Abklärung der Schmerzkrankheit – der eingehenden Beratung des Patienten und der gemeinsamen Festlegung der Therapieziele
– der Aufstellung eines inhaltlich und zeitlich gestuften Therapieplanes einschließlich der zur Umsetzung des Therapieplanes erforderlichen interdisziplinären Koordination der Ärzte und sonstigen am Therapieplan zu beteiligenden Personen und Einrichtungen
– dem gebietsbezogenen Einsatz schmerztherapeutischer Verfahren
– der standardisierten Dokumentation des schmerztherapeutischen Behandlungsverlaufes

Fakultative Weiterbildung "Spezielle Ophthalmologische Chirurgie" im Gebiet "Augenheilkunde"
Definition:
Die Spezielle Ophthalmologische Chirurgie umfaßt die schwierigen Operationen an allen Abschnitten der Augen einschließlich der rekonstruktiven ophthalmologischen Chirurgie und der operativen Schielbehandlung.


Weiterbildungszeit:
3 Jahre an einer Weiterbildungsstätte gem. Paragraph 8 Abs. 1. 1 Jahr der Weiterbildung in der Speziellen Oph-thalmologischen Chirurgie muß zusätzlich zur Gebietsweiterbildung abgeleistet werden.


Inhalt und Ziel der Weiterbildung: Vermittlung, Erwerb und Nachweis spezieller Kenntnisse, Erfahrungen und Fertigkeiten, welche über die im Gebiet aufgeführten Inhalte hinausgehen bei schwierigen Operationen an allen Abschnitten der Augen, bei der rekonstruktiven ophthalmologischen Chirurgie und der operativen Schielbehandlung; hierzu gehört eine Mindestzahl selbständig durchgeführter operativer Eingriffe. N

Schmerztherapie
Die gebietsbezogene allgemeine Schmerztherapie soll analog zur Formulierung in der Gebietsweiterbildung "Anästhesiologie" in alle klinischen Gebiete aufgenommen werden.
Begründung:
Beschluß der Ständigen Konferenz Ärztliche Weiterbildung vom 23.4.96 in Köln. N

Neugliederung der Allgemeinmedizin und der Inneren Medizin zur Lösung der Hausarzt/Facharzt-Problematik
Der Deutsche Ärztetag beauftragt den Vorstand der Bundes­ärzte­kammer für den Deutschen Ärztetag 1997, einen im Hinblick auf eine hausärztliche Tätigkeit neuformulierten Weiterbildungsgang für das Gebiet Allgemeinmedizin vorzulegen.


Begründung:
Die Ärzteschaft fordert seit über 20 Jahren eine deutliche Stärkung der hausärztlichen Versorgung, insbesondere durch die Förderung der Allgemeinmedizin. Mit den bisher ergriffenen Maßnahmen konnte jedoch dieses Ziel nicht erreicht werden. Es kam zu einem deutlich größeren Zuwachs von Fachärzten als von Ärzten für Allgemeinmedizin.
Da politisch unterstellt wird, daß ein nicht ausreichend entwickeltes hausärztliches Versorgungssystem und ein überbetontes spezialistisches Versorgungssystem unökonomisch sei, hat der Gesetzgeber bei der Novellierung des Sozialrechtes eine Gliederung der Versorgung in eine hausärztliche und eine fachärztliche Versorgung festgelegt und den Inhalt der hausärztlichen Versorgung (Paragraph 73 SGB V) beschrieben. An der hausärztlichen Versorgung nehmen Ärzte für Allgemeinmedizin und Ärzte ohne Gebietsbezeichnung teil.
Kinderärzte und Internisten ohne Teilgebietsbezeichnung mußten sich bis zum 31. März 1996 entscheiden, ob sie an der hausärztlichen oder an der fachärztlichen Versorgung teilnehmen wollen.
Über diese Regelung im Sozialrecht hinaus ist die Ärzteschaft durch die Ge­sund­heits­mi­nis­ter der Länder mehrfach aufgefordert worden, in der ärztlichen Selbstverwaltung dafür Sorge zu tragen, daß eine ausreichende hausärztliche Versorgung dahingehend entsteht, daß die hausärztliche Versorgung als eine Einheit definiert wird. Dieser politische Wille geht somit qualitativ über die Regelungen des Paragraphen 73 SGB V hinaus. Die Ge­sund­heits­minis­ter­kon­fe­renz der Länder läßt erkennen, daß eine nicht ausreichende Lösung dieses Problems durch die ärztliche Selbstverwaltung dazu führen wird, daß eine auf dieses Ziel hinführende gesetzliche Regelung auf länderrechtlicher Grundlage zu erwarten ist.
Die innerärztliche Problematik besteht darin, daß das Feld der "hausärztlichen Versorgung" von zwei Arztgruppen, den Ärzten für Allgemeinmedizin (Praktischen Ärzten) und nichtspezialistisch tätigen Ärzten für Innere Medizin, in der Patientenversorgung wahrgenommen wird.
Beide Arztgruppen haben jedoch auf der Grundlage einer unterschiedlichen Weiterbildung unterschiedlichen Zugang zu den für die Patientenversorgung notwendigen diagnostischen und thearpeutischen Verfahren.
Die Gremien der Bundes­ärzte­kammer haben den sich aus dieser Gesamtsituation ableitenden dringlichen Handlungsbedarf erkannt und begonnen, Problemlösungen zu erarbeiten, die dem 99. Deutschen Ärztetag 1996 in Köln mit der Bitte vorgestellt werden sollen, zu entscheiden, für welche der denkbaren Lösungsmöglichkeiten detaillierte Weiterbildungsgänge zur Aufnahme in die (Muster-)Weiter­bildungs­ordnung erarbeitet werden sollen. Die Weiterbildungsgänge könnten dann von zukünftigen Deutschen Ärztetagen beraten werden. Beratungszeit ist nötig, da sich die verschiedenen Lösungsmöglichkeiten unterschiedlich auf andere Rechtskreise auswirken.
Bei allen Überlegungen ist unstrittig, daß Ärzte für Kinderheilkunde, die nicht in einer Subspezialisierung der Kinderheilkunde tätig sind, die hausärztliche Versorgung des Kindes von der Geburt bis zum Abschluß der somatischen Entwicklung wahrnehmen. Sie sind daher bei den nachfolgenden Überlegungen nicht Gegenstand der Diskussion.
Zur Lösung der Hausarzt/Facharzt-Problematik ergeben sich vier Lösungsmodelle:
1. Das Gebiet Allgemeinmedizin wird mit der Inneren Medizin, die nicht in einem Schwerpunkt ausgeübt wird (allgemeine Innere Medizin), zu einem Gebiet zusammengeführt, das dann die hausärztliche Versorgung übernimmt. Die Schwerpunkte der Inneren Medizin werden eigene Gebiete.
2. Das Gebiet Allgemeinmedizin wird aufgegeben, und es wird im Gebiet der Inneren Medizin ein Schwerpunkt "Hausärztliche Medizin" geschaffen, der umfassend die hausärzliche Versorgung sicherstellt.
3. Die Innere Medizin bleibt inhaltlich in ihrem Weiterbildungsgang im wesentlichen unverändert, wird aber nur rein spezialistisch tätig und hat keine Versorgungsfunktionen in der umfassenden hausärztlichen Versorgung mehr. Gleichzeitig wird das Gebiet Allgemeinmedizin dahingehend in seinem Weiterbildungsgang verändert, daß es, mit einer neuen Definition versehen, alleinig die umfassende hausärztliche Betreuung des Patienten in seinem somatischen und psychischen Befinden, ergänzt um die auf den Gesundheitszustand einwirkenden sozialen Befindlichkeiten, wahrnimmt.
4. Die Ärzteschaft vertritt die Auffassung, daß es zur qualitativ hochwertigen Sicherstellung der hausärztlichen und fachärztlichen Versorgung keiner aktiven Veränderung der derzeitigen Situation bedarf.
Mit jedem der vier Lösungsmodelle verbinden sich spezifische Vorteile und spezifische Probleme.
Auch die innerärztliche Akzeptanz bei den Lösungsmodellen ist unterschiedlich einzuschätzen und wohl auch arztgruppenspezifisch unterschiedlich.
Bei den Beratungen der Akademie für Allgemeinmedizin der Bundes­ärzte­kammer und von Ausschuß und Ständiger Konferenz "Ärztliche Weiterbildung" der Bundes­ärzte­kammer und Lan­des­ärz­te­kam­mern wurde erkennbar, daß im wesentlichen zwei Lösungsmodelle eingehender diskutiert werden.
Diese sind:
1. Die Neugestaltung des Weiterbildungsganges Allgemeinmedizin, um den zukünftigen Allgemeinmediziner zur umfassenden Versorgung der neu definierten hausärztlichen Versorgung zu befähigen, bei gleichzeitiger Verlagerung des internistischen Tätigkeitsfeldes in die fachärztliche Versorgung (Differenzierungsmodell).
2. Zusammenführung der allgemeinmedizinischen Weiterbildung und der Weiterbildung des Internisten ohne Schwerpunktbezeichnung zu einem Weiterbildungsgang für einen Arzt, der umfassend die hausärztliche Versorgung wahrnimmt (Verschmelzungsmodell). Gleichzeitig würden die Schwerpunkte der Inneren Medizin zu eigenständigen Gebieten eines konservativ-medizinischen Bereiches.
Alle Veränderungen haben, wenn sie zu einem sinnvollen Ergebnis führen sollen, zwei wesentliche Voraussetzungen:
1. Die Neuordnung kann nur so geschehen, daß in der Berufsausübung und in Weiterbildung befindlichen Ärztinnen und Ärzte davon unberührt bleiben.
2. Es müssen Rahmenbedingungen durch sozialrechtliche Novellierungen geschaffen werden sowie ärztliche Vergütungssysteme gegeben sein, die dem Sinne der Neuorientierung entsprechen. Ferner müssen Steuerungsmechanismen installiert werden, die eine ausreichende Zahl von Ärtzinnen und Ärzten für die allgemeinärztliche Versorgung bei gleichzeitiger Reduktion der Zahl spezialistisch tätiger Ärztinnen und Ärzte hervorbringen.
Die Konzentration der Hausarztqualifikation auf den Allgemeinarzt und die dementsprechend erforderliche Gestaltung einer fünfjährigen Weiterbildung erfordert die Sicherstellung ausreichender Weiterbildungsmöglichkeiten für dieses neu strukturierte Fachgebiet (Schaffung von Rotationsstellen, Splittung von Weiterbildungsstellen). Sie erfordert des weiteren die Schaffung ausreichender Weiterbildungsmöglichkeiten für angehende Allgemeinärzte in der ambulanten Versorgung – auch mittels finanzieller Fördermaßnahmen –. N

Hausarzt/Allgemeinmedizin
1. Der Deutsche Ärztetag stellt fest, daß die hausärztliche Versorgung in Zukunft in erster Linie durch Fachärzte für Allgemeinmedizin erfolgen soll. Die hausärztliche Versorgung von Kindern durch Fachärzte für Kinderheilkunde bleibt davon unberührt.
2. Der Vorstand der Bundes­ärzte­kammer wird aufgefordert, sich dafür einzusetzen, daß – sowohl im Berufsrecht, in der Weiter­bildungs­ordnung wie auch im Sozialversicherungsrecht (SGB V) eine klare Unterscheidung der fachärztlichen Aufgaben zukünftiger Internisten und der hausärztlichen Aufgaben zukünftiger Allgemeinärzte auf hohem Niveau ihren Niederschlag findet,
– die Weiterbildungsmöglichkeiten für Allgemeinmedizin in Krankenhäusern und Praxen qualitativ und quantitativ verbessert werden. N

Weiterbildung in der Allgemeinmedizin
Eine ambulante ärztliche Versorgung ist ohne qualifizierte Allgemeinärzte nicht sicherzustellen. Der allgemeinmedizinische Versorgungsauftrag bedarf einer besonders breiten und gut durchdachten Weiterbildung. Aus diesem Grunde fordert der Deutsche Ärztetag:
1. eine Verlängerung der allgemeinmedizinischen Weiterbildung von drei auf fünf Jahre,
2. an jedem dafür geeigneten Krankenhaus mindestens zwei Rotationsstellen für die allgemeinärztliche Weiterbildung,
3. eine BAT-Vergütung für die Zeit der Weiterbildung in der ambulanten Versorgung, wie es die Berufsordnung vorsieht, und Bezahlung durch die Krankenkassen.
Begründung
zu 1. Die Verlängerung der Weiterbildungszeit ist notwendig, um dem breit angelegten Fachgebiet der Allgemeinmedizin voll gerecht werden zu können.
Das Argument, daß innerhalb der Europäischen Union die meisten Länder eine nur dreijährige Weiterbildung in der Allgemeinmedizin haben, läßt sich aus zwei Gründen entkräften. Erstens sind die deutschen Weiterbildungszeiten für fast alle Fachgebiete wesentlich länger als die nach den EWG-Richtlinien vorgeschriebenen Mindestzeiten, und zweitens ist die Zahl der ausländischen Ärztinnen und Ärzte aus EUStaaten, die sich in Deutschland niedergelassen haben, nach 20 Jahren Freizügigkeit mit weniger als 1 000 Kolleginnen und Kollegen insgesamt, das heißt über alle Fachgebiete, angesichts der Gesamtzahl von 110 000 niedergelassenen Ärzten in Deutschland zu vernachlässigen.
zu 2. Jungen Ärzten ist es nicht länger zumutbar, gezwungen zu sein, Interesse an der Weiterbildung zu einem speziellen Fachgebiet vorzutäuschen, wenn sie in Wirklichkeit Allgemeinärzte werden wollen. Daher sollen alle für die Weiterbildung in der Allgemeinmedizin geeigneten Krankenhäuser feste Rotationsstellen einrichten. (Krankenhäuser, die derartige Stellen länger als ein Jahr nicht besetzen, sollten zu Ausgleichsabgaben in Höhe eines halben BAT-Gehaltes pro nicht besetzter Stelle an die Kassenärztliche Vereinigung verpflichtet werden.)
zu 3. Die Notlage der Weiterbildungsassistenten, die als Assistenten in allgemeinärztlichen Praxen arbeiten müssen, darf nicht ausgenutzt werden. Auch ihnen steht eine Vergütung in Höhe der BAT-Tarife zu. Zur Weiterbildung befugte Ärzte, die den Zuschuß für die Bezahlung von Weiterbildungsassistenten in Anspruch nehmen wollen, sollten der Kassenärztlichen Vereinigung den dazu gehörigen Anstellungsvertrag vorlegen.
Der Nachwuchs in der Allgemeinmedizin muß eine reelle Chance erhalten. Die Ärzteschaft in ihrer Gesamtheit trägt hier Verantwortung und muß die seit Jahren aufgestellten und beschlossenen Forderungen endlich realisieren.

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