ArchivDeutsches Ärzteblatt48/1996Herzchirurgie: Wissensdefizit

SPEKTRUM: Leserbriefe

Herzchirurgie: Wissensdefizit

Schmid, F.-X.

Zu den Leserbriefen in Heft 42/1996, die sich auf den Beitrag "Herzchirurgische Operationen bei Kindern ? Konzentration auf wenige Zentren gefordert" von Dr. Barbara Nickolaus in Heft 34?35/1996 bezogen
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Frau Kollegin Oyen-Pernau beklagt zu Recht, daß jedes Jahr eine Reihe von Kindern zur Operation bei angeborenen Herzfehlern ins Ausland verschickt wird. Es ist aber ganz einfach falsch, daß der Grund hierfür die Tatsache sei, daß nicht alle Operationen in Deutschland durchgeführt werden würden. Die Behauptung, "das hypoplastische Linksherz wird derzeit von keinem deutschen Herzchirurgen nach Norwood operiert", offenbart ein gehöriges Maß an Wissensdefizit und belegt, daß sich die Autorin nicht die Mühe gemacht hat, entsprechende Fachinformationen einzuholen.
Beispielsweise wird an den Universitätskliniken in Mainz seit Anfang 1994 sowohl die orthotope Herztransplantation als auch das Verfahren der palliativen Rekonstruktion nach Norwood für das hypoplastische Linksherzsyndrom angeboten und erfolgreich durchgeführt. Die Tatsache, daß von unseren bisher 15 nach Norwood operierten Kindern 12 den ersten Operationsschritt und von diesen 12 "NorwoodPatienten" wiederum bereits sechs Kinder nach durchschnittlich sieben Monaten den zweiten Schritt (= HemiFontan-Operation) ohne wesentliche Komplikationen überstanden haben, dürfte auch die Feststellung [bestätigen], daß diese Operation (zumindest im eigenen Zentrum) nicht nur gemacht wird, sondern daß hier profunde Erfahrungen aller beteiligten Disziplinen vorliegen.
Während meiner Weiterbildung in der speziellen Kinderherzchirurgie in London habe ich – zu meinem damaligen (1993) Erstaunen – viele deutsche Kinder mit-/behandelt (darunter auch einfache ASDs und VSDs). In der Regel wurden diese Patienten zirka sechs bis acht Tage nach der Operation in die Klinik des zuweisenden Kinderkardiologen zurückverlegt. Entsprechend kurz war der Klinikaufenthalt in England. Dies wird gern bei der Berechnung der Krankenhaustage als Argumentationsgrundlage herangezogen. Zugegeben, auch hier gibt es Ausnahmen, vor allem fehlen konkrete Daten für eine Vielzahl von Behandlungsfällen.
Sollte der Autor des zweiten Leserbriefes, Herr Schmidt, einen zweiten, speziell ausgebildeten Kinderherzchirurgen kennenlernen wollen, so kann er sich gerne gemeinsam mit dem dritten Leserbriefschreiber, Herrn Weber, vor Ort in Mainz davon überzeugen, daß es auch in Deutschland Kliniken gibt, die die frühe Primärkorrektur einer Fallotschen Tetralogie im Alter von sechs Monaten als Standardverfahren (in der Mehrheit der Fälle als transatriale Korrektur ohne Eröffnung des rechten Ventrikels!) durchführen.
Bekanntlich wurde von den deutschen Fachgesellschaften für Thorax-, Herz- und Gefäßchirurgie und für Pädiatrische Kardiologie eine Liste von Referenzkliniken zur Koordination von Notfällen ausgearbeitet und kann von jedem Kinderkardiologen in Anspruch genommen werden. Es bleibt zu hoffen, daß dadurch das leidige Thema des "Kinderherztourismus" ein Ende findet . . .
Dr. med. F.-X. Schmid, Arbeitsgruppe Kinderherzchirurgie/Pädiatrische Kardiologie, Klinikum der Johannes Gutenberg-Universität, Langenbeckstraße 1, 55131 Mainz
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema

Stellenangebote