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Folter und Misshandlungen: Pervertiertes Wissen

Dtsch Arztebl 2004; 101(20): A-1361 / B-1133 / C-1093

Korzilius, Heike

Der Skandal um die Folterung von irakischen Gefangenen durch US-amerikanische und britische Soldaten weitet sich aus. Längst ist nicht mehr von Einzelfällen die Rede. Es gebe immer deutlichere Anzeichen dafür, dass die Misshandlungen von irakischen Gefangenen im Gefängnis Abu Ghraib aus einem System „besonderer Verhörmethoden“ erwachsen sind, schreibt die Frankfurter Allgemeine Zeitung am 10. Mai.
Welche Verhörmethoden erlaubt sind, hat das Pentagon der Zeitung „Washington Post“ zufolge im April 2003 in einer Richtlinie festgelegt. Genehmigte Verfahren sind danach beispielsweise systematischer Schlafentzug, laute Musik und grelles Licht. Einige Methoden, heißt es weiter, dürften aber nur bei „angemessener ärztlicher Beobachtung“ Anwendung finden. Der Satz klingt harmlos, weckt jedoch einen schlimmen Verdacht. Denn die „Beobachtung“ dient weniger dem Umgang mit Gefangenen, sondern läuft auf die staatliche Instrumentalisierung eines Berufsstandes hinaus, indem Ärzte zu Handlungen herangezogen werden, die rein gar nichts mit dem ärztlichen Auftrag des Helfens und Heilens zu tun haben. Im schlimmsten Fall lassen sich Ärztinnen und Ärzte zu Helfershelfern degradieren. Effektives Foltern setzt medizinisches Wissen voraus.
Mit der Beteiligung von Ärzten an Folterungen hat sich der Weltärztebund bereits 1975 auseinander gesetzt und in der so genannten Deklaration von Tokio eindeutig festgelegt: „Der Arzt soll die Anwendung von Folter, Grausamkeiten oder anderen unmenschlichen oder die Menschenwürde verletzenden Handlungen weder dulden noch gutheißen oder sich gar an ihnen beteiligen.“ Das gilt auch im Zusammenhang mit bewaffneten Konflikten und zivilen Aufständen. In der Deklaration von Hamburg 1997 hat der Weltärztebund dieses Bekenntnis bekräftigt und sich für die Unterstützung derjenigen Ärzte stark gemacht, die aufgrund ihrer Weigerung, sich an Folterungen zu beteiligen, oder wegen ihres Einsatzes für Folteropfer unter Druck oder in Gefahr geraten. Die Spielregeln für ärztlich-ethisches Verhalten sind in diesem Fall eindeutig. Doch das Bewusstsein dafür scheint – auch aufseiten demokratischer Staaten – wenig ausgeprägt. Heike Korzilius
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