ArchivDeutsches Ärzteblatt48/1996Wie gehen Apotheker und Arzt mit „bedenklichen Arzneimitteln“ um?

POLITIK: Kommentar

Wie gehen Apotheker und Arzt mit „bedenklichen Arzneimitteln“ um?

Müller-Oerlinghausen, B.

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LNSLNS Der Apotheker ist verpflichtet, das Inverkehrbringen von Arzneimitteln, die von ihm nach Bewertung aller Umstände als "bedenklich" eingestuft werden müssen, abzulehnen. Diese Verpflichtung kann der Therapiefreiheit des deutschen Arztes, wie sie auch aus § 1 der geltenden Berufsordnung hervorgeht, entgegenstehen.
Gerade in jüngster Zeit hat der Skandal um verschiedene ärztlich verordnete Schlankheitsrezepturen diese potentielle Spannungssituation deutlich gemacht. Als Vorsitzender der Arznei­mittel­kommission der deutschen Ärzteschaft habe ich seinerzeit nicht umhin gekonnt, in diesem Zusammenhang Vorwürfe sowohl in Richtung der verordnenden Ärzte wie auch derjenigen Apotheker zum Ausdruck zu bringen, die diese Rezepturen entgegen ihrem vorauszusetzenden Fachwissen hergestellt und abgegeben haben.


Verständnis für den Apotheker
In der Zwischenzeit hat nun die Arznei­mittel­kommission der Deutschen Apotheker eine sehr lesenswerte
Stellungnahme zu der schwierigen Frage publiziert, wie denn der Apotheker mit "bedenklichen Arzneimitteln" umzugehen hat. Darin geht es nicht nur um die Definition eines bedenklichen Arzneimittels, sondern eben auch um das Problem, wie sich der Apotheker dem Arzt gegenüber verhalten soll, der ein bedenkliches Arzneimittel, zum Beispiel in Form einer freien Rezeptur, verordnet. Es erscheint mir wichtig, daß wir seitens der Ärzteschaft für die schwierige Situation, in die ein Apotheker hier, insbesondere nach dem derzeit geltenden Haftungsrecht, kommen kann, Verständnis aufbringen und im konkreten Fall versuchen, gemeinsam mit dem Apotheker eine Lösung zu finden.
Die Entscheidung, ob ein bedenkliches Arzneimittel abgegeben werden kann oder ob eine Rezeptur "bedenklich" ist, kann immer nur für den Individualfall eines Patienten getroffen werden und setzt deshalb im allgemeinen eine intensive und offene Diskussion zwischen Apotheker und Arzt voraus. Der Arzt sollte deshalb für Rückfragen des Apothekers Verständnis haben und versuchen, ihm seine ärztlichen/pharmakologischen Gründe für die in Frage stehende Rezeptur darzulegen. Es kann dabei nicht genügen, wenn wir uns als Ärzte allein auf die "Therapiefreiheit" im Rahmen unserer Berufsordnung zurückziehen.
Nicht allen Ärzten scheint klar zu sein, daß im Falle eines Schadens durch Abgabe und Anwendung bedenklicher Arzneimittel Arzt und Apotheker gemeinsam und umfassend haften. Deshalb kann es auch Situationen geben, in denen der Apotheker die Abgabe verweigern muß.


Zu beachten: die "Negativliste"
Eine besondere Schwierigkeit für Arzt und Apotheker ist darin zu sehen, daß nur für wenige Arzneimittel seitens der zuständigen Bundesoberbehörde eine Bewertung vorliegt, aus der die Bedenklichkeit klar hervorgeht. Es ist deshalb auch von ärztlicher Seite zu fordern, daß zumindest die vorliegenden Entscheidungen in jedem Fall der Fachöffentlichkeit bekanntgemacht werden.
Ein Altarzneimittel, sei es als Fertigarzneimittel oder Bestandteil einer Rezeptur, das sich noch am Markt befindet, obwohl eine Negativmonographie der entsprechenden Aufbereitungskommission vorliegt, wird im allgemeinen als bedenklich zu gelten haben, sofern die negative Beurteilung wesentlich auf ein nicht vertretbares Risiko zurückzuführen ist.
In diesem Zusammenhang sollte in Erinnerung gerufen werden, daß durch die "Negativliste" die Erstattungspflicht im Rahmen der gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung für derartige Arzneimittel ausgeschlossen ist. Der Arzt wird deshalb auch dafür Verständnis haben, wenn ihn der Apotheker in einem speziellen Fall über die negative Bewertung der Aufbereitungskommission informiert. Wenn Inhalt der Rücksprache und Information in der Apotheke dokumentiert werden, so dürfte im Einzelfall aufgrund einer individuellen Nutzen-Risiko-Abschätzung durch den Arzt dennoch eine Abgabe auf Privatrezept möglich sein.
Dem interessierten Leser sei empfohlen, sich die Stellungnahme der Apothekerschaft unter Dokumentenummer 1004 im neu eingerichteten Info-Service der Arznei­mittel­kommission der deutschen Ärzteschaft (Telefonnummer 02 21/40 04-5 10/5 11) per fax-on-demand abzurufen.


Anschrift des Verfassers:
Prof. Dr. B. Müller-Oerlinghausen
Vorsitzender der Arznei­mittel­kommission der deutschen Ärzteschaft
Psychiatrische Klinik und Poliklinik der FU Berlin
Eschenallee 3
14050 Berlin

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