VARIA: Post scriptum

Das nackte Überleben

Dtsch Arztebl 2004; 101(20): [64]

Pfleger, Helmut

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Bekanntlich kann der beste Mann nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt. Wobei der Nachbar schon einmal durch andere Übelmeinende ersetzt werden kann. Dr. med. Matias Jolowicz ist zwar trotz seiner jenseits des Schachbretts ausgesprochen ausgleichenden Art an diesem selbst als gefürchteter Recke in Ärzteschachkreisen bekannt, aber musste es denn gleich diese martialische Schilderung sein, die ihm beim letzten Turnier jemand in aller Öffentlichkeit in den Mund legte?! „Wir waren in der entscheidenden Phase. Mein Gegner war verloren, vernichtet, ohne Chance. Ich wusste es, und er wusste es auch. Aber er saß bloß da, es schien eine Ewigkeit. Er rechnete, rechnete und rechnete. Tief im Innern jedoch schrie er. Er war totenbleich, aber in ihm raste ein Starkstrom von einer Million Volt. Ich konnte spüren, wie dieser Strom über das Brett gegen mich prallte und dann zurückschlug. Am Ende schrie ich selbst innerlich! Wenn man eine Schachpartie gegen diesen Gegner spielt, ist es nicht nur eine Frage von Sieg oder Niederlage – das nackte Überleben scheint auf dem Spiel zu stehen!“
Dr. Jolowicz jedenfalls, dem mein herzliches Mitgefühl gilt, schrieb mir nachher, vermutlich immer noch mit zitternden Fingern: „Ob ich mich allerdings nach diesen mir in den Mund gelegten Worten jemals wieder unter Menschen, etwa unter Ärzte, gar unter die Schach spielende Spezies traue, weiß ich noch nicht. Frau und Töchter sind angstschlotternd ins Auto eingestiegen, keine wollte neben mir sitzen. Unter fadenscheinigen Gründen wurde mir das Steuer aus den Händen genommen, wegen Aggressionsgefahr. Alle Schachbücher sind weggeschlossen, mein balinterfahrener Partner hat mir Halma, zweimal eine Partie am Tag, und Mensch-ärgere-dich-nicht zur Nacht verschrieben. Ich habe mir allerdings ein Account beim Fritz-Server (Nickname ,Great Chess Killer‘) geholt und spiele von ein bis drei Uhr morgens Blackmar-Diemer-Gambit-Partien, unentdeckt.“
So weit dieser bewegende Erfahrungsbericht. Das folgende Beispiel des „Great Chess Killer“ ist allerdings noch – hoffentlich nicht zum letzten Mal, nachdem Dr. Jolowicz keines der bisherigen Turniere ausließ – aus dem prallen Leben des Ärzteturniers entnommen: 7. Runde gegen Dr. med. Thomas Weiß.
Dr. Jolowicz als Weißer hatte schon zwei Türme geopfert, um diesen fulminanten Angriff zu erhalten. Sehen Sie, wie er ihn nun siegreich krönte?

Lösung:
Nach 1. Sf5! war die einzig plausible Verteidigung gegen das durch 2. Dxg7 drohende Matt 1 ...Te7. Doch nach 2. Sxe7+ Kf8 (2...Kh8 3. Dxh6 matt) 3. Ld6 war gegen das entsetzliche Abzugsschach 4. Sf5+ nebst Matt auf g7 kein vernünftig Kraut mehr gewachsen, weshalb Schwarz aufgab.
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