ArchivDeutsches Ärzteblatt48/1996Kurdengebiete der Türkei: Ärzte zwischen den Fronten

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Kurdengebiete der Türkei: Ärzte zwischen den Fronten

Korzilius, Heike

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LNSLNS Die Gesundheitsversorgung in den Kurdengebieten der Türkei hat sich während des 17jährigen Ausnahmezustandes drastisch verschlechtert. Der staatliche Druck auf die wenigen verbliebenen Ärzte wächst und macht eine freie Berufsausübung fast unmöglich. In einem Gespräch mit dem Deutschen Ärzteblatt schilderten Dr. Seyfettin Kizilkan und Dr. Ercan Tanrikulu, Mitglieder der Ärztekammer Diyarbakir, sowie Dr. Necdet Ipekyüz, Vorstandsmitglied der Türkischen Ärztekammer, die Situation in der vom Krieg gezeichneten Region. Ziel ihres Deutschlandbesuchs war es aber auch, bei Ärztekammern und Politikern um Unterstützung für Kizilkan zu werben, der kürzlich wegen seines Einsatzes für die Menschenrechte zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt wurde (Hefte 26 und 27/1996).


Dr. Seyfettin Kizilkan sieht sein Schicksal stellvertretend für das vieler seiner Kollegen, die unter den Bedingungen des Ausnahmezustandes in den Kurdengebieten im Südosten der Türkei arbeiten. Der Chefarzt des Sozialversicherungskrankenhauses von Diyarbakir und Präsident der dortigen Ärztekammer wurde wegen angeblicher "separatistischer Tätigkeit" zu einer Haftstrafe von drei Jahren und neun Monaten sowie drei weiteren Jahren Berufsverbot verurteilt. Er selbst fühlt sich als Opfer eines Komplotts, eine Ansicht, die von zahlreichen Prozeßbeobachtern internationaler Menschenrechtsorganisationen geteilt wird.
Da die Ärztekammer Diyarbakir öffentlich Menschenrechtsverletzungen entgegengetreten ist, schätzt Kizilkan, daß mit seinem Prozeß ein Exempel statuiert werden sollte. Er hat gegen das Urteil Revision eingelegt und versucht nun gemeinsam mit Vertretern der Ärztekammer Diyarbakir und der Türkischen Ärztekammer, die Öffentlichkeit über die Situation in den Kurdengebieten zu informieren und die Zusammenarbeit unter anderem mit der Bundes­ärzte­kammer und der Ärztekammer Berlin auszubauen, um den Druck auf die türkischen Behörden zu verstärken. Deshalb nahm die Delegation auch an einer Veranstaltung über den Beitrag ärztlicher Verbände zum Schutz der Menschenrechte teil, die Anfang November in Berlin von der Ärztekammer Berlin, amnesty international und dem Behandlungszentrum für Folteropfer Berlin organisiert worden war (siehe nächste Seite).


Gefahr für Leib und Leben
Bei den gewalttätigen Auseinandersetzungen im Südosten der Türkei sind bislang 20 000 Menschen getötet worden, 3 000 Dörfer wurden zerstört und rund 3 Millionen Menschen vertrieben. Die Ärztekammer Diyarbakir setzte sich für eine gewaltfreie Lösung des Konfliktes ein, sagte Kizilkan. Weil sie aber versuche, das Kurdenproblem in die Diskussion zu bringen, werde der Kammer von seiten des Staates "Separatismus" vorgeworfen. Kizilkan tritt hingegen nach eigenen Worten für die strikte Neutralität der Ärzte ein. Nur so sei es ihnen möglich, ihre Patienten gemäß dem hippokratischen Eid ohne Ansehen der Person oder Parteizugehörigkeit zu behandeln und die medizinische Schweigepflicht zu wahren.
Ärzte, die diesem Grundsatz folgten, müßten mit Einschüchterungen, Zwangsversetzung oder Verhaftung rechnen. Zwischen 1991 und 1994 seien mehr als 20 Ärzte und 43 Mitarbeiter im Gesundheitswesen inhaftiert worden. Zudem seien vier Ärzte von "Unbekannten" ermordet worden. Unter solchen Umständen fänden sich nur noch wenige Ärzte und Pflegekräfte freiwillig dazu bereit, in der Region zu arbeiten. Um ihr Überleben zu sichern, arbeiteten zudem manche Ärzte mit den Sicherheitskräften zusammen.
Besonders betroffen von staatlichen Repressionen sind laut Dr. Necdet Ipekyüz, Vorstandsmitglied der Türkischen Ärztekammer, die Gerichtsmediziner. Nach türkischem Gesetz müssen sie den Gesundheitszustand von Gefangenen attestieren, bevor diese dem Haftrichter vorgeführt werden. Da es in Diyarbakir nur einen ausgebildeten Gerichtsmediziner gebe, der für fünf Provinzen zuständig sei, würden vor allem in den ländlichen Regionen häufig Allgemeinärzte herangezogen, um beispielsweise zu beurteilen, ob Häftlinge Folterspuren aufweisen. Die jeweilige Untersuchung finde immer in Anwesenheit der Sicherheitskräfte statt. Dabei hätten die Ärzte meist nicht einmal die Möglichkeit, die Identität der Patienten zu überprüfen, ohne sich in den Augen der Sicherheitskräfte verdächtig zu machen. Unter solchen Bedingungen seien nur wenige Ärzte bereit, das Risiko auf sich zu nehmen, die vorgeführten Patienten tatsächlich zu untersuchen oder ihre Fälle zu dokumentieren. Häufig würden sie auch gezwungen, vorgefertigte Atteste zu unterschreiben.


Gesundheitswesen vor dem Kollaps
Nach Ansicht von Dr. Ercan Tanrikulu wird die gesundheitliche Versorgung der Bevölkerung in den Kurdengebieten vom Staat bewußt vernachlässigt. Das türkische Gesundheitswesen sei im Vergleich zum Westen ohnehin unterentwickelt, wobei die Zustände im Südosten weit schlimmer seien als im Landesdurchschnitt. Der Zustrom der aus ihren Dörfern vertriebenen Menschen verschärfe die Situation noch. Diese lebten meist in großstädtischen Slums, wo ihnen Arbeits- und Obdachlosigkeit drohten. So ist die Einwohnerzahl von Diyarbakir in den letzten sechs Jahren von 380 000 auf rund 1,4 Millionen angewachsen, ohne daß sich die Infrastruktur dem Bevölkerungswachstum angepaßt hätte. Die Arbeitslosigkeit liege bei 70 Prozent. Die schlechte Wirtschaftslage trägt, so die "Internationalen Ärzte zur Verhütung des Atomkriegs" (IPPNW), dazu bei, daß sich Mafia-Organisationen, Spekulation, Korruption und ein blühender Schwarzmarkt ausbreiten.
Rund 60 Prozent der Bevölkerung sind – dem Bericht der Ärzterepräsentanten zufolge – nicht sozialversichert. Sie können meist weder eine ärztliche Behandlung noch Medikamente bezahlen. Zudem sind in Diyarbakir trotz des Bevölkerungsanstiegs keine neuen Gesundheitsstationen eröffnet worden; die Zahl der niedergelassenen Ärzte ist sogar gesunken, wie Tanrikulu ausführt. In der gesamten Region arbeiteten von ehemals 200 Gesundheitsstationen nur noch 14, die zudem personell und materiell schlecht ausgestattet seien. Die präventive Gesundheitsversorgung sei komplett zusammengebrochen: Impfprogramme oder Geburts- und Schwangerschaftsvorsorge würden kaum noch durchgeführt. Ein gemeinsames Projekt der Ärztekammer Diyarbakir und der Hilfsorganisation "Ärzte ohne Grenzen" sei an den zuständigen Gesundheitsbehörden gescheitert. Dabei hätten 100 000 US-Dollar für die Schwangerenvorsorge und Medikamente zur Verfügung gestanden. Zudem sei durch die schlechten hygienischen Bedingungen und die unzureichende Gesundheitsversorgung die Zahl der Infektionskrankheiten wie Tuberkulose, Diarrhö und Hepatitis drastisch gestiegen. Der schlechte Zustand des Gesundheitswesens lasse sich auch an der hohen Säuglingssterblichkeit ablesen.
"Eine Lösung des Kurdenproblems kann es nur geben, wenn der Demokratisierungsprozeß in der Türkei gefördert und die Gewalt beendet wird", so Tanrikulu. In diesem Bestreben werde die Ärztekammer von zahlreichen Organisationen unterstützt, darunter die Türkische Ärztekammer, Gewerkschaften, die Türkische Menschenrechtsstiftung und Teile der Presse. Wie Kizilkan erläuterte, ist die Ärzteschaft noch nicht in einen kurdischen und einen türkischen Teil gespalten. Er befürchtet jedoch, daß sich nationalistische Tendenzen verstärken, falls der gegenwärtige Zustand andauere. Heike Korzilius

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