ArchivDeutsches Ärzteblatt48/1996Humane Papillomviren: Auslöser zahlreicher Krebserkrankungen

POLITIK: Medizinreport

Humane Papillomviren: Auslöser zahlreicher Krebserkrankungen

Dtsch Arztebl 1996; 93(48): A-3175 / B-2677 / C-2372

Glomp, Ingrid

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LNSLNS Fünfzehn bis 30 Prozent aller Krebserkrankungen, so schätzen Wissenschaftler, stehen im Zusammenhang mit einer Virusinfektion. Zu den verdächtigen Erregern gehören neben dem Epstein-BarrVirus (wurde zuerst aus dem Burkitt-Lymphom isoliert) und dem Hepatitis-B-Virus (erhöht das Risiko, an Leberkrebs zu erkranken) bestimmte Typen der humanen Papillomviren (HPV). Von ihnen weiß man, daß sie Krebs im Genitalbereich auslösen können. Jetzt verdichten sich die Hinweise, daß Papillomviren auch an der Entstehung anderer Tumoren beteiligt sind.
Professor Harald zur Hausen, der Wissenschaftliche Stiftungsvorstand des Deutschen Krebsforschungszentrums in Heidelberg, ist einer der führenden Wissenschaftler auf dem Gebiet der Papillomvirus-Forschung. Nach seinen Angaben ist es in den letzten zwei Jahren gelungen, 30 neue Typen dieses Virus zu identifizieren und partiell zu charakterisieren.


Wechselspiel mit UV-Strahlung
Diese neu entdeckten Virustypen kommen, so zur Hausen, in erster Linie bei Hauterkrankungen vor; man findet sie relativ oft bei Nicht-Melanom-Hautkrebsen (Basalzell- und Stachelzellkrebsen). Bei immunsupprimierten Personen lassen sich HPV in etwa 80 Prozent der entsprechenden Karzinome nachweisen. Aber auch bei anderen Patienten finden sich in 35 Prozent der Fälle solche Viren, wobei kein bestimmter Typ vorherrscht.
Das war für die Wissenschaftler überraschend, und man weiß noch nicht, ob die HPV bei der Entstehung dieser Krebsarten eine kausale Rolle spielen. Man vermutet jedoch, daß eine Wechselwirkung zwischen der Sonnenlichtstrahlung und diesen Virusinfektionen zur Tumorbildung führt. Eine Reihe dieser Krebse entwickelt sich nämlich offenkundig auf der Basis vorherbestehender Papillomatosen, die sich in erster Linie auf sonnenexponierten Hautstellen gebildet haben.
Außerdem lassen sich heute laut zur Hausen bei annähernd 20 Prozent der Krebserkrankungen von Mundhöhle und Rachen im wesentlichen sogenannte genitale Papillomviren nachweisen – vor allem Typ 16 und 18. Es finden sich aber auch einige andere Typen, etwa solche, die dem Hautwarzenvirustyp 2 verwandt sind, zum Beispiel Typ 27 und Typ 57. Auch bei Speiseröhrenkrebs hat man den Verdacht, daß Papillomviren eine Rolle spielen. Dort hat man jedoch bisher noch keine Viren gefunden.
Voraussetzung für die Entdeckung solcher Zusammenhänge ist eine genaue Typisierung der gefundenen Viren – eine aufwendige Arbeit, für die im Deutschen Krebsforschungszentrum das Referenzzentrum für humanpathogene Papillomviren eingerichtet wurde. Es wird von Frau Dr. Ethel-Michele de Villiers geleitet und ist international das einzige seiner Art. Im Prinzip sind hier alle HPV-Typen vorhanden, und viele von ihnen hat man im Zentrum selbst isoliert und charakterisiert. Bisher wurden weltweit insgesamt 77 Genotypen identifiziert, und man geht davon aus, daß es mehr als 100 HPV-Typen gibt.


Lange Zeitspanne bis zur Krebsentstehung
Wie zur Hausen darlegt, haben die letzten Jahre eine Reihe von neuen Erkenntnissen gebracht, die erklären, warum zwischen der Infektion mit dem Virus und dem Auftreten der entsprechenden Krebserkrankung so lange Zeitspannen vergehen – beim Zervixkrebs in der Regel 20 bis 30 Jahre. Die meisten infizierten Männer, aber auch der größte Teil der betroffenen Frauen, entwickeln nie in ihrem Leben Krebs. Zur Hausen und seine Mitarbeiter haben vor einiger Zeit errechnet, daß etwa sechs Prozent aller Frauen, die mit HPV 16 infiziert sind, später an Krebs erkranken. Offensichtlich kann das Immunsystem einen Teil dieser Infektionen eliminieren. Bei Personen, die über lange Zeiträume infiziert bleiben, können außerdem die betroffenen Zellen das Virus unter Kontrolle halten. Mutationen im Erbgut der Zelle können jedoch bewirken, daß diese Kontrolle ausfällt. Das erlaubt eine verstärkte Expression und eine intensivierte Funktion der Virus-Onkoproteine, die wiederum die Progredienz zum malignen Tumor bewirken. Bei den Typen 16 und 18 kann das Virus selbst die Veränderungen in der Wirts-DNA induzieren. Beim Hautkrebs, wo Viren vorherrschen, die vermutlich zur Niedrig-risiko-Gruppe gehören und für die Wirtszellen nicht mutagen sind, ist möglicherweise das Sonnenlicht für die Schädigung des zellulären Erbguts verantwortlich. Zur Zeit analysiert man die Mechanismen, die das Virus in Schach halten. Vermutlich handelt es sich um zwei verschiedene zelluläre Signalwege. Erst wenn beide gestört sind, kann es zu einer Entartung kommen. Darum vergehen auch zwischen der Infektion mit HPV und dem Auftreten eines Tumors so viele Jahre: Es müssen sich erst mehrere spezifische Mutationen im Erbgut der Zelle anhäufen.


Impfstoff in greifbarer Nähe
Aus medizinischer Sicht ist nach Meinung von zur Hausen besonders interessant, daß sich die Papillomviren vermutlich sehr gut für eine Vakzinationsprävention eignen. Wissenschaftler anderer Arbeitsgruppen konnten so in Tierversuchen, zum Beispiel mit Kaninchen, die Infektion mit Papillomviren und eine spätere Karzinogenese verhindern. Diese Ergebnisse legen nahe, daß auch beim Menschen eine Impfung mit virusähnlichen Partikeln prophylaktisch wirken könnte.
Dabei handelt es sich um die Strukturproteine des Virus, die in gentechnisch veränderten Zellen hergestellt werden. Zur Hausen sieht eine realistische Chance, nicht nur die Inzidenz der Zervixkarzinome ganz dramatisch zu senken, sondern auch die prämalignen Vorstufen des Krebses in wesentlichem Umfang zu verhindern. Bei Verwendung der beiden Typen 16 und 18 könnte man theoretisch 70 bis 80 Prozent aller Cervixkarzinome verhüten sowie vermutlich etwa 40 bis 50 Prozent der Penis- und Vulvakarzinome und 60 bis 70 Prozent der Analkrebserkrankungen.
Weltweit wird zur Zeit an verschiedenen Stellen an solchen Impfstoffen gearbeitet. Zur Hausen geht davon aus, daß sie im kommenden Jahrzehnt zur Verfügung gestellt werden können und auch angewendet werden. Neben der Hepatitis-B-Vakzine wäre dies ein zweiter relativ spezifischer "Krebsimpfstoff". Noch in diesem Jahr laufen Phase-I-Studien mit solchen Vakzinen an. Die Heidelberger sind zum Beispiel zusammen mit einer amerikanischen Firma an einer solchen Untersuchung in den USA beteiligt. Dr. Ingrid Glomp

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