ArchivDeutsches Ärzteblatt23/2004Hochschulmedizin: Klasse statt Masse

POLITIK

Hochschulmedizin: Klasse statt Masse

Dtsch Arztebl 2004; 101(23): A-1631 / B-1357 / C-1307

Richter-Kuhlmann, Eva

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LNSLNS Neue Strukturen sollen an den Medizinischen Fakultäten für mehr Exzellenz und Wissenschaftlichkeit sorgen. Die Krankenversorgung soll gegenüber der Forschung zurücktreten.

Es ist mir klar, dass wir keine dünnen Bretter bohren“, räumt Prof. Dr. med. Karl Max Einhäupl ein. Der Vorsitzende des Wissenschaftsrates, von Hause aus Neurologe, erhält allerdings nicht nur Zuspruch von den Medizinischen Fakultäten, wenn er sein Ziel propagiert: die Umstrukturierung der Hochschulmedizin, hin zu mehr Wissenschaftlichkeit und einem Primat der Forschung. „Es herrscht ein enormer Wirtschaftlichkeitsdruck in den Kliniken. Wissenschaftler haben es in den Leitungsgremien schwer, sich gegen Verwaltungsökonomen durchzusetzen“, erklärt Einhäupl die Widerstände. Durch bestehende Verträge sei ferner eine flexible Anpassung der Gehälter für Forscher kaum möglich. Und nicht zuletzt würden „Besitzstandswahrer“ an den Medizinischen Fakultäten unvermindert an der Hauptaufgabe „Krankenversorgung“ festhalten.
Das Konzept des Wissenschaftsrates zur Umgestaltung der Medizinischen Fakultäten sieht indes ganz anders aus. Nicht die Krankenversorgung, sondern die Wissenschaft soll im Mittelpunkt der Arbeit der Fakultäten stehen. Weniger Mittelmaß, mehr Exzellenz. Wenn Deutschland nicht den Anschluss in der internationalen medizinischen Forschung verlieren wolle, müssten jetzt die Strukturen des 19. Jahrhunderts fallen, erklärt das Beratergremium von Politik und Forschung. Leistungsbezogenheit, Wissenschaftlichkeit und Exzellenzförderung waren denn auch die Schlagworte, auf die sich der Wissenschaftsrat, die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) und das Bun­des­for­schungs­minis­terium beim gemeinsamen Workshop zur Zukunft der Hochschulmedizin am 10. und 11. Mai in Berlin eingeschworen haben.
Auf dem Gebiet der medizinischen Forschung besteht in Deutschland noch Nachholbedarf. Darüber waren sich die Teilnehmer der „Zukunftstagung“ einig. Zwar gebe es hierzulande viele hervorragende Forscher, doch international würden nur wenige zitiert. Medizinische Forschung, vor allem Grundlagenforschung, finde meist außeruniversitär statt, kritisierte Einhäupl. Deshalb würden die deutschen medizinischen Fakultäten international kaum wahrgenommen. Der Vergleich mit anderen Ländern zeigt: Während in den USA Klinikforscher 80 Prozent ihrer Zeit tatsächlich mit Forschung verbringen, bestimmt die Krankenversorgung das Tätigkeitsfeld der deutschen Universitätsärzte. Häufig erst nach Feierabend widmen sich Kliniker zusätzlich der Forschung. „So haben wir keine Chance“, steht für Einhäupl fest.
Darüber, wie die Forschung an den Medizinischen Fakultäten effizienter zu gestalten sei, hat der Wissenschaftsrat dezidierte Vorstellungen. Festgehalten sind sie in den „Empfehlungen zu forschungs- und lehrförderlichen Strukturen in der Universitätsmedizin“. Darin propagiert das Beratergremium vor allem eine stark leistungsbezogene Mittelverteilung. Während bislang nur etwa drei Prozent des Landeszuschusses leistungsabhängig vergeben würden, sollten künftig 40 Prozent auf diese Weise verteilt werden. Spitzengehälter für Spitzenforscher. Auch die Lehre müsse leistungsbezogen honoriert werden.
Die zweite Forderung des Wissenschaftsrates ist die Trennung der Karrierewege zum Arzt beziehungsweise zum forschenden Mediziner. Diese Trennung dürfe allerdings nicht strikt und undurchlässig sein, erklärt Einhäupl. Dennoch müsse früher und reflektierter entschieden werden, in welche Richtung sich ein Mitarbeiter entwickelt. „Ansonsten haben wir bald weder gute Ärzte noch hervorragende Forscher.“ Mediziner, die sich für den Karriereweg zum Kliniker entscheiden, sollen nach einer diplomähnlichen Arbeit den Titel „Medizinischer Doktor“ verliehen bekommen. Forscher indes müssen eine den Naturwissenschaften vergleichbare Arbeit zur Erlangung des Titels „Dr. med.“ vorlegen.
Während die Vorschläge bei Teilen der Ärzteschaft auf Widerstand stoßen, läuft der Wissenschaftsrat bei der DFG damit offene Türen ein. „Eine eierlegende Wollmilchsau gibt es in der Tat nicht“, bestätigte Prof. Dr. med. Johannes Dichgans, Vizepräsident der DFG. Forscher und Kliniker könnten künftig wohl in einem Department vereint sein, aber nicht mehr in einer Person. „Ein Ordinarius alten Zuschnitts kann heutzutage kein guter Forscher mehr sein.“ Dazu seien die Anforderungen zu komplex.
Ein dritter wesentlicher Kritikpunkt des Wissenschaftsrates ist die Nachwuchsförderung. „Die derzeitigen Betreuungsverhältnisse sind unerträglich“, sagt Einhäupl. In „kleinen und feinen“ Einheiten müsse der Nachwuchs gefördert werden. Dazu gehört nach Ansicht des Wissenschaftsrates und der DFG auch die Einrichtung von Graduierten- und Postgraduiertenschulen.
Mit der Nachwuchsförderung beschäftigte sich auch die diesjährige Jahresversammlung der Hochschulrektorenkonferenz (HRK) am 3. Mai in Berlin. „Wir brauchen Strukturen für die individuelle Förderung von begabten jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die die deutschen Hochschulen im internationalen Werben um hoch begabte junge Leute attraktiver machen“, erklärte Prof. Dr. med. Peter Gaethgens. Bisher böten die Hochschulen dem akademischen Nachwuchs zu wenig Perspektiven. Der Vorsitzende der HRK schlug daher ebenfalls die Einrichtung von Kollegs und Graduiertenschulen, die eigenständige Auswahl der Studierenden und Promovierenden durch die Hochschulen sowie eine verstärkte Schaffung von Qualifizierungsstellen vor. Dabei appellierte er an den Gesetzgeber und die Länder, den Hochschulen mehr Autonomie zuzugestehen und die Ausgaben für Bildung und Forschung zu erhöhen oder zumindest die Hochschuletats nicht weiter abzusenken.
Bundeskanzler Gerhard Schröder äußerte sich am 3. Mai aufgeschlossen gegenüber den Forderungen, wurde aber wenig konkret. Die Schaffung bestmöglicher Bedingungen für Forschung und Lehre sei eine „nationale Aufgabe“, sagte er.
Bun­des­for­schungs­minis­terin Edelgard Bulmahn lobte indes die Forschungspolitik der Bundesregierung. Der Anteil der Ausgaben für Forschung und Entwicklung am Bruttoinlandsprodukt (BIP) sei von 2,31 Prozent im Jahr 1998 auf aktuell 2,52 Prozent gewachsen. „Wir wollen bis 2010 einen Anteil von drei Prozent am BIP erreichen“, betonte die Ministerin jüngst bei der Vorstellung des Bundesforschungsberichts 2004. Dr. med. Eva A. Richter-Kuhlmann
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