ArchivDeutsches Ärzteblatt23/2004Selbstmord: Ein Wort, das es nicht geben sollte

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Selbstmord: Ein Wort, das es nicht geben sollte

Dtsch Arztebl 2004; 101(23): A-1652 / B-1374 / C-1324

Helmich, Peter

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Den Tod-Unglücklichen, Depressiven oder wahnhaft Gestörten gebührt Respekt, Mitgefühl, Verstehen und therapeutisches Bemühen. Foto: DAK/Wigger
Den Tod-Unglücklichen, Depressiven oder wahnhaft Gestörten gebührt Respekt, Mitgefühl, Verstehen und therapeutisches Bemühen. Foto: DAK/Wigger
Der Autor des Beitrags plädiert dafür, den Begriff Selbstmord durch die wertfreie Bezeichnung Selbsttötung zu ersetzen.

Tausende Menschen töten sich in jedem Jahr in Deutschland selbst. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes sank zwar die Anzahl der Suizide von 18 711 Fällen im Jahr 1982 um 40,3 Prozent auf 11 163 im Jahr 2002, wobei allerdings von einer Dunkelziffer von mindestens 25 Prozent ausgegangen wird. Die meisten Menschen, die sich selbst töten, sind Kranke, die ihr Leid, ihre Not, Verzweiflung und/oder subjektiv erlebte Wertlosigkeit nicht mehr ertragen können. Eine über Monate gewachsene Suizidalität, Verlust von Hoffnung und Vertrauen lässt sie in ihrer Einsamkeit als einzige Möglichkeit die Selbsttötung wählen. Kraft und Willen zum Weiterleben sind verloren gegangen. Nahe Angehörige, Freunde, Nachbarn und Ärzte haben die Signale der Not und Ausweglosigkeit nicht erkannt und konnten mögliche Hilfe nicht einbringen.
Gibt es jemanden, der so blind, ungerecht und sprachlich falsch programmiert bleiben möchte, dass er diese Menschen „Selbstmörder“ nennt? Den Tod-Unglücklichen, Depressiven oder wahnhaft Gestörten gebührt Respekt, Verstehen, Mitleid und therapeutisches Bemühen; ihre Angehörigen bedürfen und verdienen Mitgefühl, Hilfe bei ihrer schweren Trauerarbeit wie beim Umgang mit den so häufigen unausgesprochenen Schuldgefühlen. Kein Wort ist unangemessener als „Selbstmord“ für ein solches Schicksal.
Mit dem Wort und wertfreiem Begriff der Selbsttötung kann und soll das Unwort „Selbstmord“ entfernt und gestrichen werden. Für die Fachsprache hat sich das Wort Suizid etabliert; es ist abgeleitet vom lateinischen Wort caedere (töten, niederstechen, schlachten, totmachen); der lateinische Wortstamm gibt unterschiedliche Wertungen wieder. Dies zeigt sich auch im Begriff Genozid (Völkermord), der wahren Mord meint. In Wissenschaft und Fachsprache ist jedoch eine zweifelsfreie wertneutrale „Selbsttötung“ gemeint.
Das Grundgesetz garantiert ein Leben in Freiheit, Selbstbestimmung und Würde. Zum Leben gehören Sterben und Tod. Deshalb ist im deutschen Gesetz und Recht eine Selbsttötung straffrei und kein Gegenstand des Strafgesetzes. Tötungsdelikte nach dem Strafrecht richten sich ausnahmslos gegen andere. Eindeutig und zweifelsfrei ist die gesetzliche Definition eines Mörders: „... wer aus Mordlust, zur Befriedigung des Geschlechtstriebs, aus Habgier oder sonst aus niedrigen Beweggründen, heimtückisch, grausam oder mit gemeingefährlichen Mitteln oder um eine andere Straftat zu ermöglichen oder zu verdecken, einen Menschen tötet.“ (Strafgesetzbuch [StGB] § 211)
Im StGB ist die Pflicht zum Verhindern von beziehungsweise zum Eingreifen bei Selbsttötung definiert: Unterlassen ist ein Tötungsdelikt;
als Grenze der Behandlungspflicht nennt das StGB „die Menschenwürde“.
Beim Hungerstreik ist eine Zwangsernährung zulässig, aber es gibt keine Pflicht zur Zwangsernährung.
Bedeutsam ist, dass im Gesetz keine grundsätzliche Pflicht zur Verhinderung einer Selbsttötung gefordert wird. Das Gesetz setzt für diese Pflicht eine Handlungsunfähigkeit des Suizidenten voraus. Es gilt der Grundsatz, dass es – vor allem auch für Ärzte – „... keine Rechtspflicht zur Erhaltung eines verlöschenden Lebens um jeden Preis ...“ gibt. Der Bundesgerichtshof (BGH) hat in seiner Rechtsprechung 1985 eine Unterscheidung von „Normal- und Suizidpatienten“ vorgenommen, wobei den Suizidenten ein grundsätzliches Selbstbestimmungsrecht in einer Einzelfallentscheidung abgesprochen wurde.
Am 17. März 2003 hat der BGH mit seinem Urteil der Selbstbestimmung im Sterbeprozess einen zweifelsfreien Rechtsanspruch vermittelt: „... Ist ein Patient einwilligungsunfähig und hat sein Grundleiden einen irrreversiblen tödlichen Verlauf angenommen, so müssen lebenserhaltende oder -verlängernde Maßnahmen unterbleiben, wenn dies seinem zuvor – etwa in Form einer so genannten Patientenverfügung – geäußerten Willen entspricht. Dies folgt aus der Würde des Menschen, die es gebietet, sein in einwilligungsfähigem Zustand ausgeübtes Selbstbestimmungsrecht auch dann noch zu respektieren, wenn er zu eigenverantwortlichem Entscheiden nicht mehr in der Lage ist. Nur wenn ein solcher erklärter Wille des Patienten nicht festgestellt werden kann, beurteilt sich die Zulässigkeit solcher Maßnahmen nach dem mutmaßlichen Willen des Patienten, der dann individuell – also aus dessen Lebensentscheidungen, Wertvorstellungen und Überzeugungen – zu ermitteln ist ...“.
Die Verpflichtung, eine palliativmedizinische Betreuung unheilbar Kranker und Sterbender zu etablieren, bleibt von diesem BGH-Urteil unberührt. Nach dem Urteil jedoch resultiert für die Ärzteschaft eine Informationspflicht
zu Möglichkeiten einer individuellen, selbstbestimmten Gestaltung eines irreversiblen Sterbeprozesses. Die Behandlung eines einwilligungsfähigen Patienten gegen dessen geäußerten Willen ist strafbare Körperverletzung. Es ist eine ernste, bis heute unbefriedigend wahrgenommene Aufgabe der Ärzteschaft, jeden Erwachsenen, insbesondere ältere und alte Menschen, in entscheidungsfähigem Zustand über Betreuungsvollmacht und Patientenverfügung zu informieren, auch ungefragt, um ihre Selbstbestimmung wie ihren Willen zur Geltung zu bringen für Situationen einer Einwilligungsunfähigkeit durch Krankheit beziehungsweise Unfall.
Die ethische Bewertung einer Selbsttötung schwankt seit Jahrtausenden zwischen schärfster Verurteilung bis hin zur Verherrlichung. Ihre Häufigkeit ist im Vergleich von Kulturen, Ländern und in definierten Zeiträumen unterschiedlich. Das Christentum verwarf die Selbsttötung von Anfang an als sündhaften Eingriff in die göttliche Schöpfungsordnung: Nur Gott kann Leben schenken und nehmen. Ungeachtet dessen gingen Christus und in seiner Nachfolge die Märtyrer sehenden Auges und aus freien Stücken in den sicheren Tod. Die christliche Religion mit ihrer Verurteilung und Bestrafung einer Selbsttötung, die bis zum Verbot einer kirchlichen Friedhofbeerdigung ging, hat sicherlich bis heute zum alltagssprachlichen Gebrauch des Wortes „Selbstmord“ beigetragen. Die gegenwartsnahen christlichen Kirchenordnungen sehen ein kirchliches Begräbnis vor. Die pastoralen Agenden enthalten besondere Entwürfe für Selbsttötungen, die auf ein „Gewissen zur Mitverantwortung für den in Not befindlichen Bruder“ hinweisen. Abschließend: Es darf das Wort Selbstmord nicht mehr geben! Prof. Dr. med. Peter Helmich
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