ArchivDeutsches Ärzteblatt48/1996Michelangelos „Erschaffung Adams“ - Eine Spekulation: Einheit von Geist und Körper

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Michelangelos „Erschaffung Adams“ - Eine Spekulation: Einheit von Geist und Körper

Dtsch Arztebl 1996; 93(48): A-3177 / B-2558 / C-2310

Baur, Xaver; Allmers, Henning; Baur, Cornelia

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LNSLNS Nach einer neuen Interpretation, die im folgenden Beitrag vorgestellt wird, hat Michelangelo erstmalig den menschlichen Geist auf dessen (neuro)anatomischer Grundlage in Verbindung mit Gott dargestellt. So weist die Darstellung Gottes in der "Erschaffung Adams", ein 2,80 x 5,70 m großes Teilfresko im Gewölbe der Sixtinischen Kapelle, bemerkenswerte Gemeinsamkeiten mit einem Längsschnitt durch das menschliche Gehirn auf. Außerdem lassen sich noch weitere anatomische Strukturen erkennen. So wird das Leibliche des Menschen durch das Herz symbolisiert.


Eine Interpretation der "Erschaffung Adams" unter Bezug auf anzunehmende neuroanatomische Kenntnisse Michelangelos veröffentlichte Meshberger im Journal of the American Medical Association (13). Meshberger zeigt in Gegenüberstellungen vor allem der inneren und äußeren Konturen, daß die Darstellung Gottes bemerkenswerte Gemeinsamkeiten mit einem Längsschnitt durch das menschliche Gehirn aufweist. Er vergleicht dabei die Umrisse des Freskos und der Gottesgestalt mit Zeichnungen aus dem Netter-Atlas. Daß derartige neuroanatomische Kenntnisse damals tatsächlich vorlagen, belegt eine Zeichnung des zeitgleich wirkenden Leonardo da Vinci (Titelbild). Bei genauer Analyse des Teilfreskos zeigt sich, daß das Gehirn nicht die einzige anatomische Struktur ist, die man hier erkennen kann. Auch die innerhalb dieses Bildes unmittelbar benachbarte und durch die vielbeachteten Finger des Schöpfers und Adams verbundene Darstellung weist auffallende anatomische Strukturmerkmale auf (Titelbild). Die Umrisse, in denen sich Adam befindet, und die Figur des Jünglings, die neben Adam im Übergang zum benachbarten Teilfresko plaziert ist, lassen sich interpretieren als Strukturen des Herzens mit Darstellung der Vorhöfe, der Mitral- und Trikuspidal-Klappen und dem Ansatz der Hauptkammern (Abbildungen a – d).
Dieser Deutung liegen folgende Annahmen zugrunde:
¿ Zum Zeitpunkt der Entstehung des Mammutgemäldes in der Sixtinischen Kapelle (1508 bis 1512) durch den damals 33- bis 37jährigen Meister hatte wohl nur eine Handvoll Menschen genauere Kenntnisse von den anatomischen Strukturen innerer Organe einschließlich des Gehirns. Damals geriet gerade die über nahezu 15 Jahrhunderte gültige Vorstellung vom menschlichen Körper, die zu einem wesentlichen Teil auf den griechischen Arzt Galen (131 bis etwa 201) zurückging, ins Wanken (20).
Etwa seit Anfang des 15. Jahrhunderts erfolgten an der Universität in Padua Autopsien. Antonio Benivieni (1440 bis 1502) hatte dort bereits zahlreiche klinische Berichte inklusive 20 Autopsieprotokolle verfaßt (4, 20). Detaillierte, zunächst aber unter Verschluß gehaltene anatomische Zeichnungen und Beschreibungen stammten unter anderem von Leonardo da Vinci (1452 bis 1519) (7, 8, 16). Sowohl Leonardo da Vinci als auch Michelangelo nahmen selbst Sektionen vor, welche damals zum Teil als Blasphemie angesehen und geahndet wurden.
Michelangelo studierte ebenso wie Leonardo da Vinci jahrelang akribisch den Aufbau des menschlichen Körpers, erfaßte Funktionen und Zusammenspiel von Muskeln und Knochen und wendete die gewonnenen Kenntnisse in seinen Werken an. Dies gilt für die differenzierte Darstellung der Bewegungsmechanik, die gleichzeitig zum Ausdruck der dramatischen Konflikte der Seele wurde (9, 12, 15, 17). Er schrieb später, daß bei ihm das Bewußtsein vom Nutzen der Anatomie in ein Interesse an der Sache selbst überging, obwohl dieses Interesse der Kunst stets untergeordnet blieb (1). Detailliertes anatomisches Wissen wird in zahlreichen seiner Werke deutlich, so zum Beispiel in einem Akt für die "Schlacht bei Dascina" (etwa 1504), in der berühmten David-Statue (1501 bis 1504), im toten Christus der Pieta in St. Peter (1498 bis 1499), in der Studie für den Haman in der Sixtinischen Kapelle (1511), in der Zeichnung "Die Auferstehung" (1513 bis 1516) und auch im Grabmal Giuliono de Medici (begonnen 1521) (1, 4, 8). Sein offizieller Biograph Ascanio Condivi berichtet, daß Michelangelo oft daran dachte, ein anatomisches Lehrbuch für Maler und Bildhauer zu verfassen (1, 11).
À Das damalige philosophisch-religiöse Weltbild war noch stark von Dogmen geprägt. Michelangelo besaß nicht nur einzigartige Fähigkeiten als Maler und Bildhauer. Er muß darüber hinaus als Freigeist gesehen werden, der sich an das einengende dogmatische Denken nicht gebunden fühlte. Es ist bekannt, daß er häufig mit Gelehrten seiner Zeit im Haus von Lorenzo de Medici zusammentraf, das heißt, er war beeinflußt und mitgeprägt von dem neuen Weltbild und Denken der Renaissance, die in Rückbesinnung auf griechischrömische Vorstellungen Individualität, schöpferisches Potential und göttliche Würde des Menschen in den Vordergrund rückte. Á Dieses, sein eigenes Weltbild konnte und durfte er aber nicht direkt mitteilen. Sein Auftraggeber, kirchliche Würdenträger (beispielsweise gab Papst Julius II. den Auftrag zum Ausmalen der Sixtinischen Kapelle), Fürsten, Städte, von denen er abhängig war, hätten derartiges als provokativ oder sogar als Gotteslästerung empfunden und nicht akzeptiert.
 Michelangelo wollte aber möglicherweise seine Kenntnisse über die Anatomie und Funktion des menschlichen Körpers und seine dadurch mitgeprägten und darüber hinausgehenden Gedanken aufklärend der Welt mitteilen. Er tat dies wohl in einer Art Geheimschrift.
Michelangelo hat erstmalig den menschlichen Geist auf dessen neuro-anatomischer Grundlage in Verbindung mit Gott dargestellt. Der menschliche Geist/Gott steht in direkter Interaktion mit dem das Leibliche des Menschen symbolisierenden Herzen, dem Zentrum des Körperlichen, und zwar auf gleichwertiger Ebene. Gehirn und Herz werden also als die zentralen, über die Hände und Finger der beiden Personen verbundene Organe, als Einheit von Geist und Körper begriffen. Wie alle italienischen Humanisten der Renaissance teilte Michelangelo das im Katholizismus noch heute vorherrschende Verständnis des Menschen als Einheit von Geist, Körper und Seele. Wahrscheinlich will Michelangelo die Erschaffung des Menschen als seine Beseelung durch Gott darstellen: sein Körper wird mit göttlichem Geist beseelt, belebt, der unsterblich ist.
Eine weniger wahrscheinlich vorkommende Interpretation von Michelangelos Teilfresko lehnt sich an die Deutung Oskar Pisters des Leonardo da Vinci-Bildes "Heilige Anna Selbstdritt" an (zitiert in Sigmund Freud: Eine Kindheitserinnerung des Leonardo da Vinci [6]). Pister sieht hier die Konturen und den Kopf eines Geiers, Symbol der Mütterlichkeit, als vom Meister selbst unbewußt inszeniertes Vexierbild im Zentrum.
Es ist vorstellbar, daß in den Konzeptionen von Michelangelos Werken dessen anatomische Kenntnisse und Weltbild unbewußt Eingang fanden und damit in einer mehr allgemein zu verstehenden Form zur Darstellung kamen.
Wahrscheinlich hat Michelangelo sein detailliertes Anatomie-Verständnis in weitere Bilder unbewußt oder bewußt eingearbeitet. So erinnert ein anders Teilfresko an der Decke der Sixtinischen Kapelle an Föten, Uterus und Plazenta (vgl. auch die zeitgleich entstandenen umfangreichen anatomischen Zeichnungen zur Embryonal- und Fötusentwicklung von Leonardo da Vinci; 7, S. 96 – 97).
Eine kritische systematische Analyse der Gemälde Michelangelos könnte zu einer Neubewertung eines Teils des Lebenswerkes dieses Genius führen, vielleicht aber auch Steinbergs (19) Kritik an fachspezifischer Kunst- (Über-)Interpretation bestätigen.
Literaturverzeichnis im Sonderdruck


Wir danken Frau Prof. I. Müller, Leiterin des Instituts für Geschichte der Medizin, Ruhr-Universität Bochum, für Literaturhinweise und wertvolle Anregungen sowie Frau U. Ries, Institut für Kunstgeschichte, RuhrUniversität, Bochum, Frau C. Weichsel und Frau I. Holberg für die Anfertigung der Abbildungen und Grafiken.


Anschrift für die Verfasser:
Prof. Dr. med. Xaver Baur
Berufsgenossenschaftliches Forschungsinstitut für Arbeitsmedizin/Institut an der Ruhruniversität Bochum
Bürkle-de-la-Camp-Platz 1
44789 Bochum

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1.Beck J, Michelangelo - A lesson in anatomy, Phaidon Press Limited, London, 1975
2.Berger J, Zwischen geöffneten Schenkeln - Michelangelos männliche Phantasie, gebären zu können, aus dem Englischen von Jürgen Bolmes, Frankfurter Rundschau, 23. 03. 1996
3.Der neue Michelangelo: Wiedergeburt der wahren Farben in der Sixtinischen Kapelle. Bd. 3: Die Deckenfresken von der Erschaffung Evas bis zum Propheten Jonas über der Altarwand. Faksimile Verlag, Luzern, 1991
4.Elkins J, Michelangelo and the human form: his knowledge and use of anatomy. Art history, 1984; 7: 176- 186
5.Faller A, Der Körper des Menschen - Einführung in Bau und Funktion. Georg Thieme Verlag, Stuttgart, 1988; S. 88
6.Freud S, Eine Kindheitserinnerung des Leonardo da Vinci. S. Fischer Verlag, Frankfurt, 1990; S. 114-115
7.Grewenik M M, Letze O, Leonardo da Vinci. Historisches Museum der Pfalz, Verlag Gerd Hatje, Speyer, 1995
8.Lyons A S, Die Geschichte der Medizin im Spiegel der Kunst. DuMont Buchverlag, Köln, 1980; S. 399-415
9.Hensinger L, Michelangelo, Leben und Werk in chronologischer Folge. Becocci Editore, Officine Grafiche, Florenz
10.Herlinger R, Geschichte der medizinischen Abbildungen, von der Antike bis um 1600. Heinz Moos Verlag, München, 1967; S. 74
11.Hinderberger H, Michelangelo - Lebensberichte, Briefe, Gespräche, Gedichte. Manesse Verlag, Zürich, 1985
12.Liebert R S, Michelangelo: a psychoanalytic study of his life and imgages. New Haven, Yale University Press, 1983
13.Meshberger F C, An interpretation of Michelangelo's creation of Adam based on neuroanatomy. JAMA 1990; 264: S. 1837-1841
14.Nardini B, Michelangelos esoterische Weisheit. Urachhaus Verlag, Stuttgart, 1985; S. 20-21
15.Oremland J D, Michelangelos Sistine ceiling: psychoanalytic study of creativity. Madison, 1988
16.Roberts K B, Tomlinson J D W, The fabric of the body. European traditions of anatomical illustration. Clarendon Press, Oxford, 1992
17.Schmidt H, Schadewaldt H, Michelangelo und die Medizin seiner Zeit. Schattauer, Stuttgart, 1965
18.Sobotta J, Becher H, Atlas der Anatomie des Menschen. Urban & Schwarzenberg, München 1962, Bd. 3, S. 37
19.Steinberg L, Michelangelo and the doctors. Mull Hist Med, 1982; 4: S. 543-553
20.Töllner R, Illustrierte Geschichte der Medizin. Andreas & Andreas Verlagsbuchhandlung, Stuttgart 1986; Bd. 2: S. 1077

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