POLITIK: Kommentar

Arzt und Patient: Nil nocere

Dtsch Arztebl 2004; 101(24): A-1708 / B-1422 / C-1370

Jakob, Alexander H.

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Betrachtungen zu einem Leitprinzip der Medizin

Sowohl die Medizin als auch das Gesundheitswesen sind in ständiger Expansion und Progression begriffen. Über Jahrzehnte sah es so aus, als würde die Wissenschaft in absehbarer Zeit nicht an ihre Grenzen stoßen. In der Entwicklung einer zunehmend apparativen Medizin boten sich neue faszinierende diagnostische und therapeutische Optionen. Der Fortschritt war immens. Nach anfänglicher Begeisterung wuchs jedoch mit der Zeit auch die Zahl der Warner, die einen verantwortungsvollen Umgang mit den zahlreichen Möglichkeiten forderten, in deren Mittelpunkt der Patient stand und dem das Schutzschild des „nil nocere“ vorgehalten wurde, einem seit langem postulierten Prinzip, das allmählich wieder in den Mittelpunkt gerückt wurde.
Betrachtet man diese grundlegende medizinische Leitlinie in ihrer Konsequenz, so wird man einräumen müssen, dass es in den vergangenen Jahren zahlreiche Diskussionen gab, bei denen – im Nachhinein bewertet – die therapeutischen und diagnostischen Belangen dieser Maxime eher im Hintergrund standen.
Parallel zur Fortentwicklung der modernen Medizin ist auf der anderen Seite das Phänomen des mündigen Patienten zu konstatieren. Aus anfänglicher Direktivität entwickelte sich mehr und mehr eine Partnerschaft zwischen einem beratenden Spezialisten auf der einen und einen selbst bestimmenden Patienten auf der anderen Seite. So weit das Ideal einer therapeutischen Beziehung. Es gibt jeoch viele Störfaktoren – so zum Beispiel die zunehmende Hinterfragung ärztlicher Kompetenz und die allgemeine Negativierung des ärztlichen Standes in der Gesellschaft. Letzteres wurde vor allem befördert durch das multimediale Blitzlichtgewitter, in dem Sensations- und Schreckensmeldungen zum Gefecht einander gegenübergestellt wurden.
Unterdessen ist die Zahl der Patienten, die in falsch verstandener Mündigkeit medizinische Wege selbst beschreiten, stetig gewachsen. Sind wir Ärzte nicht in der Lage loszulassen, wie zum Beispiel Eltern ihr erwachsen gewordenes Kind der Selbstständigkeit überlassen sollten? Hier rückt wieder das Grundprinzip des „nicht schaden“ in den Brennpunkt: Der Patient hat nur vordergründig die Verantwortung für jenen Schaden übernommen, der ihm möglicherweise entstehen kann, denn er kann das Leitprinzip medizinischen Handelns nur bedingt in das eigene Denken und Handeln integrieren.
Unverändert gilt, dass der Heilkundige die Hauptverantwortung übernimmt. Der Arzt muss den Patienten über einen möglichen Schaden aufklären und gerade damit die Patientenmündigkeit stärken. Eine solche Vorgehensweise wird das Ansehen des ärztlichen Berufsstandes nicht schädigen, sondern mehr erhalten und fördern.
Aktuell, unter den Bedingungen eines gestärkten Überweisungssystems in Anlehnung an das Primärarztmodell, wird deutlich, wie wichtig eine verantwortungsvolle Partnerschaft ist und wie leicht es immer noch ist, dass dem Patienten durch falsch verstandene Freiheiten Schaden zugefügt wird. Als Beispiel seien hier nur die Psychosomatosen zu nennen.
Greift man die zunehmend häufiger auftretenden Angststörungen heraus, so reicht der Radius der Schadensmöglichkeiten hier von der Banalisierung bis hin zur Überdiagnostik mit einer unter Umständen invasiven und risikoreichen Diagnostik, wie etwa Koronarangiographien bei Herzphobien. Beides führt oft zur Chronifizierung der Beschwerden. Es lohnt sich also, erneut den Blick auf diesen Leitsatz zu lenken, der unser Denken und Handeln lenken sollte. Dr. med. Alexander H. Jakob
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