THEMEN DER ZEIT

Psychoanalyse und Politik: Das Unbehagen für kritische Aufklärung nutzen

PP 3, Ausgabe Juni 2004, Seite 275

Richter, Horst-Eberhard

Mit dem von Sigmund Freud (1938 an seinem Schreibtisch in Hampstead) revidierten Menschenbild drang die Psychoanalyse am Anfang offensiv in viele gesellschaftliche Bereiche ein. Foto: Picture-alliance/akg-images
Mit dem von Sigmund Freud (1938 an seinem Schreibtisch in Hampstead) revidierten Menschenbild drang die Psychoanalyse am Anfang offensiv in viele gesellschaftliche Bereiche ein. Foto: Picture-alliance/akg-images
Ein historischer Abriss über das ambivalente Verhältnis
der Psychoanalytiker zu Gesellschaft und Politik

Psychoanalyse hat, ob sie es will oder nicht, von vornherein mit Politik zu tun. Das weiß die Politik oft besser als die Psychoanalyse. So dulden Diktaturen nirgends auf der Welt Psychoanalyse, da sie ihr Verlangen nach gefügigen Untertanen gefährden könnte. Auch in Demokratien wirken sich politische Einflüsse restriktiv aus. Die Menschen sollen sich mit Sozialabbau, viele mit Arbeitslosigkeit, beschwerdenfrei zurechtfinden, die Umbrüche und Unverlässlichkeiten der modernen Ökonomie sollen sie mit robuster psychischer Flexibilität bewältigen. Wenn Jugendliche mit negativen Zukunftserwartungen nachweislich vermehrt psychosomatische Beschwerden äußern, so soll Psychotherapie helfen, diese Beschwerden wegzubringen. Diese selbst wird nach dem Druck des Kosten-Nutzen-Prinzips bewertet. Sie soll mit geringstem Zeitaufwand maximale Gesundheit produzieren, das heißt Unauffälligkeit und im arbeitsfähigen Alter hohe Leistungsfähigkeit. Der aus der Betriebswirtschaftslehre entlehnte Begriff der Effizienz ist das entscheidende Kriterium. Letztlich geht es um die Brauchbarkeit und die Handhabbarkeit des Menschen.
Psychoanalytiker können sich diesen Zwängen, wie sie es zum Teil auch tun, gefügig anpassen und die Bedeutung dieser Selbsteinschränkung verleugnen. Aber sie bezahlen solches Nachgeben insbesondere, wenn sie es nicht reflektieren, mit Einbußen an sozialer Potenz, an Kreativität sowie mit Rigidisierung ihrer eigenen Strukturen. Die Geschichte der Psychoanalyse stellt diese Problematik anschaulich dar:
In der ersten Generation waren die Psychoanalytiker voller Entdeckungsfreude. Mit dem von Sigmund Freud revidierten Menschenbild drangen sie offensiv in viele gesellschaftliche Bereiche ein. Sie beeinflussten die Kindererziehung, die Schulpädagogik, die Heimpflege und die Kriminologie. In der Reformbewegung der Jugend setzte Siegfried Bernfeld entscheidende Akzente. Manche sahen in sozialistischen Projekten eine sinnvolle Ergänzung der individuellen Therapie.
Freud hatte 1920 mit seiner Arbeit „Massenpsychologie und Ich-Analyse“ zwar den Weg für eine kritische psychoanalytische Sozialpsychologie gewiesen, auf die sich später Wilhelm Reich in seiner Faschismusanalyse stützen konnte. Aber als der Nationalsozialismus zu erkennbarer Bedrohung wurde, versuchte er die Psychoanalyse durch radikale Entpolitisierung vor restriktiven Eingriffen zu schützen. Er billigte die Kompromisse, die den Berliner Analytikern nach Vertreibung der jüdischen Kollegen von den Machthabern aufgenötigt wurden. In Wien hieß er das Verbot für Analytiker gut, sich politisch zu betätigen oder auch nur politisch engagierte Patienten zu analysieren.
Offensichtlich war es Freuds Hoffnung, die Psychoanalyse könne durch Eingrenzung auf eine Art Naturwissenschaft von der Seele sogar unter dem sich verschärfenden politischen Druck überleben. Auf dieser Linie lag 1936 auch die grundlegende Arbeit Heinz Hartmanns über „Psychoanalyse und Weltanschauung“, in welcher dieser lapidar erklärte, der Psychoanalyse stehe keinerlei Urteil über den Wert oder Unwert einer Weltanschauung zu. Sie offenbare nur eine wissenschaftliche Wahrheit und könne in diesem Sinne die kulturgeschichtliche Entwicklung fördern. So verständlich dieser Versuch in der Notsituation war, die Psychoanalyse durch Biologisierung und totale Entpolitisierung vor dem Zugriff der Nazis zu schützen, – die Folgen waren und sind bis heute schwerwiegend.
Ein weitgehend apolitisches Selbstverständnis charakterisiert seitdem den Mainstream der Psychoanalyse. Das machte sich bald auch dadurch bemerkbar, dass die Institute gut angepasste Kandidaten für die Ausbildung bevorzugten. Im angepassten Kandidatentyp spiegelte sich eine angepasste Psychoanalyse wider, die auf ihren internationalen Kongressen jedes gesellschaftskritische Thema vermied.
In den Jahren um und nach 1968 öffnete sich eine in weiten Teilen sensibilisierte akademische Jugend für Ideen der Psychoanalyse. Die Soziologie übernahm die Erkenntnisse vom Unbewussten in ihre Wissenschaft. Die Kriminologie griff auf die Literatur
der psychoanalytischen Kasuistik von Straftäterbiografien zurück, forderte sozial-therapeutische Anstalten und erkämpfte Vorschriften für eine Liberalisierung des Strafvollzugs. Die Medizin erlebte eine Welle von Sympathie für Psychotherapie und Psychosomatik.
Das Kernelement dieser geistigen Strömung, die alle sozialen Berufsgruppen erfasste, war ein neues Menschenbild, zu charakterisieren etwa als das emanzipierte Individuum, befähigt zu einem empathischen Zusammenleben ohne soziale Unterdrückung. Die Wissenschaft Freuds hatte die inneren Prozesse für die Heranbildung einer emanzipierten Persönlichkeit beschrieben, aber dieser Entwicklungsprozess setzte unterstützende gesellschaftliche Strukturen voraus. Weder in der Erziehung noch in der Paarbeziehung, noch in Arbeitsverhältnissen sollten Menschen über Menschen in der Weise herrschen dürfen, dass die Entwicklung individueller Autonomie und eines verantwortungsvollen Gemeinschaftsbewusstseins verhindert würde. Familientherapie, Paartherapie, Gruppentherapie und Gruppendynamik erhielten zumindest in Deutschland entscheidende Impulse aus diesem Reformgeist, der ebenso eine psychologische wie eine politische Dimension hatte.
In diesen Konstellationen war deutlich geworden, dass der psychologische Zugang einer Ergänzung durch konkrete soziale und politische Rahmenbedingungen bedurfte. Psychotherapeuten und Gruppenspezialisten können theoretisch und praktisch exemplarisch aufzeigen, wie Beziehungen zwischen Eltern und Kindern, zwischen Paaren und in Gruppen zum Wohle oder zum Schaden der Einzelnen und ihres Zusammenlebens verlaufen können. Sie können auch geeignete therapeutische oder Selbsthilfe-Interventionen herausarbeiten. Aber entscheidend ist, ob die Gesellschaft auf den Schutz der Schwächeren aus ist, ob sie die Stärkung der Frauenrolle will, ob sie dem Erlernen von Solidarität mehr Gewicht beilegt als der egoistischen Durchsetzung im Ellbogenkampf.
In dieser Reformperiode kam die Politik den Leitvorstellungen der im sozialen Beziehungsfeld arbeitenden Therapeuten eine Weile weit entgegen. Willy Brandt kümmerte sich persönlich um die Finanzierung der Psychiatriereform ab 1975. Er unterstützte die Projekte unter dem Motto: „Humanisierung der Arbeitswelt“, „Compassion“ und „Mehr Demokratie wagen“. Das waren seine Leitvorstellungen, die zu vielen reformerischen psychosozialen Initiativen jener Jahre passten, etwa zu den Projekten in Randschichtgruppen, in der sozialen Psychiatrie, in der Selbsthilfebewegung oder in der Arbeit mit Straffälligen. Nur in Strukturen mit erweiterter Mitbestimmung und Schulung von Mitverantwortung war ein Ziel zu verfolgen, das als eine Hauptlehre aus den Nazi-Erfahrungen schon von dem Psychoanalytiker Ernst Simmel auf einem Antisemitismus-Symposium in San Francisco 1944 formuliert worden war, nämlich die Verhütung jener psychischen Korrumpierbarkeit, deren sich etwa die Nazis zur Organisation ihrer kollektiven Verbrechen hatten bedienen können. Seine These: Nur Menschen, die von Kindheit auf in demokratischen Strukturen in ihrer Mitverantwortung gefordert werden, können ein integriertes Über-Ich ausbilden und dieses gegen Machtträger, die sich als Über-Ich-Substitute anbieten, erfolgreich verteidigen. Psychische Emanzipation braucht Demokratie. Demokratie geht nur mit psychisch emanzipierten Menschen. Dieses wechselseitige Aufeinander-angewiesen-Sein von einer mehr Demokratie wagenden Politik und Menschen, deren psychische Entwicklung eine solche Gesellschaft zu gestalten befähigt, wurde in jenen Reformjahren besonders beherzigt.
Das Leben an den psychoanalytischen Instituten wurde – merkwürdigerweise – kaum von der Studentenbewegung und der Reformstimmung der Willy-Brandt-Ära nennenswert beeinflusst. Die Abschirmung als entpolitisierte Wissenschaft von der Seele, einst als Überlebensstrategie beschlossen, war zum Prinzip geworden.
Diejenigen, die so etwas wie eine alternative Geschichte der politischen Psychoanalyse geschrieben haben, waren allesamt mehr oder weniger Außenseiter in der Deutschen Psychoanalytischen Vereinigung, wenn nicht gar hinausgedrängt oder ausgeschlossen – wie Wilhelm Reich. Den marginalen Status auch Alexander Mitscherlichs konnte die deutsche Öffentlichkeit nicht durchschauen, weil sein hohes öffentliches Ansehen und dasjenige des von ihm gegründeten Sigmund-Freud-Instituts den Eindruck erweckten, als repräsentiere er die Psychoanalyse schlechthin. In Wahrheit betrachtete man ihn innerhalb der psychoanalytical community eher als erfolgreichen Sozialwissenschaftler, Publizisten und Volkspädagogen denn als echten Psychoanalytiker. Aber mit seiner Dokumentation des Nürnberger Ärzteprozesses und mit seinen Arbeiten über Antisemitismus und Vergangenheitsverdrängung war er ein einzigartiges und unentbehrliches Aushängeschild für die Zunft.
Aber noch etwas anderes haben die Pioniere gemeinsam, die durch gesellschaftskritische Beiträge hervorgetreten sind. Alle haben sich auch in irgendeiner Weise praktisch politisch betätigt. Marie Langer war deshalb von den Nazis verhaftet worden ebenso wie die Widerstandskämpferin Edith Jacobson und wie Ernst Simmel, der in Berlin dem Verein sozialistischer Ärzte vorgestanden hatte. Mitscherlich war Widerständler, teilweise in Gestapohaft, nach dem Krieg sogar kurz in einer Ministerfunktion. Parin, einer der Begründer der Ethnopsychoanalyse, war im Krieg von der Schweiz nach Jugoslawien gezogen, um dort ein Lazarett für Partisanen aufzubauen und darin als Arzt zu wirken. Diese biografischen Parallelen sprechen für die Annahme, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen persönlichem politischen Engagement einerseits und der Motivation zur Anwendung der Psychoanalyse für gesellschaftskritische Forschung andererseits. Die Formel könnte lauten: Nur wer sich praktisch widerstandsbereit einsetzt, kann sich zutrauen, sich mit gesellschaftskritischen Analysen zu exponieren.
Je mehr sich psychotherapeutische Gruppen von Politik fernhalten wollen, umso leichter dringt die Politik durch die Hintertür in ihren Kreis ein und reißt oft destruktive Gräben zwischen Älteren und Jüngeren, Dogmatikern und Liberalen oder den Vertretern verschiedener Theorie- oder Methodenvarianten auf. Die Verarbeitung der Konflikte gelingt dann umso weniger, je mehr sie mit ideologischen Argumenten oder gar mit persönlichen Deutungen ausgetragen werden, anstatt dass man über strukturelle Erneuerungen nachdenkt, zum Beispiel über die Erweiterung der Mitgestaltungsmöglichkeiten für die Jüngeren.
Psychoanalytiker haben den Teil der Psychiatrie-Enquête vorbereitet, der neben der Psychiatrie die Sektoren Psychotherapie, Psychosomatik, das Beratungswesen und die Arbeit mit sozial Gefährdeten und mit Randgruppen betraf. Was heute schwer vorstellbar erscheint: Es war der Druck von unten, von den betroffenen Berufsgruppen aus, der damals diesen Reformprozess in Gang setzte. Und es waren überwiegend junge Psychoanalytiker, die den Gesamtkomplex von Ausbildung, Fortbildung, Supervision und strukturellen Neuerungen in den Enquête-Text hineinschrieben, der dann vom Bundestag abgesegnet wurde und zur Bewilligung von 300 Millionen DM für die praktische Umsetzung führte.
Es darf nicht unterschlagen werden, dass es damals gelang, psychische Gesundheit mit dem Begriff von Emanzipation zu verknüpfen, was etwa hieß, Menschen mit Störungen, Abweichungen und Behinderungen zu helfen, sich als ebenbürtig in das Gemeinschaftsleben zu integrieren und umgekehrt im gesellschaftlichen Umfeld Tendenzen der Stigmatisierung und der Ausgrenzung abzubauen. Es ging also sowohl um mehr soziale Offenheit als um mehr psychische Sensibilität. Jene junge sozial aktive Psychoanalytiker-Generation fühlte sich wohl dabei, die Strukturen für ihre Arbeit in Institutionen selbst kreativ mitzubestimmen, anstatt von oben Bedingungen vorgesetzt zu bekommen, die therapeutisches Wirken durch analysefremde bürokratische und ökonomische Kriterien einengen oder deformieren.
Genau in dieser negativen Richtung haben sich indessen bekanntlich inzwischen schwerwiegende Wandlungen vollzogen. Unter den therapeutischen Erfolgskriterien taucht der Begriff emanzipatorisch nicht mehr auf. Funktionieren und die dadurch charakterisierte Fitness stehen obenan, wozu sich rasch wirkende und leicht praktikable Verfahren wie Chemie oder Verhaltens-training anbieten.
Die Psychoanalyse kann immer nur helfen, verdrängte Wahrheiten ans Licht zu befördern. Sie kann versuchen, die Widerstandskraft gegen die genannte Selbstentmündigung durch Aufklärung zu stärken, zum Beispiel durch Erinnerung an Beispiele, bei denen unbeirrter Verständigungswille scheinbar unüberbrückbare Feindschaften überwunden hat.
Psychoanalytiker haben keine politische Macht. Aber wenn sich, wie jetzt nach dem Irak-Desaster, ein verbreitetes Unbehagen gegen Krieg und gegen die angekündigte Modernisierung und Erweiterung der atomaren Rüstung regt, dann können sich auch Psychoanalytiker darüber Gedanken machen, welche Mittel geeignet scheinen, ein solches Unbehagen für kritische Aufklärung zu nutzen.

zZitierweise dieses Beitrags:
Dtsch Arztebl 2004; 101: A 1405–1408 [Heft 20]

Anschrift des Verfassers:
Prof. Dr. med. Dr. phil. Horst-Eberhard Richter
Friedrichstraße 28
35392 Gießen
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