ArchivDeutsches Ärzteblatt25/2004Haaranalytik: Zunehmende Bedeutung in Medizin und Recht

MEDIZINREPORT

Haaranalytik: Zunehmende Bedeutung in Medizin und Recht

Dtsch Arztebl 2004; 101(25): A-1789 / B-1489 / C-1435

Mußhoff, Frank; Madea, Burkhard

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Das Haar ist Bestandteil des Epidermalkomplexes der Kopfhaut. Foto: medicalpicture
Das Haar ist Bestandteil des Epidermalkomplexes der Kopfhaut. Foto: medicalpicture
Methodische Fortschritte der Haaranalytik haben das
Spektrum der nachweisbaren Substanzen erweitert.

Haare dienen schon seit längerer Zeit als Beweismittel vor Gericht. Besondere Bedeutung hat in den letzten Jahren die Haaranalytik auf inkorporierte Fremdstoffe – insbesondere auf Drogen – gewonnen. Dabei erhofft man sich valide Aussagen über Ausmaß und Dauer eines missbräuchlichen Konsums von Drogen, der Exposition gegenüber Fremdstoffen oder den Nachweis einer Abstinenz; zum Beispiel zur Wiedererlangung der Fahrerlaubnis oder beim Workplace Drug Testing (Einstellungsuntersuchung et cetera).
Klinische Fragestellungen der Haaranalytik konzentrieren sich ebenfalls auf die Aufklärung eines Missbrauchs von Substanzen, gleichzeitig ist ein retrospektives therapeutisches Drug Monitoring beziehungsweise eine retrospektive Compliance-Analyse möglich. Es bestehen deutliche Unterschiede in der Aussagekraft toxikologischer Untersuchungen an Haaren einerseits sowie an Blut und Urin andererseits, die auch deren jeweiligen Einsatz bestimmen (Tabelle):
- Die Haaranalyse auf Medikamente und berauschende Mittel lässt eine Aussage über einen Konsum noch nach mehreren Wochen oder Monaten zu, während eine entsprechende Aufnahme durch Blut- oder Urinuntersuchungen nur über einige Tage nachweisbar ist.
- In Haaren werden die Muttersubstanz oder lipophile Metabolite in höheren Konzentrationen aufgefunden als die (vorzugsweise mit dem Urin ausgeschiedenen) hydrophileren Endmetabolite.
In den letzten Jahren sind maßgebliche Erkenntnisse über die Inkorporation von Fremdsubstanzen in Haare erarbeitet worden. Einerseits gelangen durch Ingestion, Inhalation oder Injektion aufgenommene Fremdsubstanzen über die Haarfollikel umgebende Blutkapillaren während der anagenen Phase in die Haarwurzel und werden bei der Haarentstehung eingelagert. Weitere Möglichkeiten liegen in einer direkten Aufnahme in das keratinisierte Haar über den Kontakt mit (drogenhaltigem) Emulsionsfilm (Schweiß, Sebum) auf der Haaroberfläche oder über den Kontakt mit „drogenhaltigen“ Stäuben oder Gasen (Grafik).
Andererseits kann es auch durch Haarbehandlungen wie Tönen, Bleichen oder Dauerwelle zu einer Verringerung von Substanzkonzentration in den Haaren kommen. Drei Hauptfaktoren beeinflussen die Aufnahme und Retention von Fremdsubstanzen in Haaren: Melaninaffinität, Lipophilie und Basizität der jeweiligen Substanz. Die geringere Durchlässigkeit von Biomembranen auf polare Stoffe ist der maßgebliche Grund dafür, dass die lipophileren Muttersubstanzen oft in höheren Konzentrationen gefunden werden als ihre hydrophileren Metaboliten.
Als Methode der Wahl bei der Analytik auf Fremdstoffe in Haaren gilt die Gaschromatographie in Verbindung mit der Massenspektrometrie (GC-MS), sensitivere Verfahren sind bei Einsatz der Gas- oder Flüssigkeitschromatographie in Verbindung mit der Tandem-Massenspektrometrie (GC- oder LC-MS-MS) zu erlangen. Bei der Interpretation gefundener Wirkstoffmengen sind zum Ausschluss falschpositiver Befunde einerseits die Konzentration in der Waschflüssigkeit und andererseits der Nachweis von Metaboliten, die nicht gleichzeitig Zerfalls- oder Hydrolyseprodukte sind, heranzuziehen. Eine (aktive) Aufnahme kann nur anhand von Metaboliten nachgewiesen werden, die ausschließlich bei der Körperpassage entstehen können.
Das Nachweisfenster zur retrospektiven Einschätzung der Konsumdauer ist abhängig von der Haarlänge; bei einer durchschnittlichen Wachstumsrate von einem Zentimeter monatlich kann unter Umständen bei entsprechender Haarlänge auch das Konsumverhalten über einen längeren Zeitraum durch segmentale Analyse der Haare verfolgt werden.
Nach Heroinkonsum kann im Haar der erste Heroinmetabolit 6-Monoacetylmorphin (MAM) nachgewiesen werden; damit ist auch eine Differenzierung zwischen Heroinkonsum und der Einnahme von Morphin-Präparaten oder gar Codein möglich.
Während Kokain aufgrund einer kurzen Plasmahalbwertszeit nur begrenzt im Blut und auch Urin nachweisbar ist und der Beleg eines Kokainkonsums vornehmlich über den Nachweis des Hauptmetaboliten Benzoylecgonin erfolgt, wird Kokain aufgrund seiner physikochemischen Eigenschaften hervorragend in Haare inkorporiert, weshalb es in Haaren in höherer Konzentration nachweisbar ist als die Metaboliten.
Bei Haaranalysen zum Nachweis oder Ausschluss eines Cannabiskonsums sind der Hauptwirkstoff D-9-Tetrahydrocannabinol (THC) sowie Cannabidiol (CBD) und Cannabinol (CBN) von Bedeutung. Allerdings wird durch den Nachweis dieser Substanzen, die auch im Cannabisrauch vorkommen, nicht zweifelsfrei eine Körperpassage bewiesen. Zumindest in zweifelhaften Fällen bedarf es für den Nachweis des Stoffwechselproduktes D-9-Tetrahydrocannabinol-9-Carbonsäure (THC-COOH) Methoden mit einer Sensitivität von bis zu 0,5 pg/mg, zum Ausschluss eines mehrmaligen Konsums sogar von bis zu 0,05 pg/mg.
Bei Haaranalysen zum Nachweis oder Ausschluss eines Amphetamin- beziehungsweise Ecstasykonsums werden die jeweiligen Muttersubstanzen selbst im Haar detektiert. Eine große Anzahl weiterer zentral wirksamer Medikamente, wie Benzodiazepine, trizyklische Antidepressiva oder Neuroleptika sind gut in Haaren nachzuweisen.
Auch charakteristische Stoffwechselprodukte, die im Zug einer regelmäßigen Alkoholaufnahme entstehen, sind in Haaren nachweisbar; dabei handelt es sich insbesondere um Fettsäureethylester (FSEE) und
das Ethylglucuronid. Bei der segmentweisen Analyse von Haarproben auf FSEE konnte sogar eine zeitliche Übereinstimmung mit den von den Probanden angegebenen Trink- und Abstinenzphasen nachvollzogen werden; die Haaranalyse auf diese Analyten stellt eine sinnvolle Ergänzung bei der retrospektiven Aufklärung eines Alkoholmissbrauchs dar.
Ursprünglich für die Kälbermast entwickelte Verfahren zum Nachweis von Clenbuterol in Haaren sind heute auch für die Dopingkontrolle von Bedeutung. Eine retrospektive Einschätzung einer Aufnahmemenge anhand der Konzentration kann immer nur durch das untersuchende Labor anhand seiner Statistik der positiven Fälle erfolgen. Eine lineare Beziehung zwischen Aufnahmemenge und Konzentration gibt es unter Umständen in den Haaren einer Person, aber nicht interindividuell.
Die rasanten Entwicklungen in der Haaranalytik der vergangenen Jahre sind eng gekoppelt an die Entwicklung moderner Analysetechniken. Zwar wurden die Möglichkeiten der modernen Haaranalytik im Wesentlichen in forensisch-toxikologischen Laboratorien und Instituten für Rechtsmedizin erarbeitet, haben aber inzwischen Bedeutung weit darüber hinaus gerade für den klinischen Bereich gewonnen. Beispielhaft seien hier nur Abstinenzüberprüfungen und Patienten-Monitoring in der Psychiatrie sowie die Expositionskontrolle bei arbeitsmedizinischen Untersuchungen genannt. Auch klinische Interessenten und Nutzer der Haaranalytik sollten dabei immer die innerhalb des forensischen Bereichs entwickelten Kriterien zur Aussagesicherheit und Qualitätskontrolle beachten.

Anschrift der Verfasser:
Priv.-Doz. Dr. med. Frank Mußhoff
Prof. Dr. med. Burkhard Madea
Institut für Rechtsmedizin
(Direktor: Prof. Dr. med. Burkhard Madea)
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität, Bonn
Fax: 02 28/73 83 68
E-Mail: b.madea@uni-bonn.de

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema