ArchivDeutsches Ärzteblatt25/2004Depressive Erkrankungen: Häufig mit Schmerzen verbunden

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Depressive Erkrankungen: Häufig mit Schmerzen verbunden

Hoc, Siegfried

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LNSLNS Depressive Erkrankungen beeinträchtigen nicht nur die Gemütslage und den Antrieb. Bis zu 80 Prozent der Betroffenen leiden auch an körperlichen Symptomen – vor allem an Schmerzen, zumeist im Bereich des Muskel- und Skelettsystems, und an Kopfschmerzen. Oftmals komplizieren physische Symptome die Diagnosestellung. Aber auch dann, wenn die psychische Erkrankung erkannt und antidepressiv behandelt wird, sind es häufig die physischen Symptome, die einer Krankheitsremission im Wege stehen, erläuterte Prof. Gerd Laux (Gabersee/Wasserburg) in München.
Verfügbare Antidepressiva oft nicht ausreichend wirksam
Die Remissionsrate von Patienten, die auf eine Schmerzbehandlung mit Antidepressiva ansprachen, ist in Studien doppelt so hoch wie bei Patienten, deren körperliche Symptome auf die Behandlung nicht reagieren. Dabei sind Residualsymptome starke Prädiktoren für einen frühen Relaps der depressiven Erkrankung.
Die alt bewährten Antidepressiva, beispielsweise Trizyklika und MAO-Hemmer, wirken unspezifisch und unselektiv auf den Neurotransmitter-Stoffwechsel im ZNS, weshalb sie erhebliche unerwünschte Nebeneffekte provozieren. Deutlich weniger Nebenwirkungen induzieren die selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI), deren therapeutischer Effekt aber häufig nicht ausreicht und die Schmerzen kaum beeinflusst. Jedoch scheinen Trizyklika eine stärkere analgetische Wirksamkeit als SSRI zu haben.
Der antidepressive Effekt der SSRI setzt erst nach mehreren Wochen bis zu zwei Monaten voll ein, und nur wenige Patienten erreichen unter der Medikation eine komplette Remission.
Eine Schlüsselrolle in der Pathogenese depressiver Erkrankungen spielen die Neurotransmitter Serotonin und Noradrenalin. Beide Botenstoffe spielen aber auch bei der Weiterleitung und Verarbeitung körperlicher Schmerzen im ZNS eine dominierende Rolle. Ihr Hauptwirkort ist das limbische System als wesentliche Schaltstelle der Wahrnehmung körperlicher Schmerzen. Diese Tatsache erklärt auch die Bandbreite der psychischen und physischen Symptome, die viele depressive Patienten zeigen. Nur wenn ein Gleichgewicht zwischen der serotonergen und noradrenergen Wiederaufnahmehemmung hergestellt wird, können sowohl die psychischen als auch die körperlichen Symptome eliminiert werden. Ein solches ausbalancierendes Wirkprofil besitzt der selektive Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer (SSNRI) Duloxetin, der Anfang 2005 in den Markt eingeführt werden soll.
Die empfohlene Standarddosis von täglich 60 mg Duloxetin dürfte bei dem größten Teil der Patienten eine ausreichende klinische Wirkung zeigen. Studien ergaben eine hohe Remissionsrate unter der Substanz, berichtete Laux. Die Wirkung setzt bereits nach einer Woche ein, und das Nebenwirkungsprofil sei sehr günstig, weil keine relevante Affinität zu anderen als zu den Serotonin- und Noradrenalin-Rezeptoren besteht. Durch das duale Wirkprinzip von Duloxetin wird nicht nur eine hohe Rate an Vollremissionen erreicht und damit auch das Rückfallrisiko deutlich gesenkt, es werden auch körperliche Beschwerden im Rahmen der Depression beseitigt oder zumindest minimiert.
Duloxetin wird auch das erste Medikament gegen Belastungsinkontinenz sein. Kontinenz wird ebenfalls über serotonerge und noradrenerge Rezeptoren gesteuert. Die vom Mittelhirn und der Hirnrinde ausgehenden Impulse gelangen über das Sakralmark auf Motoneuronen und dann auf den Nervus pudendus, der den Tonus des inneren Blasensphinkters erhöht.
Detrusor-Kontraktion wird gehemmt
Indem Duloxetin die Wiederaufnahme von Serotonin und Noradrenalin aus dem synaptischen Spalt hemmt, steigert es die Aktivität des N. pudendus. Der Rhabdosphinkter kontrakiert sich, die Detrusor-Kontraktion wird gehemmt, und die Blasenkapazität steigt. Das Präparat wird in einer täglichen Dosis von 80 mg eingenommen werden müssen. Es ist auch in dieser höheren Dosierung gut verträglich und soll noch vor dem Antidepressivum auf den Markt kommen. Siegfried Hoc

Presseworkshop „Die andere Seite der Depression – körperliche Beschwerden insbesondere Schmerzen – das duale Wirkprinzip von Duloxetin (SSNRI)“ der Firmen Boehringer Ingelheim und Lilly Deutschland in München

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