ArchivDeutsches Ärzteblatt48/1996Museum Zander in Bönnigheim: Erste Adresse für naive Malerei

VARIA: Feuilleton

Museum Zander in Bönnigheim: Erste Adresse für naive Malerei

Händler, Ruth

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LNSLNS Bis vor kurzem ein weißer Fleck in der Kunstlandschaft, jetzt Hauptstadt der naiven Malerei: Der idyllische Weinort Bönnigheim zwischen Ludwigsburg und Heilbronn kann sich neuerdings einer Attraktion rühmen, die nicht nur in Deutschland, sondern weltweit einmalig ist. Wie in den vergangenen Jahrhunderten ist das renovierte Barockschloß im Stadtkern jetzt wieder kultureller Mittelpunkt. Und dazu erstmals auch ein multikultureller.
Mit mehr als 3 400 Bildern, Zeichnungen und Skulpturen von 321 Künstlern aus 44 Ländern, die sie in 45 Jahren zusammengetragen hat, ist die Sammlerin und frühere Münchener Galeristin Charlotte Zander in den geräumigen Prachtbau eingezogen und hat dort das erste deutsche Museum für Naive Kunst und Art Brut eröffnet. In 43 Schausälen auf drei Etagen hat Charlotte Zander zur Eröffnung einen Teil des riesigen Bestandes arrangiert. Es gibt Räume, die dem Werk eines Künstlers gewidmet sind – etwa dem des Bauernmalers Max Raffler vom Ammersee oder dem des Briten James Lloyd, der mit Tierdarstellungen staunen macht. Und es gibt Säle, in denen Charlotte Zander Bilder ganz unterschiedlicher Künstler aufeinander wirken läßt, wo zum Beispiel die Karibik-Szene des Haitianers Wilson Bigaud zusammentrifft mit den französischen Parklandschaften des Emile Blondel, den winterlichen Städten seines Landsmannes Jean Eve und mit einem Stilleben des in Deutschland lebenden Italieners Karl Borro Paletta.
Von einem kleinen Exkurs in die Volkskunst mit Votivbildern des 19. Jahrhunderts reicht die Auswahl der Arbeiten bis zu Spitzenwerken der Art Brut – der Kunst von Außenseitern der Gesellschaft, die ihre Werke in selbstgewählter Isolation oder in erzwungener Einsamkeit als Folge von Armut, Vertreibung oder Krankheit schufen und in psychiatrischen Kliniken wie der Schweizer Adolf Wölfli (1864 bis 1930) und die Maler des Landeskrankenhauses Gugging bei Wien. Mit jenen oft spiritistisch und visionär begabten "Heiligen der Kunst" – so nannte sie der französische Maler Jean Dubuffet – verbindet die naiven Maler der ausgeprägte, unakademische Individualstil. Die Eröffnungspräsentation (bis zum 23. Februar 1997) lohnt allein schon den Museumsbesuch. Sie gilt den französischen Klassikern der naiven Kunst, für die zuallererst der Name des Zöllners Henri Rousseau steht. Rund hundert Bilder sind in Bönnigheim unter anderem von Rousseau, André Bauchant und Louis Vivin zu sehen. Das Museum Charlotte Zander in Schloß Bönnigheim ist täglich außer montags von 11 bis 15 Uhr geöffnet. Ruth Händler
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